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Heimat

Breitenberg liegt in der „Neuen Welt“

Im Wegscheider Land liegt der östlichste Außenpunkt Bayerns. Der Dichter Adalbert Stifter schätzte die liebliche Gegend über alles.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Förster Ludwig Penz am östlichsten Grenzstein Bayerns. Im Hintergrund der Grenzfluss MichelFotos: Thomas Dietz
  • Skispringen hat hier Tradition
  • Blick auf das idyllische Breitenberg
  • Die historischen Schmiedehämmer

Breitenberg. „Breitenberg ist freundlich und angenehm, die Luft mild und trocken, und die Häuser und Gärten und Felder sind lieblich ... ruhevolle, stille Waldbänder und sonnige Halden ... nicht bloß gesundheitsbringend sondern auch stillend und seelenberuhigend ist es, wenn man hier wandelt und alles auf sich wirken lässt ... Der Aufenthalt in dieser für mich entzückenden Gegend gehört zu den glücklichsten Tagen meines Lebens...“

Kein Geringerer als der große Biedermeier-Dichter Adalbert Stifter (1805-1868) hat den südlichen Bayerischen Wald so hochgelobt, weshalb man das Wegscheider Land gern auch Adalbert-Stifter-Land nennt. Hier soll er seinen historischen Roman „Witiko“, der den Aufstieg der Rosenberger Ahnherren im Südböhmen des 12. Jahrhunderts schildert, geschrieben haben – und es gibt nicht weniger als neun Stifter-Wanderwege.

Wir befinden uns kurz vor dem östlichsten geografischen Punkt Bayerns: 48° 42’ 20’’ nördlicher Breite und 13° 47’ 43’’ östlicher Länge. Förster Ludwig Penz geht voran durch fette, nasse Wiesen zur Mündung des Finsterbaches in den Grenzfluss Michel, der ein paar Meter weiter, in Österreich, Große Mühl heißt (daher der Name „Mühlviertel“). Die Biber haben lange Schneisen hinterlassen, als sie frühmorgens zum Grasfressen hier waren.

„1765“ steht auf dem östlichsten bayerischen Grenzstein, dem „Hauptmarkstein“, außerdem die österreichischen und passauischen Wappen. Die Grenze selbst verläuft einige Schritte weiter, etwa 50 Meter nördlich in der Flussmitte. Jede natürliche Veränderung des Wasserlaufes nimmt die Staatsgrenze dann quasi mit. Bis in die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts, bis zum Bau der Eisenbahn, wurde über die Große Mühl Brennholz in großen Mengen bis nach Wien getriftet.

Nicht weit zum Moldau-Stausee

Aber wie erfreulich ruhig, normal, frei und friedlich ist alles hier im Dreiländereck zu Österreich und Tschechien. Grenzkontrollen gibt’s keine mehr. Lang ist’s her, dass hier tolldreiste Schmugglerbanden gejagt wurden, die zentnerweise Sacharin nach Österreich schafften, einmal sogar während einer scheinheiligen Wallfahrt in einem Hohlraum des Hl. Nepomuk.

„Heute fahren die Breitenberger zum Tanken selbstverständlich nach Österreich, wo Superbenzin 15 bis 20 Cent billiger ist“, sagt Förster Penz. Oder zum Essen. Holländische Gespanne, die früher hier im Niederbayerischen zum Urlaub hielten, fahren heute weiter zum fischreichen Moldau-Stausee in Tschechien (scherzhaft „Südböhmisches Meer“ genannt), wo alles (noch...) preisgünstiger ist. Aber wer im Jagdhof bei Familie Pöschl einkehrt, kann sich bei deftigen Speisen in großen Portionen nicht gerade beklagen. Grenzkontrollen nach Tschechien gibt’s auch keine mehr. Wenn es Ärger gibt, ist er nicht mehr politisch – es geht eher um schlechtes Benehmen im Nationalpark Böhmerwald.

Immer wieder schaut man über die anmutige Landschaft hinüber zum Dreisesselberg, die Natur ist üppig und gesund, Luchse und Elche streichen durch den Bauernwald. Auch weiße Rehböcke hatte man schon im Revier: „Wer aber weißes Wild schießt, stirbt noch im selben Jahr – und ob dieser Satz wirklich stimmt, mochte noch keiner am eigenen Leib überprüfen“, hört man im Gasthaus Jagdhof.

Spät, erst Mitte des 17. Jahrhunderts, wurde der Wegscheider Forstwald urbar gemacht. Der Passauer Fürstbischof Wenzeslaus Graf von Thun und Hohenstein (1629-1673) steckte in einer finanziellen Klemme und gab darum den Befehl, die bisher unbesiedelte Landzunge ins Österreichische zu kolonisieren, Getreide und Flachs anzubauen. Im Gegenzug erhielten seine Siedler allerhand Freiheiten zugesichert, weshalb man der Gegend den Namen „Die Neue Welt“ gab. Auch heiratete man ausgiebig nach Österreich und zurück. „Neo Wöhd“ nennen die Breitenberger noch heute ihre Heimat – in einer Mundart, die kein Fremdling zu lernen imstande ist.

Leicht war das Leben der Bauern und Waldler nie: „Willst leben, musst weben“, hieß es jahrhundertelang in der Neuen Welt. Praktisch in jeder Bauernstube stand ein Webstuhl, der immer klappern musste, oft genug arbeiteten die Kinder bis in die tiefe Nacht, denn ein Zubrot neben der kargen Landwirtschaft war dringend nötig. Breitenberger Leinen war wegen seiner feinen Qualität in ganz Europa ein Begriff; vor allem Fürstenhäuser schätzten das vorzügliche Leinen aus dem Bayerischen Wald.

Heute kann man sich im Webereimuseum Breitenberg ein Bild der damaligen Zeiten machen – „vom Flachs zum fertigen Webstück“: Dort gibt es auch regelmäßige Web-Vorführungen nach alter Technik und alten Mustern, dann sieht man Flachsverarbeitung, Weben, Färben und Blaudruck.

Schneesicher, langlauffreundlich

Erhalten ist auch eine historische Hammerschmiede von 1767 mit erfreulich vollständiger Original-Ausstattung: ein Wasserrad (3 Meter Durchmesser, 1 Meter breit) treibt zwei 150 kg schwere Doppelhämmer an, außerdem einen Schleifstein. Es gibt zwei Schmiedeessen und Hunderte von alten Schmiedewerkzeugen. Norbert Blößl, Schmied in 7. Generation (!), lässt die Esse nur noch für größere Reisegruppen nach Anmeldung anfeuern und vorführen. Unterm Dach gibt es eine liebevoll hergerichtete Dokumentation der Schmiede.

Breitenberg ist ein absolut schneesicherer und langlaufgeeigneter Ort: „Wir haben hier einen zuverlässigen Winterdienst von November bis April“, sagt Förster Penz. Die Skisprungschanze Rastbüchl hat drei Schanzen, davon zwei Sommerschanzen. Und überall in der Stadt hängen fröhliche Bilder des „Local hero“: es ist der einheimische Skispringer Michael Uhrmann (33), der zuletzt bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver eine Silbermedaille gewann.

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In loser Folge berichten wir über weitere Außenstellen Bayerns: Nach dem geografischen Mittelpunkt in Kipfenberg, dem nördlichsten Punkt in Fladungen und dem östlichsten folgen der südlichste und westlichste, der höchste und der niedrigste Punkt.

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