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Gesellschaft

Datenschutz: Eklat beim Dorfmetzger

Eine Kundin will in Wolnzach nicht mit ihrem Namen begrüßt werden. Der Fall sorgt für Kopfschütteln.
Von Roswitha Priller und Christian Kucznierz

Beim Metzger wollte eine Kundin nicht mit Namen angesprochen werden – aus Datenschutzgründen. Foto: Priller
Beim Metzger wollte eine Kundin nicht mit Namen angesprochen werden – aus Datenschutzgründen. Foto: Priller

Wolnzach.Was für viele Kunden eine persönliche Wertschätzung und ein Gebot der Höflichkeit ist, daran stieß sich kürzlich eine Kundin in einer Metzgerei im oberbayerischen Wolnzach. Die Dame wurde höflich mit ihrem Namen begrüßt – was sie sich mit dem Verweis auf die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) vehement verbat. Der Fall hat schnell für Schlagzeilen gesorgt – und für Kopfschütteln.

„Eigentlich ist es ja der Vorteil beim Einkaufen vor Ort, dass man sich gegenseitig kennt und dann natürlich auch persönlich begrüßt wird“, meint Nikolaus Schuster, Vorsitzender des Wolnzacher Gewerbeverbandes. Er selber zumindest freue sich, wenn er namentlich begrüßt werde. Dies sei ja auch ein schönes Zeichen von persönlicher Wertschätzung.

„Eigentlich ist es ja der Vorteil beim Einkaufen vor Ort, dass man sich gegenseitig kennt und dann natürlich auch persönlich begrüßt wird.“

Nikolaus Schuster, Vorsitzender des Wolnzacher Gewerbeverbandes

Ein ähnlicher Fall ist ihm in Wolnzach von seinen Mitgliedern nicht zu Ohren gekommen. Im Gegenteil, die Geschäftsleute vor Ort bemühen sich mit dem Wissen über Wünsche und Vorlieben, ihre Kunden an sich zu binden. Und da gehöre die persönliche Anrede mit dem Namen als Erstes mit dazu. „Vielleicht bereut die Dame ihre Aussage auch schon“, sagt Schuster. Womöglich hätte sie nur einen schlechten Tag gehabt.

Ein Alleinstellungsmerkmal

Metzgermeister Gernot Seefelder aus dem niederbayerischen Siegenburg ist etwas Ähnliches noch nie widerfahren. Die Metzgerei im Ortskern wird von ihm in der zweiten Generation geführt. „Ich habe von klein auf gelernt, dass wir unsere Kunden mit Namen begrüßen müssen“, sagt Seefelder. Ein grußloser Gang durch den Laden war als Kind beinahe das Schlimmste, was der Metzgernachwuchs anstellen konnte, wie er sich erinnert.

„Die persönliche Anrede ist doch unser Alleinstellungsmerkmal im Einzelhandel“, betont er. Viele Kunden würden sehr großen Wert darauf legen. „Wir verkaufen hier ja nicht nur unsere Wurst- und Fleischwaren. Letztendlich ist unser Laden auch eine soziale Bühne.“ Die Gespräche zwischen Verkaufspersonal und Kunden seien ebenso wichtig wie die Wurst, die verkauft werde. Fachverkäuferin Petra Göttl sieht es genauso. Ihr käme es komisch vor, wenn sie die Leute nicht mehr mit ihrem Namen ansprechen sollte.

Wohlfühlfaktor für Kunden

„Kundenbindung und Kundenfreundlichkeit werden bei uns jedem Verkäufer gepredigt und gehören zur elementaren Ausbildung.“

Wolfgang Brich, Marktleiter eines Elektro-Geschäfts

Und das gilt offenbar nicht nur in einer 4000-Seelen-Gemeinde wie Siegenburg. Wolfgang Brich ist Marktleiter in einem großen Elektro-Geschäft in einem der Regensburger Einkaufszentren. Bei ihm werden im Schnitt etwa 2000 Kunden am Tag bedient. „Kundenbindung und Kundenfreundlichkeit werden bei uns jedem Verkäufer gepredigt und gehören zur elementaren Ausbildung“, sagt Brich. Sobald der Name des Kunden bekannt ist, soll er vom Personal verwendet werden. Sei es beim bargeldlosen Bezahlen an der Kasse mit der Karte oder beim Ausfüllen eines Kaufvertrags. „Das sind der Wohlfühlfaktor und das Einkaufserlebnis, die wir unseren Käufern bieten wollen.“ Ein „Frau Müller, viel Spaß mit ihrem neuen Fernseher“, gehöre da einfach dazu. Bisher habe sich noch kein Kunde dagegen verwehrt. „Viele freuen sich, wenn sie wiedererkannt werden.“ Trotzdem haben auch Brich und seine Verkäufer schon Erfahrung mit der Verwirrung um die Datenschutzverordnung gesammelt. „Das ging so weit, dass Kunden uns ihre Adresse nicht angeben wollten, obwohl sie die gekaufte Ware anliefern lassen wollten.“

Die DSGVO

  • Inhalt:

    Die DSGVO ist eine Verordnung der EU, mit der die Regeln zur Verarbeitung personenbezogener Daten durch private Unternehmen und öffentliche Stellen EU-weit vereinheitlicht werden.

  • Sinn:

    Dadurch soll der Schutz personenbezogener Daten innerhalb der EU sichergestellt, und auch andererseits der freie Datenverkehr innerhalb des Europäischen Binnenmarktes gewährleistet werden.

Ein Recht darauf, nicht mit Namen angesprochen zu werden, haben Kunden in Geschäften durch die DSGVO nicht, betont Ingo Kaiser von Projekt 29, einem Regensburger Unternehmen, das Beratung rund um Datenschutz und Datensicherheit anbietet. Im Fall der Metzgereikundin sagt Kaiser, dass die Verkäuferin schließlich nicht auf undurchsichtigen Wegen den Namen herausgefunden haben wird. Vielmehr sei der Name wahrscheinlich deswegen bekannt, weil die Kundin schon länger im Geschäft einkauft und wohl mindestens einmal ihren Namen genannt habe. Solange sie nicht betont habe, dass sie nicht mit Namen angesprochen werden möchte, herrsche eine so genannte „konkludente Einwilligung“.

Am Ende zählt der Wunsch

Klar sei, dass die Kundin das Recht habe, nicht mehr mit Namen angesprochen zu werden. Das habe aber nichts mit der DSGVO zu tun, sagt Kaiser. „Es ist unvorstellbar, was unter dem Deckmantel der Datenschutzgrundverordnung alles gemacht wird“, sagt der Experte. „Das führt zu so absurden Fällen wie in Österreich, wo ein Mieter mit Verweis auf die DSGVO nicht wollte, dass sein Name auf dem Klingelschild zu lesen ist.“ Der Fall in Wolnzach stelle für ihn da eine „spektakuläre neue Ausuferung“ dar.

Wolnzachs Gewerbeverbands-Chef Schuster empfiehlt für die Zukunft dasselbe wie Kaiser: Am besten sollte man den Wunsch des Kunden berücksichtigen – ganz gleich, ob dafür ein Rechtsanspruch besteht oder nicht.

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