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Hörbuch

Das Porträt einer bösen alten Zeit

3,5 Stunden Sigi Sommer im Regensburger Lohrbär-Verlag: Ein literarisches München-Juwel feiert als Hörbuch fröhliche Urständ.
Von Florian Sendtner, MZ

Sigi Sommer (rechts.) mit Redakteur Gerd Thumser: Das Hörbuch „Sommersprossen“ aus dem Lohrbär-Verlag versammelt Preziosen des Münchner Kolumnisten.
Sigi Sommer (rechts.) mit Redakteur Gerd Thumser: Das Hörbuch „Sommersprossen“ aus dem Lohrbär-Verlag versammelt Preziosen des Münchner Kolumnisten.Foto: MZ-Archiv

Regensburg.Zu sehen ist er ja ununterbrochen. Mitten in München, auf dem Weg vom Marienplatz zur Sendlingerstraße, läuft er einem bei jeder Tages- und Nachtzeit über den Weg, getrieben von einer unstillbaren Neugier: Sigi Sommer, in Bronze gegossen. Doch nur wenige Passanten kennen ihn noch, den unentwegten Münchenreporter der Nachkriegsjahrzehnte. Das dürfte sich jetzt ändern.

Sigi Sommer ist endlich auch zu hören, in einer ausführlichen Hörbuch-Auswahl des Lohrbär-Verlags und in allen seinen Schattierungen. Zwar nicht mit seiner eigenen Stimme, sondern gelesen von Schauspieler Rüdiger Hacker, doch der liest die Glossen und autobiographischen Erzählungen so ausgezeichnet, dass es Sigi Sommer selbst nicht besser gekonnt hätte. Am heutigen Samstag wird das Hörbuch mit dem Titel „Sommersprossen“ um 21 Uhr im Degginger präsentiert.

„Der beste Roman, der nach dem Krieg in Deutschland geschrieben wurde“

Bertold Brecht

„Liebe zu München – 24 Gschichterl aus der Weltstadt mit Herz“, „München mag man“, „Kinder, wie die Zeit vergeht“ „Das gabs nur einmal“, „Das kommt nie wieder“, „Es ist zu schön, um wahr zu sein“ – wenn man Sigi Sommers Buchtitel Revue passieren lässt, kann man nur sagen: Der Mann hat sich selber unter Wert verkauft. Angesichts des Münchner Lesepublikums, das nun mal nur auf Lokalpatriotismus und Sentimentalität anspringt, blieb ihm freilich wenig anderes übrig. In Wahrheit ist Sigi Sommer ein leuchtendes Beispiel für die Geburt der Literatur aus dem Geist des Journalismus, kurzum: Dieser Autor gehört in die literarische Liga von Gabriel García Márquez und Heinrich von Kleist. Kein Geringerer als Bertolt Brecht hat Sigi Sommer das bestätigt: „Und keiner weint mir nach“, Sigi Sommers erster Roman (1953 erschienen, 1996 von Vilsmaier/Eichinger süßlich verfilmt), war für Brecht „der beste Roman, der nach dem Krieg in Deutschland geschrieben wurde“.

Garantiert frei von Sentimentalität

Wer Brecht nicht traut, der braucht nur eine der drei CDs des jetzt beim Regensburger Lohrbär-Verlag erschienenen Hörbuchs einzulegen. In der wohldosierten Sigi-Sommer-Auswahl ist auch „Und keiner weint mir nach“ enthalten, und was man hier zu hören bekommt, kann man nur mit Lena Christ vergleichen: schonungsloser Realismus, garantiert frei von Sentimentalität und Kitsch. Oder, um Christian Ude zu zitieren: „Keine Kindheitsidylle aus der guten alten Zeit, kein Buch über Münchnerisches, Allzumünchnerisches“, sondern: „authentische Porträts einer bösen alten Zeit, eines gar nicht malerischen Milieus und eines verzweiflungsvollen Lebensgefühls“.

Sigi Sommer und der Lohrbär

  • Der Autor:

    Sigi Sommer wird 1914 in München geboren. Ab 1939 ist er Soldat, ab 1945 Journalist bei der Süddeutschen, ab 1949 auch bei der Abendzeitung. 1953 ruft Sommers Roman „Und keiner weint mir nach“ das „Schmutz- und Schund-Referat“ der Staatsanwaltschaft auf den Plan, heute gilt das Buch als Klassiker der realistischen Literatur. Sigi Sommer stirbt 1996, 1998 wird die Bronzestatue von Max Wagner in der Rosengasse enthüllt.

  • Das Hörbuch:

    „Sommersprossen“ aus dem Lohrbär-Verlag wird mit dem Kleinverlagspreis geehrt. Der Preis würdigt bayerische Verlage, deren Jahresumsatz unter einer Million Euro liegt und die „wie der Lohrbär-Verlag die Verlagslandschaft im Freistaat mit innovativen Ideen, sehr guter Programmgestaltung und Freude an der Entdeckung neuer oder auch vom Vergessen bedrohter Autorinnen und Autoren beleben“.

Freilich ist die Verzweiflung stets ironisch-selbstironisch gekontert – Larmoyanz ist diesem Autor fremd. Stattdessen: schwarzer Humor bis ins kleinste Detail. Da kriegt der junge Siegfried Sommer ins Café, in dem er das Honorar für eine Glosse verjubelt, eine Postkarte nachgetragen: eine „Postkarte, die jedoch jenen Stempel mit dem schwarzen Vogel trug, der ein Kreuz umkrallte, das einen Haken hatte“. Wurde die Zustellung eines Einberufungsbescheids zur Hitlerwehrmacht je lakonischer beschrieben? Es folgen kurze, gleißend helle Streiflichter aus dem nationalsozialistischen Welteroberungs- und Vernichtungsfeldzug (die ganze zweite CD ist dem Krieg gewidmet), den Siegfried Sommer ausgesprochen unfreiwillig mitmacht.

Verleger Dieter Lohr: Am 23. November erhält der Lohrbär-Verlag in München den bayerischen Kleinverlagspreis. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv
Verleger Dieter Lohr: Am 23. November erhält der Lohrbär-Verlag in München den bayerischen Kleinverlagspreis. Foto: altrofoto.de/MZ-Archiv

Die Detailschärfe dieser Beobachtungen und die unerschütterliche Renitenz gegen die allgegenwärtige Propaganda sind von einer derart unmittelbaren Überzeugungskraft, dass diese eine CD in der Lage ist, das ganze Arsenal kriegsverherrlichender und kriegsverharmlosender Machwerke, das bis zum heutigen Tag produziert wird, über den Haufen zu werfen.

Aber keine Angst: die beiden anderen CDs handeln von allem möglichen, nur nicht vom Krieg. Da blitzen in der ersten CD glockenhelle Kindheits- und Jugenderinnerungen aus den 1920er und 1930er Jahren auf, da kommt in der dritten CD „Blasius, der Spaziergänger“ ausführlich zu Wort, der seiner Stadt ungeniert in ihre verhärmte Seele hineinleuchtet – ein kurzes Hineinhorchen in die 3500 Glossen, die Sommer für die Abendzeitung geschrieben hat.

Vorstellung im Degginger

Zwischen den Texten erhebt das Saxophon von Gabriele Wahlbrink seine Stimme und greift ein gerade gehörtes Zitat auf oder spielt die Melodie zur Moritat – Musik und Sprache greifen ineinander wie das Räderwerk einer sekundengenauen Uhr.

Kein Wunder, dass der Lohrbär-Verlag anlässlich dieses seines 25. Hörbuchs den mit 7500 Euro dotierten Kleinverlagspreis des bayerischen Kultusministers erhält. Die Preisverleihung findet am 23. November im Münchner Literaturhaus statt. Am heutigen Samstag (5. November, 21 Uhr) wird das Hörbuch auf der Regensburger Buchmesse im Degginger in der Wahlenstraße vorgestellt. Der Eintritt ist frei.

Zum Hörbuch: Sigi Sommer: Sommersprossen. Lesung mit Musik. Sprecher: Rüdiger Hacker, am Saxophon: Gabriele Wahlbrink, 3 CDs, 206 Minuten, 19,90 Euro

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