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Gesellschaft

Das „Gewerch“ um Oberfranken

Der Bezirk gilt als strukturschwach, die Bewohner dienen oft als Witzfigur. Dabei ist ihre Sprache umwerfend präzise.
Von Sophie Rohrmeier, dpa

Es ist eine Imagekampagne, die der Region mehr Ansehen bringen soll: Eine Jury sucht das „Oberfränkische Wort des Jahres“ 2016.
Es ist eine Imagekampagne, die der Region mehr Ansehen bringen soll: Eine Jury sucht das „Oberfränkische Wort des Jahres“ 2016. Foto: dpa

Bayreuth.Manche Oberfranken sind für Nicht-Oberfranken nur zu verstehen, wenn man ihnen beim Sprechen auf den Mund schaut. Und auch dann nur mit Mühe. Aber die Anstrengung lohnt sich. Zum Beispiel für Kartenspieler. Wer nämlich „Saachkadder“ sagen kann, spart sich eine umständlichere Umschreibung – für den Ersatzspieler, wenn einer auf die Toilette geht. Auch anwendbar außerhalb des Kartenspiels, für Arbeitskollegen etwa, die bitte einspringen mögen, wenn man kurz verschwinden muss. Prägnant und unschlagbar präzise.

Genau das könnte eine Botschaft sein, die von einem noch recht jungen Wettbewerb ausgeht. Eine Jury sucht das „Oberfränkische Wort des Jahres“, heuer zum zweiten Mal. Organisiert vom Bezirk Oberfranken und dem Hofer „Extra Radio“, hat sich der Wettbewerb zu einer Imagekampagne gemausert. Die kann der oberfränkische Dialekt auch gebrauchen, auch wenn er nicht der einzige ist mit – sagen wir mal – angeschlagenem Ansehen. Sachsen werden wissen, wovon die Rede ist.

„Wer eine Imagekampagne hat, hat ein Problem mit dem Image – das stimmt schon“, sagt Jury-Mitglied Barbara Christoph und lacht. Zuerst sei der Wettbewerb als Suche nach dem Lieblingswort der Oberfranken gedacht gewesen, erklärt die Leiterin der Kultur-Servicestelle des Bezirks. Aber mittlerweile ist die Kür mit mehr Bedeutung aufgeladen. Es geht um das Selbstbewusstsein Oberfrankens. Und eben sein Ansehen.

Zahl der Dialektsprecher sinkt

Für Sprachwissenschaftler ist der Wettbewerb auch nur das: eine Imagekampagne. Als Sprachpflege geht er nicht durch. „Er wird die Leute eher nicht dazu bringen, mehr Dialekt zu sprechen“, sagt der Dialektologe Albert Klepsch von der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Zahl der Dialektsprecher in Oberfranken nehme ab wie überall in Süddeutschland. Dialekt beschränke sich großenteils auf ältere Generationen – und aufs Land.

Region mit Imageproblem

  • Oberfranken gilt als

    strukturschwach und bemüht sich seit Jahren, das zu ändern. „Wir haben hier Probleme, das lässt sich nicht leugnen“, sagt Barbara Christoph, Leiterin der Kultur-Servicestelle des Bezirks.

  • „Als Akademiker muss man

    sich manchmal rechtfertigen, warum man noch hier ist. Manche haben die Einstellung: Wer kann, der geht. Das lässt sich nicht von heute auf morgen ändern.“

  • Auch wenn sich einiges

    getan habe, die Oberfranken müssten sich noch besser vermarkten, auch ihre Sprache. „Wir müssen sie salonfähiger machen.“

Als Akt der Selbstbehauptung könnte der Wettbewerb aber vielleicht taugen. Auf Bühnen und im Radio bekommen die Franken oft genug eine etwas dümmliche Rolle (der Staatsanwalt in der TV-Serie „Café Meineid“) – oder geben sie sich selbst (das altgediente Duo „Waltraud und Mariechen“). „Daab“ ist die fränkische Witzfigur. So heißt zumindest im Bayreuther Raum einer, der etwas langsam dreinschaut und nicht ganz so schlau ist. Das, sagt Christoph, präge die Menschen und ihr Selbstwertgefühl.

In anderen Regionen Bayerns gebe es eine ganz andere Wertschätzung der eigenen Sprache, meint auch Klepsch. Da helfe nur eines: „Den regionalen Akzent nicht als etwas Lächerliches darstellen, sich selbst etwas ernster nehmen.“

Da ist doch der Sieger vom vergangenen Jahr ein ganz gutes Beispiel: das „Wischkästla“. Eine sehr deskriptive, also schlicht beschreibende Alternative für den Anglizismus „Smartphone“. Warum einen Begriff aus dem Englischen nehmen, der noch dazu ein Handy als schlau lobt? Wo es doch ein anderes Wort gibt, mit dem der Sprecher den Touchscreen mit deutlich weniger Ehrfurcht würdigt? Ohne den Wischer schließlich ist das Smartphone nichts.

Nicht böse, sondern direkt

Dieser Prägnanz dürfte jeder Respekt zollen, auch wer Vorurteile gegen die Oberfranken hegt. Als ein bisschen raubeiniger und sehr bescheiden, so beschreibt Barbara Christoph deren Auftreten. „Der Franke“, sagt sie und überlegt kurz, „der Franke genügt sich selbst. Er ist nicht sehr extrovertiert.“ Seine Sprache hingegen finde sie sehr fein. Oberpfälzisch sei viel derber. „Wie grade aus dem Wald rausgekommen.“ Dabei stammt Christoph selbst aus der Oberpfalz, nennt sich Dienstfränkin. „Und das bin ich sehr gern.“ Sie sagt „wir“, wenn sie über die Oberfranken spricht.

„Nichtfranken empfinden die Franken schon teilweise als ein bisschen bös’.“

Barbara Christoph

„Machst kurz den Saachkadder?“ Nun mag das für nicht-fränkische Ohren nicht sehr vornehm klingen und auch nicht sehr freundlich. Der Oberfranke aber meint das nicht so. „Die Franken sind unheimlich direkt“, erklärt Christoph. Man könne jemandem ins Gesicht sagen: „Du bist a Sauwaafn.“ (Jemand, der dauernd redet – und zwar Schmarrn.) Unter Oberfranken funktioniert das ohne Beleidigt-Sein. Im Hochdeutschen wäre das nicht machbar, meint Christoph. „Nichtfranken empfinden die Franken schon teilweise als ein bisschen bös’.“

Das „Wischkästla“ jedenfalls bringt die Sache auf den Punkt. Welches Wort in diesem Jahr gewinnt, gibt die Jury am Sonntag bekannt, und vielleicht ist es ja ein Begriff, der sich auch bei Nicht-Franken durchsetzt. Der praktische „Saachkadder“ könnte in Büros einiges „Gewerch“ vermeiden, heißt: unnötige Aufregung.

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