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Wirtschaft

Dem Handwerk gehen die Chefs aus

Die ostbayerischen Betriebe wandeln sich rasant. Jeder Dritte braucht bald einen neuen Chef. Häufig gibt es den aber nicht.
Von Marion Koller

Liebt seinen Beruf, weil er sich gerne „in Probleme reinkniet“: Der Duggendorfer Schreinermeister Horst Schönberger hat auch schon in Indien ausgebildet und dort eine Werkstatt aufgebaut. Foto: Koller Thomas
Liebt seinen Beruf, weil er sich gerne „in Probleme reinkniet“: Der Duggendorfer Schreinermeister Horst Schönberger hat auch schon in Indien ausgebildet und dort eine Werkstatt aufgebaut. Foto: Koller Thomas

Regensburg.Die gelbweiße Schreinerei in Duggendorf ist ein wenig in die Jahre gekommen. Doch in der Werkstatt steht ein Mann, den sein Beruf noch genauso fasziniert wie vor 30 Jahren. Schreinermeister Horst Schönberger greift nach einem hübsch gemaserten Stück Nussholz und deutet auf vergoldete Stellen. „Ich habe die Fehler nicht zugeschmirgelt, sondern mit Goldfüllung herausgeholt“, sagt er. Der 59-Jährige zeigt gern das Einzigartige der Natur. Zuweilen nutzt er dafür Gold. Meistens aber baut er Massivholzmöbel ohne Schnickschnack. „Der Beruf ist total schön. Ich mache das, weil ich ein Problemlöser bin“, sagt er.

Tüftelt gerne an schwierigen Aufträgen: Horst Schönberger in seiner Duggendorfer Werkstatt Foto: Koller
Tüftelt gerne an schwierigen Aufträgen: Horst Schönberger in seiner Duggendorfer Werkstatt Foto: Koller

Nur die vergebliche Suche nach einem Nachfolger verdüstert Schönbergers Alltag. Eine ganze Reihe von Interessenten hat sich in den letzten Jahren bei ihm umgeschaut. Doch entweder sie haben sich nicht mehr gemeldet oder der Schreiner hielt sie für ungeeignet, weil der Meistertitel fehlte. „Da habe ich Zweifel bekommen, so ein Betrieb muss Gewinn erwirtschaften. Die hatten keine kaufmännische Ausbildung und konnten die Gesamtkosten nicht kalkulieren.“

Das Unternehmerherz fehlt

Wie dem Duggendorfer (Lkrs. Regensburg) geht es vielen Selbstständigen in der Region. 38 000 Handwerksbetriebe verteilen sich auf Niederbayern und die Oberpfalz. Bei rund 12 700 ist der Inhaber über 55 Jahre alt. Sie brauchen also in den nächsten zehn Jahren einen Nachfolger. Etwa die Hälfte wird innerhalb der Familie übergeben. „Doch dass Sohn oder Tochter nachfolgen, ist nicht mehr selbstverständlich“, sagt Andreas Keller, Berater bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz in Regensburg. Ein paar tausend Seniorchefs stehen ohne Nachfolger da. Das Problem spüren alle Branchen, vom Metzger bis zum Auto-Mechatroniker.

Andreas Keller von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz berät Betriebsleiter, wie sie einen Nachfolger finden können. Foto: Fotowerkstatt Gahr
Andreas Keller von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz berät Betriebsleiter, wie sie einen Nachfolger finden können. Foto: Fotowerkstatt Gahr

Zugleich boomt das Handwerk. Für 2017 bilanziert der Bayerische Handwerkstag, dass 92 Prozent den Geschäftsverlauf als gut oder befriedigend bewertet haben. „Besser waren die Ergebnisse noch nie!“, jubelt die Dachorganisation. Die Betriebe – etwa im Baugewerbe – können die Aufträge kaum abarbeiten und saugen alle Fachleute auf, die der leer gefegte Markt noch hergibt.

Der dramatische Fachkräftemangel schränkt auch die Zahl möglicher Nachfolger ein. Überdies scheue die junge Generation die Selbstständigkeit mit ihren Risiken, beobachtet Andreas Keller. Schreiner Schönberger formuliert das so: „Viele haben das Unternehmerherz nicht.“ Vor allem aber entscheiden sich immer mehr junge Leute für ein Studium und nur zehn Prozent eines Jahrgangs für das Handwerk.

„Studierwahn“ ärgert den Bäcker

Über den „Studierwahn“ schimpft etwa der Bäckermeister Martin M. (Name geändert) aus einem Dorf an der Landkreisgrenze zwischen Regensburg und Cham. Oft hätten Eltern eine überzogene Vorstellung von der Intelligenz des Kindes. Nur eine akademische Karriere werde in Betracht gezogen. „Jeder will hoch hinaus.“ Der Endfünfziger, der frustriert wirkt, hält den Nachwuchs für zu „verhätschelt“ und empfindlich. „Was soll ich mit einem anfangen, der sich beim Butterbrotstreichen schneidet und krankschreiben lässt?“ Seit einigen Jahren schaut er sich nach einem Nachfolger um.

Gute Umsätze

  • Nachfolgesuche:

    Im gesamten Freistaat sieht die Situation etwas besser aus als in der Oberpfalz und Niederbayern. 21 000 Handwerksbetriebe werden laut Jens Christopher Ulrich, Sprecher des Bayerischen Handwerkstags, in den kommenden Jahren einen neuen Chef suchen. Die meisten im Kfz- und im Lebensmittelhandwerk.

  • Hemmnisse:

    Wenn der Inhaber nicht mehr investiert und das Unternehmen technologisch nicht auf dem neuesten Stand ist. Als weiteres Problem nennt Ulrich überzogene Erlösvorstellungen beim Verkauf.

  • Rat:

    Betriebsinhaber sollten sich ab einem Alter von 55 mit der Nachfolge beschäftigen. Die frühzeitige, offene Kommunikation ist gerade bei der Übergabe in der Familie wichtig. Gibt es mehrere Kinder, ist die Wertermittlung ein zentraler Punkt, um alle gleichzustellen.

  • Aussichten:

    Ulrich erwartet 2019 ein Umsatzplus des Handwerks wie im Vorjahr (sechs Prozent). Er sieht beträchtliche Chancen: Handwerker könnten sich zum Meister fortbilden, dann stünden ihnen alle Türen offen.

Martin M. weiß aber auch um die Härte seines Berufes. Der Bäcker, der zehn Leute beschäftigt, steht unter der Woche um 1.30 Uhr auf. Freitagnacht knetet er schon ab 23.30 den Brotteig. Die Vitrinen müssen um 6 Uhr gefüllt sein, wenn er den Laden aufsperrt. Er bezeichnet die Arbeit als „körperlich robust“ – auch wenn er stolz darauf ist, dass seine handproduzierte Ware ohne chemische Zusätze auskommt und die Touristen begeistert. „Die können gar nicht glauben, dass alles selber gemacht wird.“ Dass ihm die Nachfolger nicht die Tür einrennen, versteht er – wegen der familienfeindlichen Arbeitszeiten. Er bezahlt die Mitarbeiter fair: Selbst kommt er mit einem monatlichen Bruttolohn von 3000 Euro aus, seine Bäcker erhalten 2700 Euro.

Auch die Mehrzahl der Dachdecker in der Region kämpft mit dem Generationswechsel. Ein Betriebsleiter aus dem Landkreis Kelheim zählt fünf Konkurrenten auf. Alle Chefs sind zwischen 55 und 65. Die Söhne studieren, haben Allergien, wechseln ins Ausland. Er selbst hofft, dass sein Neffe in einigen Jahren übernehmen wird. Der Regensburger Dachdeckermeister Rudi Purucker (50) freut sich über die vollen Auftragsbücher und sagt, er denke noch nicht darüber nach, ob der Sohn in seine Fußstapfen treten wird. „Aber bei uns ist es genauso schwierig wie bei den Bäckern.“ Bei 40 Prozent der Beratungen in den Handwerkskammern geht es inzwischen um die Nachfolge.

Dr. Till Proeger vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen teilt die Sorge um die Nachfolgeproblematik. Zurzeit träfen drei Entwicklungen zusammen: Wegen des demografischen Wandels kommen weniger junge Leute nach und die Generation der Babyboomer wechselt in den Ruhestand. Zusätzlich steigen die Studierendenquoten. Der Forscher sieht die Notwendigkeit, gegenzusteuern und junge Nachfolger für das Handwerk zu gewinnen, wie es von den Kammern und Verbänden angestrebt wird. „Studienabbrecher für einen Handwerksberuf zu gewinnen, ist ein vielversprechender Ansatz.“

Die Mitarbeiterzahl in 203 100 Handwerksbetrieben Bayerns

Proeger vertraut aber auch auf die Marktreaktionen. „Je schwieriger es wird, Handwerker zu finden, desto stärker steigen tendenziell auch die Preise und Löhne. Dadurch wird das Handwerk attraktiver für junge Leute und Quereinsteiger.“

Wer mehr Nachwuchs im Betrieb heranzieht, gewinnt auch eher einen Nachfolger.

Pressesprecher Jens Christopher Ulrich vom Bayerischen Handwerkstag in München erwartet für 2019 ein Umsatzplus des Handwerks wie im Vorjahr (sechs Prozent). Foto: Einberger/argum
Pressesprecher Jens Christopher Ulrich vom Bayerischen Handwerkstag in München erwartet für 2019 ein Umsatzplus des Handwerks wie im Vorjahr (sechs Prozent). Foto: Einberger/argum

Das dauert aber und hilft den beiden 59-jährigen Meistern aus der Oberpfalz nicht. Martin M. hat sich damit abgefunden, dass er die Backstube spätestens 2023 zusperren wird. Ein Jahr darauf könnte der Familienbetrieb 300. Geburtstag feiern. Schreiner Horst Schönberger gibt die Hoffnung nicht auf, auch wenn ihn die Nachfolgefrage viel Elan gekostet hat. Er setzt auf die Betriebsbörse der Handwerkskammer im Internet.

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