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Überblick

Chronologie eines unglaublichen Skandals

Seit 2010 ist bekannt, dass bei den Domspatzen Buben misshandelt wurden. Die Aufarbeitung kommt nur sehr langsam voran.

Die Schülerzahlen bei den Regensburger Domspatzen steigen wieder. Nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in dem weltbekannten Knabenchor hatte es einen deutlichen Rückgang gegeben. Foto: dpa
Die Schülerzahlen bei den Regensburger Domspatzen steigen wieder. Nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in dem weltbekannten Knabenchor hatte es einen deutlichen Rückgang gegeben. Foto: dpa

30.08.2007: Pfarrer von Riekofen verhaftet

Der Pfarrer von Riekofen gesteht 22 sexuelle Übergriffe auf einen Ministranten und wird 2008 dafür verurteilt. Das Bistum muss sich den Vorwurf der Mitschuld gefallen lassen. Bereits 1999 hatte sich der damalige Kaplan in Viechtach an Jungen vergangen. Als vorbestrafter Sexualstraftäter hätte er nicht mehr mit Kindern arbeiten dürfen.

28.01.2010: Erste Vorwürfe am Canisius-Kolleg Berlin

Der Rektor des Canisius-Kolleg in Berlin schreibt wegen mehrerer ihm bekannt gewordener Missbrauchsfälle an Kindern einen Brief an die Absolventen der betroffenen Jahrgänge, um „beizutragen, dass das Schweigen gebrochen wird“. Er tritt damit eine Welle los. Wenig später werden Missbrauchsfälle im Kloster Ettal bekannt.

Foto: Archiv

04.03.2010: Skandal erreicht Domspatzen

Der Skandal um sexuellen Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche erreicht Regensburg. Das Bistum Regensburg bestätigte nach mehreren Nachfragen der Mittelbayerischen Zeitung, dass es auch im weltberühmten Knabenchor zu Übergriffen durch Geistliche kam. Pressesprecher Clemens Neck nennt „vier, fünf Sachen“.

09.03.2010: Bischof attackiert Justizministerin

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller bezichtigt Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) der Lüge. Die Justizministerin hatte im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal in der Kirche von einer „Schweigemauer“ gesprochen, die die Aufklärung erschwere. Müller nennt die Aussage „ehrenrührig“.

Foto: Armin Weigel dpa/lby

22.03.2010: Bistum kündigt Verhaltenscodex an

Zwei Wochen nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle kündigt das Bistum die Verabschiedung eines Verhaltenskodex für Kirchenmitarbeiter an, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Das Bistum spricht von sieben Opfern. Bistumssprecher Klemens Neck (Foto) betont: „Ziel ist, Gerechtigkeit für die Opfer herzustellen.“

16.03.2011: Bistum legt Zwischenbericht vor

Ein Jahr ist seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle vergangen, nun legt das Bistum einen ersten Zwischenbericht vor. Dabei nennt die Missbrauchsbeauftragte Dr. Birgit Böhm keine konkreten Zahlen zu Verdachtsfällen. „Das werde den Opfern nicht gerecht“, so die Aussage. Bei den Tätern bezieht sich Böhm auf jene Fälle, die durch Gerichte aufgearbeitet wurden. Es handele sich seit 1945 um zehn Geistliche, darunter zwei Mehrfachtäter.

19.04.2012: Bistum verweigert Anerkennung

Aus den Reihen der Missbrauchsopfer melden sich ehemalige Domspatzen, die sich in ihrem Leid nicht anerkannt fühlen. Das Bistum habe Anträge auf Anerkennungsleistung nicht weitergeleitet, so der Vorwurf. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte entschieden, an jedes Opfer bis zu 5000 Euro auszuzahlen. In einigen Fällen wurde dies abgelehnt. Die Leistung werde nur bei sexuellem Missbrauch ausbezahlt, rechtfertigt sich das Bistum.

Foto: Armin Weigel/dpa

02.07.2012: Bischof Müller verlässt das Bistum

Papst Benedikt XVI. gibt bekannt, dass er den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller an die Spitze der Glaubenskongregation berufen wird. Damit wird Müller zum obersten Glaubenshüter in der katholischen Kirche. Der frühere Generalvikar Dr. Wilhelm Gegenfurtner wird zum Administrator im Bistum bestellt, solange der Bischofsstuhl vakant ist. Über die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle dringt kaum noch etwas an die Öffentlichkeit.

Ein MZ-Spezial zum Missbrauchsskandal sehen Sie hier.

Video: MZ

26.01.2013: Voderholzer erhält Bischofsweihe

In Regensburg empfängt Dr. Rudolf Voderholzer die Bischofsweihe. Das neue Kirchenoberhaupt im Bistum ist wie sein Vorgänger Müller Dogmatiker. Kurz nach seiner Amtseinführung nimmt Voderholzer – hinter verschlossenen Türen – die Aufklärung der Missbrauchsfälle wieder auf. Mit Opfern trifft er sich zu Gesprächen, über die nichts an die Öffentlichkeit dringen soll, wie er in einem Interview mit der MZ sagt.

22.05.2013: Aufklärerin stirbt überraschend

Die Missbrauchsbeauftragte im Bistum, Dr. Birgit Böhm, stirbt überraschend. Wenige Tage zuvor hatte sie, bereits gezeichnet von ihrer Krankheit, noch letzte Gespräche mit Missbrauchsopfern geführt und mit Bischof Voderholzer über das weitere Vorgehen beraten. Die Stelle des Missbrauchsbeauftragten bleibt zunächst vakant. In den Medien wird zunehmend kritisiert, dass das Bistum versucht, den Skandal auszusitzen.

14.11.2013: Linder übernimmt die Beratungsstelle

Der ehemalige Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Bezirksklinikum Regensburg, Dr. Martin Linder, wird neuer Missbrauchsbeauftragter der Diözese. Er bittet die Presse um Geduld, dass er sich zunächst in die Akten einarbeiten müsse, um sich ein Bild vom Ausmaß der Vorfälle machen zu können. In anderen betroffenen Einrichtungen wie im Kloster Ettal gibt es zu diesem Zeitpunkt schon lange eine gemeinsame Linie mit den Opfern.

Foto: Armin Weigel/dpa

30.05.2014: Opferkritik beim Katholikentag

In Regensburg findet der 99. Katholikentag statt. Auch das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche steht auf der Agenda. Bei einer Podiumsdiskussion wirft der Sprecher der Opferinitative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, der katholischen Kirche Vertuschung und Verleugnung vor und kritisiert Defizite bei der Aufarbeitung. Die Bischöfe haben zuvor einen neuen Versuch unternommen, die Vorfälle wissenschaftlich aufzuarbeiten.

10.11.2014: 30 Opfer erhielten Geldzuwendungen

Ein Jahr nach der Berufung legt der Missbrauchsbeauftragte Linder einen ersten Bericht vor. Von 1945 an wurden 13 Geistliche wegen sexueller Straftaten an 77 Minderjährigen in der Diözese verurteilt, davon einer wegen sexueller Straftaten an 25 Minderjährigen in zwei Pfarreien Anfang der 50er Jahre. Konkrete Opferzahlen werden in dem Bericht nicht genannt. Linder sagt, dass bislang 158 500 Euro für 30 Anträge von Opfern ausgezahlt wurden.

07.01.2015: ARD zeigt Film „Die Akte Domspatzen“

Die Filmemacherin Mona Botros bringt mit ihrem Film „Die Akte Domspatzen“ Bewegung in die Aufklärungsarbeit. In ihrem Beitrag, den die ARD ausstrahlt, kommen drei Betroffene zu Wort, die ihren Kampf um Gehör und Gerechtigkeit schildern. Dabei erheben sie schwere Vorwürfe über die Art, wie im Bistum mit den Opfern umgegangen wird.

Foto: altrofoto.de

25.01.2015: Bischof entschuldigt sich bei Opfern

Bischof Rudolf Voderholzer bittet in seiner Predigt zum Weihejubiläum die Missbrauchsopfer um Verzeihung. Wörtlich sagt er: „Zwei der damaligen Verantwortlichen in Etterzhausen und Pielenhofen haben den Buben durch ihr Terrorsystem, dessen einzige pädagogische Maßnahme offenbar die körperliche Züchtigung war, die Hölle bereitet.“

26.04.2015: Bistum bestellt Anwalt zur Aufarbeitung

Bei einer Pressekonferenz geben Domkapellmeister Roland Büchner (Foto) und Generalvikar Michael Fuchs bekannt, dass auf Empfehlung des Weißen Rings der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber beauftragt wird, die Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfe in den Einrichtungen der Domspatzen aufzuarbeiten.

Foto: altrofoto.de

08.01.2016: Weber spricht von bis zu 700 Opfern

Der zur Klärung des Missbrauchsskandals beauftragte Anwalt Ulrich Weber legt eine Zwischenbilanz vor. Von 1953 bis 1992 wurden mindestens 231 Kinder misshandelt oder sexuell missbraucht. Weber geht zudem von einer hohen Dunkelziffer aus. Jeder dritte Domspatz könnte von Übergriffen betroffen sein. Weber rechnet mit bis zu 700 Opfern.

13.01.2016: Ratzinger nennt Aufklärung „Irrsinn“

Der ehemalige Kapellmeister der Regensburger Domspatzen, Georg Ratzinger, hat die Aufklärung des Missbrauchsskandals als „Irrsinn“ bezeichnet. „Es ist einfach Irrsinn, wie man über 40 Jahre hinweg überprüfen will, wie viele Ohrfeigen bei uns verteilt worden sind“, so der 91-Jährige. Das Bistum relativiert die Aussagen später.

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.Foto: altrofoto.de

12.10.2016: Aufklärung bei Domspatzen kommt in Gang

Das sogenannte Aufarbeitungsgremium, in dem Vertreter von Kirche, Domspatzen und Opfern sitzen, stellt seinen ersten Zwischenbericht vor. Bischof Voderholzer nannte nun die Zahl von 422 Missbrauchsopfern bei den Domspatzen. Außerdem wurde eine weitere Anlaufstelle für Missbrauchsopfer geschaffen – als Alternative für Betroffene, die sich nicht an die Kirche wenden wollen.

13.10.2016: Müller schweigt zu Aufklärungsarbeit

Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ehemaliger Regensburger Bischof und jetziger Leiter der Glaubenskongregation im Vatikan, lehnt es ab, sich zu den neuen Entwicklungen bei der Aufklärung von Misshandlungen und Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen öffentlich zu äußern. Die Angelegenheit betreffe ihn nicht mehr, lässt er mitteilen.

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