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Überlebende

Bücher, die das Publikum erschüttern

Homosexuelle wurden in Konzentrationslagern Opfer von drastischer sexualisierter Gewalt. Davon erzählen zwei Lebensberichte.
Von Katharina Kellner

Martin Preis und Wolfgang Klein zeigen ein Porträt des Überlebenden Josef Kohout und eine Ausgabe von „Die Männer mit dem rosa Winkel“. Foto: Kellner
Martin Preis und Wolfgang Klein zeigen ein Porträt des Überlebenden Josef Kohout und eine Ausgabe von „Die Männer mit dem rosa Winkel“. Foto: Kellner

Regensburg.Die SS-Männer foltern den aufgehängten Häftling auf bestialische Weise, traktieren seine Hoden mit heißem und kaltem Wasser. Eine Flasche Schnaps macht die Runde. Am Ende erschlagen sie den Bewusstlosen mit einem Holzschemel. Wolfgang Klein hält inne, als er davon liest, wie der Tiroler Häftling gefoltert wird. Er schlägt sich die Hände vors Gesicht, entschuldigt sich beim Publikum für die Unterbrechung. Doch die Zuhörer sind ähnlich mitgenommen von dem, was sie hören.

Die Szene ist nur ein Beispiel für die sadistische sexuelle Gewalt, der homosexuelle Häftlinge in den Lagern der Nazis ausgesetzt waren. Bei einer Lesung am Mittwochabend im Regensburger Thon-Dittmer-Palais zeigte sich eindrucksvoll, welch unmittelbar erschütternde Wirkung auch schriftliche Berichte von Überlebenden haben können – auch 77 Jahre nach Kriegsende.

Mit dem Pseudonym schützte er sich vor Stigmatisierung und Strafe

Wolfgang Klein und Martin Preis, beide aus dem Vorstand der Regensburger Schwulen- und Lesbeninitiative Resi, lasen aus den Berichten von zwei homosexuellen Überlebenden des KZ Flossenbürg: Hugo Walleitner (1909-1982) und Josef Kohout (1915-1994). Der österreichische Grafiker Walleitner war von 1942 bis Kriegsende im KZ Flossenbürg inhaftiert. Ihm und seinem Künstlerkollegen Richard Grune ist derzeit eine Ausstellung im Regensburger Historischen Museum gewidmet. Damit stehen erstmals Werke zweier wegen ihrer Homosexualität Verfolgter im Fokus einer Ausstellung, deren Objekte aus der Sammlung der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg stammen.

Kurz nach 1945 schrieb Walleitner das autobiographische Buch „Zebra – Ein Tatsachenbericht aus dem Konzentrationslager Flossenbürg. Mit 34 Bildern des Verfassers“. Es ist der erste Überlebendenbericht aus dem KZ Flossenbürg überhaupt und heute nur noch antiquarisch erhältlich. Auf seine Homosexualität geht Walleitner nicht ein.

Als Autor des zweiten Buches „Die Männer mit dem rosa Winkel“ ist Heinz Heger genannt – ein Pseudonym des Autors Hans Neumann. Dieser führte zwischen 1965 und 1967 Interviews mit Josef Kohout und schrieb das Buch über Kohouts KZ-Erlebnisse aus der Ich-Perspektive. Mit dem Pseudonym schützte er sich vor Stigmatisierung und Strafe. Denn auch nach 1945 war Homosexualität in Deutschland und Österreich ein Straftatbestand. „Die Männer mit dem rosa Winkel“ erschien 1972 und wurde in viele Sprachen übersetzt. Das Buch steigerte das Bewusstsein für die NS-Verfolgung von Homosexuellen beträchtlich.

Das Vergehen der Homosexuellen: „Sie entziehen sich ihrer Pflicht dem deutschen Volk gegenüber“

In der NS-Ideologie galt Homosexualität als „artfremd“, wie Dr. Hans Simon-Pelanda von der Arbeitsgemeinschaft ehemaliges KZ Flossenbürg sagte: „Die Homosexuellen haben sich nicht an der Produktion von Kriegern beteiligt. In den Gerichtsurteilen stand: Sie entziehen sich ihrer Pflicht dem deutschen Volk gegenüber.“ Bis zu 15 000 Homosexuelle seien während der NS-Zeit in den Zuchthäusern oder im KZ gelandet. „Sie galten als ,besserungsfähige‘ Gefangene.“

In den beiden Berichten wird das Häftlingsbordell erwähnt, das 1943 in Flossenbürg eingerichtet worden war. Heinrich Himmler, „Reichsführer SS“, wollte damit ausgewählte Häftlinge zu höherer Arbeitsleistung motivieren. Simon-Pelanda erwähnt eine andere Theorie: dass Himmler die Lagerbordelle einführte, um die Homosexualität in den Lagern einzudämmen. So sollten die Betroffenen „normal“ werden.

Kohout und Walleitner konnten beide 1945 bei einem Todesmarsch fliehen. Beide erhielten nach dem Krieg keine Opferentschädigung. Das war üblich für Menschen, die in der NS-Zeit wegen Homosexualität verfolgt worden waren. Auch nach 1945 sei er als „krimineller Strolch“ eingestuft worden, schreibt Neumann über Kohout.

Die Ausstellung

  • Werke der Künstler

    Hugo Walleitner und Richard Grune sind im Historischen Museum Regensburg zu sehen. Führungen: 29. April (15 Uhr), 2. Mai (11 Uhr) und zur Finissage am 6. Mai (15 Uhr). Treffpunkt im Foyer des Historischen Museums.

  • Hans Simon-Pelanda

    spricht am 3. Mai, 19 Uhr, im Thon-Dittmer-Palais, Haidplatz 8, Raum 219, über Homosexuelle im Konzentrationslager, besonders in Flossenbürg und seinen Außenlagern. Der Eintritt ist frei.

Lesen Sie dazu auch, wie Hans Simon-Pelanda 36 Jahre lang für ein würdiges Erinnern an der Regensburger KZ-Außenstelle Colosseum kämpfte.

Auch am Saaler „Schicksalsberg“ wurde eine Gedenkfeier für KZ-Häftlinge abgehalten. Ex-Häftling Jakob Haiblum kehrte dafür aus Israel zurück

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