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Das Vermächtnis des Imitators

Der politische Montag auf dem Gillamoos hatte mit Horst Seehofer nur ein Zugpferd zu bieten.

Politik kann auch lustig sein: Im Ottenbräu-Zelt tobte die Menge.

Von Isolde Stöcker-Gietl, MZ

ABENSBERG. Es ist wohl das flammenste politische Vermächtnis, das jemals auf dem Gillamoos in Abensberg (Lkr. Kelheim) zu hören war. Gestenreich, wortgewaltig und voller Emotionen verabschiedet sich der Noch-Landesvater Edmund Stoiber von den CSU-Wählern. „Wo ich bin, da ist der bayerische Ministerpräsident“, sagt der Mann mit dem schlohweißen Haar und dem dunkelblauen Trachtenanzug. Das Wahlvolk im übervollen Ottenbräu-Zelt jubelt und steht auf den Tischen. Es ist ein Abschied aus der Politik, wie ihn sich Stoiber vermutlich wünschen würde. Doch der tosende Applaus und die Zugabe-Rufe gelten an diesem Vormittag nicht ihm, sondern dem Kabarettisten Wolfgang Krebs – dem bekanntesten bayerischen Stoiber-Imitator.

„Es war ein Wagnis“

Ein politischer Gillamoos-Montag ohne Politiker – so etwas hatte es im Ottenbräu-Zelt noch nicht gegeben. Ein Wagnis, räumt selbst Brauereichef Robert Neumaier ein. Nachdem die Zusammenarbeit mit den Grünen, die seit Jahren ihre Zugpferde im Ottenbräu-Zelt aufmarschieren ließen, zuletzt nicht unproblematisch war, kam die Idee zu einem Alternativprogramm. „Es sollte zwar politisch sein, aber ohne Politiker“, erzählt Neumaier. Für seine Idee mit dem Stoiber-Double sei er zunächst belächelt worden, doch als sich Wolfgang Krebs und sein Alter ego Stoiber von den Gillamoos-Besuchern verabschieden, da grinsen Neumaier und sein Festwirt Peter Engel über das ganze Gesicht. Denn das Wagnis hat sich in barer Münze ausgezahlt. War bei den Grünen das Zelt zuletzt kaum noch zur Hälfte gefüllt, drängen sich diesmal die Schaulustigen sogar noch auf den Gängen. „Etwa 2000 Besucher“, schätzt Neumaier, dürften es schon gewesen sein.

„Die Botschaft des Tages ist, dass wir die Grünen ein für alle mal aus diesem Zelt verbannt haben“, freut sich Stoiber-Double Krebs über den nicht vorhersehbaren Erfolg. Stundenlang hatte er an seiner Rede für den Gillamoos gefeilt. „Wann hat man schon die Chance, gegen richtige Politiker antreten zu dürfen“, sagt der 41-Jährige aus Kaufbeuren, der im richtigen Leben als Marketingleiter arbeitet, im MZ-Gespräch. Seit Jahren imitiert Krebs in seiner Freizeit Politiker, aber erst seine Stoiber-Rolle in dem wöchentlichen Magazin „Quer“ im Bayerischen Fernsehen verhalf ihm zu einer großen Bekanntheit. „Der Stoiber ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.“ Mittlerweile ist Krebs bis April 2008 ausgebucht. Und das, obwohl sein künstlerisches Vorbild bereits in wenigen Tagen die politische Bühne verlassen wird. „Der Stoiber wird sich natürlich weiter einmischen, aber ich übe mich auch schon am Beckstein“, verrät der Kabarettist.

Doch auf dem Gillamoos ist noch kein Platz für Beckstein, denn noch ist Stoiber der Herrscher über Bayern, wie sein Double in seiner „Abschiedsrede“ nicht müde wird, zu betonen. „Ich habe nur gesagt, dass ich zum 30. September zurücktreten werde, aber ich habe nicht gesagt in welchem Jahr“, poltert der Politiker-Imitator mit typischen Stoiber-Gesten in die Mikrophone. Ein würdiger Nachfolger sei schließlich nicht in Sicht. „Wer soll denn Parteivorsitzender werden? Dafür braucht es eine Person, die auch verantwortlich umgehen kann mit der Macht in den Lenden, äh Händen“, witzelt er über den wenige Meter weiter auftretenden Horst Seehofer, der sich Ende September, um das Amt des CSU-Parteivorsitzenden bewirbt. Seehofers Kontrahenten Erwin Huber und Gabriele Pauli bekommen ebenfalls ihr Fett weg. „Der Huber Erwin war für mich das, was ich für Franz Josef Strauß war – ein unverzichtbarer Kofferträger.“ Und Pauli – „die Lara Croft aus Zirndorf“ – „hat der CSU in den letzten sechs Monaten mehr geschadet als ich in den letzten 14Jahren“.

Pauli hat auch Stoiber geschadet. Das Abensberger Publikum kann darüber gestern herzlich lachen. „Man hat mir die Pauli-Affäre angehängt. Aber ich hatte – und das habe ich auch zu meiner Frau gesagt – niemals eine Affäre mit der Pauli. Im Vergleich zu Seehofer habe ich von meiner Affäre nicht mal was g’habt.“

Der designierte Ministerpräsident Günter Beckstein hat nach Ansicht von Stoiber – oder vielmehr dessen Double – nicht das Zeug zum politischen Vorreiter in Bayern. „Warum glauben Sie, versteckt er sich beim Veitshöchheimer Fasching immer in so auffällige Kostümen? Weil er nicht will, dass man ihn als Franke und Protestant erkennt.“ Schließlich sei Franken nur deshalb zu Bayern gekommen, weil man eine „Pufferzone zu den Preiß’n“ gebraucht habe.

Auch ein großes Geheimnis lüftet der Landesvater an diesem Vormittag im Ottenbräu-Zelt: Den sagenumwobenen Abend von Kreuth. „Ich habe damals zu den Landtags-Abgeordneten gesagt: ‚Wenn so nach mir getreten wird, braucht sich niemand zu wundern, wenn ich zurücktrete.‘“ An jenen Rücktritt, der nun auf ihn zukomme, habe er dabei aber nicht gedacht.

Das Publikum hält sich bisweilen vor Lachen den Bauch und klatscht immer wieder lautstark Applaus. „Viel besser als die Einschlafreden der Politiker“, findet eine Gruppe junger Männer aus Langquaid. „Endlich sagt mal jemand die Wahrheit. Wir wünschen uns für die Zukunft im Ottenbräu-Zelt Kabarett statt Politik“, fordert ein Besucher aus Rohr.

„Hasta la vista, Beckstein“

Der Imitator ist von seinem Publikum begeistert: „So schaut es aus, wenn ein politischer Redner das Festzelt rockt“, ruft er der jubelnden Menge zu und hebt seinen Bierkrug zum kollektiven Prosit an. Zum Abschied verspricht der falsche Stoiber mit weinerlicher Stimme seine Rückkehr in die Politik. „Der vielbeschäftigte Landesvater, der uns leider für immer verlässt, wird ein großes Comeback feiern.“ Seinem Nachfolger gibt er im rauhen Ton des Terminators mit auf den Weg: „Hasta la vista, Baby – auf Wiedersehen, Beckstein.“ Und die Abensberger Gillamoos-Besucher, die „lieben Untertanen“, mahnt er zum Einsatz für das Vaterland: Setzt Euch ein für ein starkes Vaterland. „Die Sonne geht jeden Tag auf und unter – und das alles habt Ihr nur einem zu verdanken!“

Die Gillamoos-Besucher wissen vor allem, wem sie diesen amüsanten Vormittag zu verdanken haben. Schon jetzt fordern sie: „Dieser Stoiber soll auch im nächsten Jahr wieder kommen.“

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