MyMz

Medizin

Das Gehirn lernt durch Belohnung

Ärzte der Regensburger medbo-Klinik bringen durch Neurofeedback Patienten bei, sich selbst zu heilen.
von Daniel Pfeifer

Somayeh Jooyandeh (rechts) justiert die Sensoren der EEG-Kappe, die später die Hirnaktivität messen. Foto: Pfeifer
Somayeh Jooyandeh (rechts) justiert die Sensoren der EEG-Kappe, die später die Hirnaktivität messen. Foto: Pfeifer

Regensburg. Kalt fühlen sich die Sensoren auf der Schädeldecke an. Kabel schlängeln sich vom Hinterkopf aus Richtung Rechner. Gleichzeitig schwebt das eigene Gehirn vor den Augen – oder zumindest ein Modell davon. Wenn alles funktioniert, ist man nach einigen Therapiestunden nicht mehr derselbe.

Ja, was sich jetzt ziemlich nach Science Fiction anhört, ist die „nächste Revolution“ in der Neuromedizin. Zumindest, wenn es nach einigen Medizinern der Regensburger medbo-Klinik für Psychiatrie geht. Sie nutzen seit kurzem die Hightech-Therapiemöglichkeit mit dem Namen „Neurofeedback“ (NF) als Waffe gegen alles von ADHS über Depression bis Angststörung. Und erhoffen sich damit eine Alternative zu hohen Medikamenten-Dosen. Seit 2016 führt eine Gruppe von Ärzten und Therapeuten das NF durch. Mit Erfolg.

Die Wurzeln reichen weit zurück

Doch von vorne: Was ist dieses ominöse Neurofeedback eigentlich? Nun, so jung und hochmodern die Therapiemethode ist, die Wurzeln gehen zurück auf die „klassische Konditionierung“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bekannt dank Pawlows Hunde-Experimenten, in denen der russische Forscher ganz gezielt Gehirnreaktionen bei den Vierbeinern hervorrief.

Seitdem fand die Wissenschaft mehr und mehr heraus: Wir Menschen können nicht nur Haustiere konditionieren, sondern auch unser Gehirn. Und genau das passiert in den kleinen weißen Behandlungszimmern im Keller der Regensburger medbo-Klinik. Die Patienten werden an einen Computer angeschlossen, dessen Monitor die Hirnaktivitäten per EEG in Echtzeit anzeigt. Bei jedem Gedanken, jeder Fingerregung, jedem winzigen Anflug von Stress leuchtet die dafür zuständige Hirnregion auf. Leuchtet sie rot, ist das Gehirn dort stark beansprucht.

Daraufhin kommt der nächste essenzielle Teil des Neurofeedbacks: Computerspiele. In der Regensburger Psychiatrie sind das Ballonspiele, Videoclips oder der Klassiker „Pacman“. Der Patient hat dazu weder Joystick noch Tastatur. Die kleine, gelbe Spielfigur bewegt sich allein durch Gehirnströme. Diese werden vom EEG aufgezeichnet und von einer Software ausgewertet. Anhand vorprogrammierter Einstellungen errechnet sie, wenn Hirnareale wie gewollt funktionieren. Dann zischt Pacman über den Bildschirm. Zeigt das Gehirn plötzlich ungünstige Muster, stoppt die Software die Spielfigur.

Das Gehirn will eine Belohung

Das Ergebnis: Früher oder später lernt das Gehirn, wie es sich verhalten muss, damit das Spiel weitergeht. Immerhin ist es auf die Belohnungsreize aus, die ein verspeister Geist oder ein neuer Highscore bringen. Anders als man es vielleicht in der Medizin gewohnt ist, soll der Effekt dieser technischen Spielchen sein, dass der Patient sich quasi selbst therapiert. Ohne, dass er es wirklich mitbekommt.

Über die Therapie

  • Sitzung:

    Die Sitzungen dauern 50 Minuten und werden ein- bis dreimal pro Woche wiederholt. Es gibt in Regensburg derzeit drei Behandlungsplätze.

  • Kombination: Neurofeedback wird allerdings nie als alleiniges Mittel verwendet, sondern stets zusammen mit herkömmlichen Maßnahmen wie Ergotherapie oder Medikamenten.

  • Wirksamkeit: Neurofeedback hat einen ähnlichen Wirkungsgrad wie Medikamente oder Ergotherapie – rund ein Drittel der Patienten kann davon stark profitieren.

  • Revolution: Die letzte „große Revolution“ veränderte in den 1950er Jahren die Psychiatrien. Damals kamen die ersten Medikamente wie Ritalin auf den Markt.

„Es ist wissenschaftlich umstritten,“ gibt Psychotherapeut Christian Schweiger zu, „aber die klinische Wirksamkeit sehen wir jeden Tag.“ Er selbst ist so überzeugt, dass er sich zur „Gehirn-Optimierung“ seit Jahren selbst an den Rechner anschließt. ISF-Training heißt das. Auch seine Kollegin, Somayeh Jooyandeh, ist überzeugt. Als sie ihren Master machte, konnte sie sich vor Stress schwer konzentrieren. Ihre Kommilitonen nahmen gern mal Ritalin. Doch bei ihr funktionierte das nicht. NF schon. Nun plant sie, im nächsten Jahr eine eigene NF-Forschung in Regensburg zu starten. Es wäre ein zukunftsweisendes Projekt.

Allem voran wollen beide Mediziner jedoch den Patienten helfen. Christian Schweiger erzählt von einer Patientin mit Depression, die 2016 durch sechs-wöchiges Training von vier Psychopharmaka auf eines reduziert werden konnte. Oder Kinder mit ADHS, die ihre Konzentrationsfähigkeit enorm steigern konnten. Nebenwirkungen sehen die Regensburger Mediziner noch nicht. Aber sie stehen auch lediglich am Anfang. Sie seien sehr gespannt, was die „nächste Revolution“ bringen wird, so die Therapeuten freudig.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht