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Geschichte

Deggendorf: Auferstanden aus der Flut

Als bei Deggendorf 2013 der Isardamm bricht, ist die Katastrophe nicht zu verhindern: Der Ortsteil Fischerdorf geht unter.
Von Ute Wessels

Zahlreiche neu gebaute Häuser stehen im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf. Foto: Armin Weigel/dpa
Zahlreiche neu gebaute Häuser stehen im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf. Foto: Armin Weigel/dpa

Deggendorf.Hochwasser und Schlamm sind längst weg. Die Spuren der Jahrhundertflut in der niederbayerischen Stadt Deggendorf scheinen beseitigt. Und doch erinnert im Ortsteil Fischerdorf alles an die Tage im Juni 2013, als der Damm an der Isar brach und das durch tagelangen Regen aufgestaute Wasser freien Lauf hatte. Es flutete Straßen, Häuser und die Autobahn - bis zu vier Meter hoch. Eine gewaltige Katastrophe, bei der es auf wundersame Weise keine Toten gab.

Fünf Jahre später gibt es in dem Ort Neubauten anstelle zerstörter Häuser. Stehengebliebene Gebäude sind frisch gestrichen, Straßen weitgehend repariert, Spiel- und Fußballplatz erneuert. Fischerdorf ist auferstanden - der gleiche Ort und dennoch ein anderer.

Joseph Straßer und seine Frau Rosalie stehen vor ihrem neu gebauten Haus im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf. Foto: Armin Weigel/dpa
Joseph Straßer und seine Frau Rosalie stehen vor ihrem neu gebauten Haus im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf. Foto: Armin Weigel/dpa

Eines der neuen Häuser gehört Rosalie und Joseph Straßer. Modern und hell ist es. Ein Jahr nach der Flut sind die Straßers eingezogen. Mit Heizöl verschmutztes Hochwasser hatte das alte Haus unbewohnbar gemacht. Es wurde abgerissen. Auf ihrem Grundstück durften sie wegen der Nähe zur Isar nicht neu bauen und bekamen von der Stadt ein Ausgleichsgrundstück etwas weiter im Ortsinneren.

Spielplatz, Moschee, Kindergarten – alles neu

Ob sie sich hier heimisch fühlen? Nun, in dem alten Haus sei er 1951 geboren worden, sagt Straßer. Er sei dort aufgewachsen und habe immer dort gelebt. Etwas abgelegen sei es gewesen. „Idyllisch.“ Trotz der Autobahn, die nebenan gebaut wurde und trotz des Lärms, den diese mit sich brachte. Rund um das neue Grundstück ist inzwischen viel gebaut worden. Spielplatz, Moschee, Kindergarten - ständiger Trubel. „Da hinten hatten wir unsere Ruhe“, sagt er und deutet in Richtung Isar.

Ein noch so schönes neues Haus ist eben nicht gleich ein Zuhause - zumal wenn Erinnerungsstücke fehlen. Das ist spürbar, wenn die Straßers erzählen. „Wir sind ja zufrieden hier“, sagt die 65-Jährige. Aber: „Es ist eben nicht die Heimat.“ Sie schluckt.

„Da hinten hatten wir unsere Ruhe.“

Joseph Straßer über seine alte Heimat

Auch das Haus von Rosemarie und Dietmar Seidel war in der Flut untergegangen. In einem Ordner haben sie Zeitungsartikel darüber gesammelt, eine Luftaufnahme ihres überschwemmten Grundstückes ging um die Welt. Das Haus ließen sie wieder so aufbauen, wie es vorher war. Beim Rundgang durch den Garten zeigen sie, wie hoch das Wasser stand. An der Hecke sind noch Schäden sichtbar.

Geblieben ist dem Paar so gut wie nichts. Das ölige Wasser hat alles zerstört. Lediglich die Fotos, die im Obergeschoss an der Wand hingen, konnten die Seidels retten. Den Straßers geht es ähnlich. Die alten Alben mit den schönen Erinnerungsfotos sind kaputt. Stattdessen zeigen sie ein Album mit Bildern ihres verwüsteten Zuhauses.

Das Haus von Joseph Straßer (oben) und die Autobahn A 3 (unten) sind am vom Hochwasser umspült. Foto: Armin Weigel/dpa
Das Haus von Joseph Straßer (oben) und die Autobahn A 3 (unten) sind am vom Hochwasser umspült. Foto: Armin Weigel/dpa

Josef Straßer hat als Feuerwehrkommandant immer wieder Hochwasser erlebt. „Wie oft haben wir Dammwache geschoben“, sagt er. Fischerdorf liegt zwischen Donau und Isar. Die Menschen waren an Überschwemmungen gewöhnt. Aber dass es einmal so dramatisch kommen würde, das habe sich niemand vorstellen können.

Die Anwohner seien an jenem 4. Juni aufgefordert worden, ihre Häuser zu verlassen, erinnern sich die Straßers. Die heute 65-Jährige trug wichtige Dokumente in den ersten Stock und legte sie auf einen Tisch - nicht ahnend, dass sogar der noch untergehen würde. Sie verließ Fischerdorf, während ihr Mann noch das Haus abzudichten versuchte. Dann kam das Wasser. „Ich habe es gerade noch ins Auto geschafft“, sagt er. „Ich wusste: Hier kann ich nichts mehr tun.“

Und heute? „Verdrängen kann man das nicht“, sagt Straßer. „Das war einfach zu viel.“ Der Ort habe sich verändert, ergänzt seine Frau. Neid habe es gegeben angesichts der Versicherungszahlungen und Spenden. Die Leute hätten sich beäugt, wer wie groß baut. „Das war ein bissl ein Konkurrenzkampf.“ Das berichten auch andere Anwohner.

Der Ortsteil Fischerdorf boomt

Angst vor einer neuen Flut scheinen die wenigsten Fischerdorfer zu haben. Der Ortsteil boomt. Gut 170 Hausbesitzer hatten einen Antrag auf Neubau nach Abbruch ihres alten Haues gestellt, berichtet eine Sprecherin der Stadt. Von den Hochwasseropfern zogen nur wenige weg und einige Neu-Fischerdorfer kamen dazu.

„Vorher war das hier ein Dorf. Jetzt ist es ein Stadtteil.“

Rosalie Straßer

Die Erweiterung des Hochwasserschutzes soll im kommenden Jahr weitgehend abgeschlossen sein, wie Michael Kühberger, der Leiter des Wasserwirtschaftsamtes, mitteilt. Rund 70 Millionen Euro seien in dem Gebiet dafür ausgegeben worden. Der Damm wurde erhöht und soll nun einem hundertjährlichen Hochwasser standhalten.

Fünf Jahre nach der Flut sei auch der Wiederaufbau von Fischerdorf weitgehend beendet, sagt Oberbürgermeister Christian Moser (CSU). Einige Straßen müssten noch saniert werden. Gerade bei Familien sei das Interesse an Bauplätzen groß: „Momentan können wir dort keine Baugrundstücke anbieten.“ Dass es Neid unter Nachbarn gab, ist auch dem Rathaus-Chef nicht verborgen geblieben. Für ihn steht aber der Zusammenhalt im Fokus, wie sich die Menschen damals gegenseitig geholfen haben. Und auch, wie sich der Ort entwickelt hat. So hätten sich Vereine in einem neuen gemeinsamen Vereinsheim zusammengetan.

Fischerdorf hat sich erneuert, ist moderner und städtischer geworden. Rosalie Straßer bilanziert: „Vorher war das hier ein Dorf. Jetzt ist es ein Stadtteil.“ Und das kann man gut oder schlecht finden.

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