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Bayern
Donnerstag, 19. Juli 2018 30° 1

Stimmung

Darts meets Lederhosen

Ein Kneipensport begeistert die Massen. In Deutschland ist der Hype um die Pfeilewerfer riesig. München liegt ihnen zu Füßen.
von Michael Sperger

Wenn die Stars der Szene zu ihren Pfeilen greifen, steht die Halle kopf – auch in München. Foto: PDC Europe/Braunschädel
Wenn die Stars der Szene zu ihren Pfeilen greifen, steht die Halle kopf – auch in München. Foto: PDC Europe/Braunschädel

München.Drei Pfeile stecken in einem runden Bord – 180! In der Halle stehen alle Zuschauer schlagartig auf. Sie heben jubelnd die Arme und schreien ihre ganze Freude lautstark Richtung Bühne heraus. Der Lärm schallt in der Halle noch mehrere Sekunden nach. Dann beruhigen sich die Zuschauer wieder. Einige nehmen einen Schluck aus ihrem Plastikbecher. Doch irgendwo im Münchner Zenith stimmt schon wieder jemand den nächsten Gesang an.

Die PDC Europe, der europäische Profiverband, bringt die Stars der Szene außerhalb der hochrangigen Turniere in Großbritannien in Europa auf die Bühne. Sie spielen um den German Darts Grand Prix. Darts meet Lederhosen – eine interessante Kombination. Aber sie funktioniert. An allen drei Tagen ist das Zenith mit 3000 Zuschauern ausverkauft.

Eine große Nummer

Der Dartssport, der vermutlich im 19. Jahrhundert in den Kneipen Englands entstand, hat sich als Event längst auch auf dem europäischen Festland etabliert. Mit vielen anderen Sportverrückten eine riesige Party feiern – das macht den Dartssport aus. Die Atmosphäre bei der Weltmeisterschaft im Londoner Alexandra Palace ist berühmt. Viele Deutsche fliegen deshalb jedes Jahr dort hin.

Die wichtigsten Darts-Regeln in unserem Erklärvideo.

Doch das geht auch in Deutschland. Auch hier werden die Stars ordentlich gefeiert. Ein ruhiger Moment im Zenith ist selten. Immer wieder stehen die Zuschauer von ihren Bierbänken auf und brüllen ihren Favoriten zum Sieg. Alt und jung feiern gemeinsam. Alle blicken auf die beiden großen Leinwände links und rechts von der Bühne. Die Scheibe selbst kann man nur in den vorderen Reihen gerade noch erkennen. Die geworfenen Pfeile nicht im Ansatz. Es ist wie ein riesiges Public Viewing. „Die Stimmung ist viel friedlicher als bei einem Fußballspiel“, sagt Thomas Werner aus Pfatter im Landkreis Regensburg. Es ist sein erstes
Dartsevent live vor Ort. Er und sein Kumpel Markus Herwicht haben auch ihre beiden Söhne mitgenommen. Max und Felix drehen sich auf ihren Plätzen immer wieder beeindruckt um. Sie sitzen in der ersten Reihe. Hinter ihrem Rücken feiern die Zuschauer die nächste 180. Der Schiedsrichter holt noch mal tief Luft und schreit mit kratzender Stimme die bekannteste Zahl des Dartssports ins Mikrofon –180!

„Die Stimmung ist viel friedlicher als bei einem Fußballspiel.“ Thomas Werner,

Dartsfan aus Pfatter

Im Laufe des Turniers erreichen die Spieler 215 Mal das Maximum – drei perfekte Pfeile hintereinander in das Triple 20-Feld. Acht Millimeter hoch. Es ist diese unglaubliche Leistung, die Darts besonders macht: Höchste Konzentration inmitten von 3000 grölenden Fans. Im Alexandra Palace, dem Austragungsort der WM, wurden Lautstärken von 125 Dezibel gemessen. Das entspricht einem startenden Düsenjet. In München ist es wohl nicht viel leiser. Die Fans heizen den Spielern ordentlich ein. Auf der Bühne wird es bis zu 40 Grad heiß. Auch im Zuschauerbereich der Halle muss keiner frieren. Ventilatoren oder offene Türen könnten die Flugbahn der Pfeile beeinflussen und sind deshalb strengstens tabu. Es geht um viel Geld. 135 000 britische Pfund Preisgeld werden auf die Spieler aufgeteilt.

Die Stars der Dartsszene zu Gast in München

„Darts lebt von der Präzision, der Perfektion und dem Fair Play auf den Rängen“, sagt Werner. Bei den Turnieren in Großbritannien hat fast jeder Spieler seinen eigenen Fangesang. Dabei ist es egal, ob ein Schotte gegen einen Engländer oder einen Niederländer spielt. Jeder wird gefeiert und bejubelt. Im Zenith ist das anders: Der Deutsche Max Hopp ist der Liebling der Münchner Fans. Die Gesänge und Sprechchöre, die ihn befeuern sollen, tönen noch durch die Halle, da ist sein Spiel schon lange vorbei – Heimspielatmosphäre. Doch dazwischen Pfiffe und Buhrufe für seine Gegner. Sie stören die Spieler in ihrer Konzentration – ein No Go in diesem ansonsten so fairen Sport. Es sind nur einzelne, die die Stimmung auf diese Art und Weise trüben. Sie stimmen auch Schmähgesänge gegen die Dortmunder Borussia, den HSV oder RB Leipzigs Timo Werner an. Doch das Gros der Dartsfans macht hier nicht mit.

Die meiste Zeit über bleibt es eine feuchtfröhliche und vor allem bunte Party. Woher das Ritual kommt, verkleidet zu den Dartsturnieren zu kommen, weiß keiner so recht. Neben zahlreichen Lederhosenträgern liefern sich Cowboys und Indianer wilde Wortgefechte in der Schlange am Bierstand. Ihre Spielzeug-Revolver mussten die Jungs aus dem Wilden Westen an der Sicherheitskontrolle abgeben. Affen, Zebras und Giraffen stehen in einer Reihe am Urinal. Auf dem Männerklo fühlt man sich am Osterwochenende wie im Münchener Tierpark Hellabrunn. Es riecht auch so.

Stephen Bunting #walkon

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Begleitet von hübschen Damen

Der Einlauf der Spieler wird zelebriert. Das ist wichtig für die große Show. Jeder Spieler hat seinen Spitznamen und wird von einer jungen Schönheit im blauen Dirndl auf die Bühne begleitet. Tina Fenzl winkt den Zuschauern zu. Die Alteglofsheimerin ist eines von drei Walk-on-Girls. Die Zuschauer pfeifen ihr zu, schreien ihren Namen. Sie genießt das Bad in der Menge, zwinkert den Fans zu, gibt Luftküsschen. Sie liebt das Spiel mit dem Publikum. In diesem Moment ist sie der Star.

Der Sieger heißt Michael van Gerwen

  • Michael van Gerwen

    triumphiert auch in München. Schon in Leverkusen, beim ersten Turnier der diesjährigen European Tour behielt der Niederländer die Oberhand.

  • Im Finale

    bezwang er beide Male die Nummer zwei der Welt, Peter Wright. „Mighty Mike“ siegte in München mit 8:5. Die Nummer eins der Setzliste ist derzeit das Maß der Dinge und dominiert den Sport.

Die abschließenden Gesänge, die letzten Jubelschreie gelten jedoch dem Turniersieger. Die Nummer eins der Welt, Michael van Gerwen, triumphiert und hält die Trophäe in die Höhe. Kaum einer der Zuschauer sitzt still auf seiner Bierbank. Alle singen den Namen „Mighty Mike“ und klatschen rhythmisch. Für die Spieler ist das Turnier beendet, die Gesänge in der Halle werden für einen kurzen Moment leiser. Doch dann stimmt irgendwo im Zenith jemand das nächste Lied an. „Don’t take me home“ – Bitte bring mich nicht nach Hause.

Lernen Sie die Topspieler des Dartssports kennen. Klicken Sie dazu auf die Bilder:

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