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Finanzen

Das Automatengeld wird teurer

Mehr Direktbanken verlangen, dass Kunden mindestens 50 Euro abheben. Sie wälzen Kosten auf die wirtschaftlich Schwächsten ab.
Von Marion Koller

Mindestens 50 Euro: Direktbanken wollen sparen. Deshalb schränken sie die Abhebemöglichkeiten ein. Foto: Kay Nietfeld/dpa
Mindestens 50 Euro: Direktbanken wollen sparen. Deshalb schränken sie die Abhebemöglichkeiten ein. Foto: Kay Nietfeld/dpa

Regensburg.Student Max H. zählt zu den vielen Bayern, die sich mal 20, mal 40 Euro am Geldautomaten holen. Der 23-Jährige aus Kelheim muss aufpassen, dass er das Konto nicht überzieht. Rentnerin Helene Renner aus Regensburg zieht oft sogar nur zehn Euro am Automaten, wenn sie Bargeld benötigt. Der Grund: Die 78-Jährige aus der Humboldtstraße kommt gerade über die Runden und kann es sich gar nicht leisten, große Summen abzuheben. „Die Leute sollen ruhig wissen, was für eine arme Rentnerin ich bin“, sagt sie zur Mittelbayerischen.

Helene Renner hebt immer nur zehn oder 20 Euro ab. Foto: Koller
Helene Renner hebt immer nur zehn oder 20 Euro ab. Foto: Koller

Für viele Bankkunden wird es bald nicht mehr oder zumindest nicht mehr kostenlos möglich sein, kleine Summen am Geldautomaten abzuheben. Eine wachsende Zahl von Instituten verlangt inzwischen, dass mindestens 50 Euro abgehoben werden. Vor allem Direktbanken tun das, denn sie haben – anders als Sparkassen und Volksbanken – kaum eigene Automaten und müssen jedes Mal, wenn ihre Kunden den Service der Konkurrenz nutzen, Gebühren zahlen.

Die Kunden erziehen

Bei der ING-DiBa, Europas größter Direktbank mit mehr als neun Millionen Kunden und bundesweit 2,1 Millionen Girokonten, gilt die 50-Euro-Mindestabhebung ab dem 1. Juli. Die Commerzbank-Tochter Comdirect und die Deutsche Kreditbank handhaben das schon länger so. „Für jede Geldabhebung fallen Kosten bei uns an, die wir für unsere Kunden übernehmen“, argumentiert Alexander Baumgart, Pressesprecher der ING-DiBa AG in Frankfurt am Main, gegenüber der Mittelbayerischen. Die Kosten seien unabhängig von der Höhe der abgehobenen Summe. „Viele Abhebungen mit kleinen Beträgen kommen daher für uns besonders stark zum Tragen. Teilweise holen unsere Kunden mehrmals am Tag zehn oder 20 Euro.“

Die ING-DiBa übernimmt nach eigenen Angaben im Schnitt etwa 1,60 Euro Gebühren, wenn ihre Kunden mit Visa-Karte am Automaten Bares abheben. Doch die Internet-Bank verfügt bundesweit nur über 1200 Automaten. Deshalb nutzen Kunden oft Fremdbanken – eine kostspielige Angelegenheit für die ING-DiBa, die dafür Gebühren zahlt.

Nur vier Prozent nutzen das Abheben an der Supermarktkasse

Verbraucher, die Summen unter 50 Euro benötigen, könnten auch beim Bezahlen an der Supermarktkasse Bargeld mitnehmen – in manchen Läden schon ab einem Einkaufswert von zehn Euro. Doch genutzt wird das selten: Nur vier Prozent der Deutschen heben Bargeld an der Supermarktkasse ab, wie eine repräsentative Umfrage der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung im Frühjahr ergab. Am Bankschalter versorgen sich acht Prozent mit Scheinen, die überwiegende Mehrheit aber, 88 Prozent, favorisiert den Geldautomaten. Viele versorgen sich nur mit kleinen Beträgen bis zu 100 Euro.

„Es trifft diejenigen, die wenig Geld haben, die nicht einfach 50 Euro abheben können.“

Sascha Straub, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern

Gerade weil die Automaten so beliebt sind, sehen Verbraucherschützer die Entwicklung hin zu Mindestbeträgen kritisch. „Die Banken wollen Kosten abwälzen“, sagt Sascha Straub, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern. Bargeldverwaltung sei teuer. „Die müssen die Geldtransporte sicherstellen. Der Automat muss versichert sein.“ Der Mindestbetrag betreffe in erster Linie Schüler, Azubis, Geringverdiener und einige Rentner. „Es trifft diejenigen, die wenig Geld haben, die nicht einfach 50 Euro abheben können“, prangert Straub an. „Die Banken wälzen das auf bestimmte Kundengruppen ab, an denen sie weniger Interesse haben. Die sollen dazu erzogen werden, größere Beträge zu holen oder ganz auf die Barabhebung zu verzichten.“ Straub sieht es sehr kritisch, dass die Direktbanken mit Gratiskonten um Studierende werben und dann Mindestbeträge einführen. „Wenn man die Abheberegelungen anschaut, kann das schnell teuer werden.“

Sparkassen planen derzeit keinen Mindestbetrag

Noch denken offenbar die Institute mit dem größten Automatennetz in Bayern, die Sparkassen sowie die Volks- und Raiffeisenbanken, nicht über eine Mindestabhebung nach. Sabine Gegg, Pressesprecherin des Sparkassenverbands Bayern in München, geht davon aus, „dass das Gros der Sparkassen so etwas nicht tut“. Sie begriffen sich als In-stitute des kleinen Mannes, betreuten ein breites Einkommensspektrum. Das Kind mit Taschengeldkonto soll genauso kleine Beträge mit nach Hause nehmen können wie die Rentnerin. Etwa zwei Drittel der bayerischen Bevölkerung sind Sparkassenkunden, sagt Gegg. Christian Orschler von der Sparkasse Regensburg stellt fest: „Für uns ist wichtig: Die kleinen Beträge werden am Automaten nachgefragt, dann machen wir es.“

Andere Banken folgen

Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern ist jedoch überzeugt: „Wenn der Mindestbetrag Schule macht und die Leute den Direktbanken nicht in Scharen weglaufen, werden andere Banken nachziehen. Die Sparkassen und andere werden sich das auch überlegen.“

Die ING-DiBa kassiert schon ab der kommenden Woche zehn Euro monatlich von Kunden, die weiterhin die Möglichkeit haben wollen, kleine Summen am Geldautomaten zu ziehen. Wer gerade Ebbe auf dem Konto hat, soll aber auch nach dem 1. Juli kleine Beträge kostenlos abheben dürfen, versichert Sprecher Alexander Baumgart von der Direktbank. „Kunden, die weniger als 50 Euro auf ihrem Girokonto haben, können auch weniger abheben. Es fällt keine Gebühr an.“

Sascha Straub von der Münchner Verbraucherzentrale rät zu alternativen Abhebemöglichkeiten beim Einkaufen. Studierende und Geringverdiener könnten auch am Anfang des Monats eine größere Bargeldmenge am Geldautomaten ziehen, um Gebühren zu vermeiden. „Oder sie zahlen beim Einkauf gleich mit der Karte.“ Doch dann entstehe der gläserne Zahler. „Bargeld ist Verbraucherschutz“, gibt Straub zu bedenken.

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