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Kulturgeschichte

Den Bayern in die Karten geschaut

„Trommler und Pfeifer“ – der Historiker Manfred Hausler hat eine opulente Geschichte Bayerischer Spielkarten vorgelegt.
Von Thomas Dietz, MZ

  • Herz-Daus von Paul Scheidt aus Stadtamhof (vor 1800)
  • Herz-Daus (Herz-Sau) von Baronsee, mit dem Schriftzug Rege-ns-burg
  • Sauen aus einem Spiel von Caspar Baronsee, Regensburg (um 1825)
  • Herz-Sechs mit dem Fürstlich Thurn und Taxis’schen Hauswappen
  • Bayerisches Standard-Kartenbild: Zahlenkarten mit heimischen Ansichten (Ludwig & Schmidt, Halle a.d. Saale) Fotos: Volk Verlag München

München. Spätestens seit dem Mittelalter wird in Bayern leidenschaftlich Karten gespielt – der erste urkundliche Beweis dafür stammt aus dem Jahr 1378. Das Kartenspiel gehört bis auf den heutigen Tag zur guten bayerischen Tradition, und für so uralte Spiele wie Watten oder Schafkopfen sind die Bayerischen Spielkarten unerlässlich. Unsere Alltagssprache steckt voller Anspielungen auf das Kartenspiel: Da wird einer „über den Schellen-König gelobt“, ein anderer hat „schlechte Karten“ oder es wird einem „in die Karten geschaut“. Er muss „Farbe bekennen“ oder „mit der Farbe rausrücken“; es ist auch öfter mal nichts zu machen, denn, wie jeder weiß: „Ober sticht Unter.“

Aber wo kommen die Karten her? Wie sind die Blattfarben entstanden? Wie entwickelte sich das bayerische Kartenbild, seine Motive, Formate und Verbreitungsgebiete? Wie war das damals in Augsburg, wie verliefen die Nebenlinien zum „Regensburger Blatt“, wie ging es weiter in Franken, Böhmen, Tirol, im Salzburger Land?

Spielkarten als Holzschnittkunst

All diese Fragen werden in einem phantastisch ausführlichen Buch beantwortet, einer prachtvoll ausgestatteten und reich bebilderten Kulturgeschichte der Bayerischen Spielkarten mit dem Titel „Trommler und Pfeifer“ – inkl. Spielkarten-Stammbaum. Der kundige Autor heißt Manfred Hausler, er ist seit mehr als 20 Jahren Mitglied der überaus britischen International Playing-Card-Society in London, gehört dem österreichisch-ungarischen Spielkartenverein „Talon“ an und hat die deutsche Spielkartengesellschaft „BubeDameKönig“ in Berlin mit begründet. Seit Jahrzehnten betreibt er Forschungen zur Geschichte der Bayerischen Spielkarten und konnte dabei eine bedeutende Sammlung historischer Karten zusammentragen. Auch diese Jagdabenteuer werden nebenher amüsant geschildert.

Hausler forschte im Bayerischen Nationalmuseum in München, im Münchner Stadtmuseum, in der Bayerischen Staatsbibliothek, in London, Oxford, Berlin, in der Wiener Albertina und in der Bibliothek der Yale-Universität in New Haven, wo eine der größten Spielkartensammlungen der Welt liegt. Dank Hauslers Forschungen lässt sich der Stammbaum der Bayerischen Spielkarten nun lückenlos bis zu seinen Augsburger Wurzeln in der Mitte des 15. Jahrhunderts zurückverfolgen. Das Mutterland aller noch verwendeten regionalen Standard-Spielkarten mit Deutschen Farbzeichen, zwischen Würzburg und Bozen, Bregenz und Prag, ist Altbayern.

Nachdem es im letzten Viertel des 14. Jahrhunderts auch in Europa gelang, ordentliches Papier herzustellen, tauchen auch Spielkarten auf. Mit Holzschnitten und dem aus der Textilveredelung bekannten Wiegenverfahren gelang der technologische Sprung vom Ornamentendruck zum Bilderdruck. Spielkarten gehörten neben Heiligenbildchen zu den frühesten Zeugnissen der Holzschnittkunst.

Spielverbot in Regensburg

Im Mittelalter wurde so unmäßig Karten gespielt, dass man von Spielsucht sprechen kann. 1378 sieht sich der Rat der Stadt Regensburg gezwungen, der Spielwut in der Stadt Einhalt zu gebieten. Am 23. Juli („freytags vor Jacobi“) erlässt er ein Spielverbot: „Ez verpitent mein herren allen unsern burgern und burgerin christen und juden daz si nicht spilen in der stat und in iren häwsern bey tag noch bey nacht, ... und spilen mit der quarten verpitent mein herren auch...“

Die vier Kartenfarben waren zunächst höfischen Ursprungs: Falke und Jagdhund (die Jäger), Hirsch und Wildente (die Gejagten). Daraus entwickelten sich volksnähere Farben. Ab 1460 sind die Farbzeichen Eichel, Gras (Grün; Laub), Herz und Schellen in deutschen Karten etabliert. Die These, dass sich die deutschen Spielkartenfarben aus den italienischen Farbzeichen Schwerter, Becher, Stäbe und Münzen entwickelt hätten, gilt als überholt.

Eichel-König mit oder ohne Krone

Im reichsunmittelbaren Regensburg, das bis 1810 – mit kurzen Intermezzi – nicht zum Herrschaftsbereich der bayerischen Wittelsbacher gehörte, entwickelte sich ein eigenständiges Kartenbild, das „Regensburger Bild“. Im British Museum werden Karten von Hans Daempf, Kartenmacher aus Stadtamhof, von 1733 aufbewahrt.

Das Regensburger Bild (36 Blatt) war etwa 150 Jahre lang populär, bis es dann um 1875 verschwindet und vom Bayerischen Bild des Münchner Kartenmachers Josef Fetscher verdrängt wird: Auf der Gras-Daus erscheint nun eine Vase, der Eichel-König erhält wieder eine Krone – einziger „Orientale“ bleibt der Gras-König. Der Herz-Ober bekommt ein Schwert, Eichel-Ober und -Unter haben nur noch eine Waffe, der Eichel-Ober einen ovalen Schild. Das Regensburger Blatt wandelte sich dann zum böhmischen Blatt, womit heute noch in Tschechien gespielt wird; die Figurenkarten sehen den Regensburgern ziemlich ähnlich.

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