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Diskussion

Denker sollen Meinung laut mitteilen

Geisteswissenschaftler diskutierten im Thon-Dittmer-Palais zum Uni-Jubiläum über gesellschaftspolitische Verantwortung.
Von Florian Sendtner, MZ

MZ-Newsdeskleiter Christian Kucznierz (M.) moderierte die Diskussion im Regensburger Thon-Dittmer-Palais. Foto: Lex
MZ-Newsdeskleiter Christian Kucznierz (M.) moderierte die Diskussion im Regensburger Thon-Dittmer-Palais. Foto: Lex

Regensburg.„Es ist das Herz unserer Disziplin, das da gerade angestochen wird!“ Ursula Regener formuliert es kurz und schmerzlos, was das ganze Podium beschäftigt. Fünf Professoren diskutieren im Thon-Dittmer-Palais über Diversität, Migration, Komplexität und die gesellschaftliche Verantwortung der Geisteswissenschaften – und schon beim zweiten Satz ist man bei Donald Trump. Der US-Präsident, dessen Bataillone in Europa Front National, UKIP, FPÖ und AfD heißen, ist nicht nur die Verkörperung des aggressiven Nationalismus, sondern auch die personifizierte Kriegserklärung an die Geisteswissenschaften als solche.

Doch es ist kein larmoyanter Ton zu hören, im Gegenteil. Christian Wolff erinnert daran, dass das Phänomen „fake news“ so alt wie die Menschheit ist. Trump ist also erstens ein alter Hut. Und könnte sich zweitens durchaus als heilsam erweisen. Die Geisteswissenschaften müssen sich, wenn sie überleben wollen, auf die Hinterbeine stellen. Regener: „In diesem dramatischen Kulturwandel ist Widerstand sehr vonnöten!“ Aber, so Werner Sollors, man habe immerhin eine jahrtausendealte Waffe in der Hand: den unverhandelbaren Wahrheitsanspruch.

Das Podium

  • Unter der Moderation

    von MZ-Newsdeskleiter Christian Kucznierz, selbst promovierter Geisteswissenschaftler, diskutierten am Mittwochabend im Thon-Dittmer-Palais fünf Professoren das Thema „Diversität, Migration, Komplexität – Die gesellschaftliche Verantwortung der Geisteswissenschaften in der globalisierten Welt“.

  • Neben den Gästen

    , Magdalena Nowicka, Professorin für Migration und Transnationalismus an der Humboldt-Uni Berlin, und Werner Sollors, Literaturprofessor an der Harvard-Uni, diskutierten Dekan Volker Depkat (Amerikanistik) sowie Germanistin Ursula Regener und Medieninformatiker Christian Wolff.

„Aber sind die Geisteswissenschaften überhaupt noch gefragt?“, wirft Moderator Christian Kucznierz ein. „Liegt die Deutungshoheit nicht längst bei den Wirtschaftswissenschaften?“ Christian Wolff rät der eigenen Zunft da zu „etwas mehr Selbstbewusstsein“, und für Magdalena Nowicka ist es keine Frage: „Die Wissenschaftler sollen laut sagen, was sie denken.“ Doch Volker Depkat weist auch auf die Grenzen hin, die Max Weber gezogen hat: „Die Wissenschaft kann nie sagen, was wir tun sollen.“ Das gilt auch für das Thema Migration. Wobei etwa die Historiker, so Sollors, durchaus darauf hinweisen könnten, dass es beileibe nichts Neues ist, wenn eine bestimmte Prozentzahl nicht im Land geboren ist. Depkat äußert Zweifel an der gern bemühten Metapher vom „Schmelztiegel USA“. Der Amerikanist empfiehlt eine Salatschüssel oder ein Symphonieorchester als Vergleichsgröße: „Da ist der Einzelne als Tomate oder als Geige noch erkennbar.“

Was bleibt? Das, was die Geisteswissenschaft seit eh und je gemacht hat: Diskurse kritisch analysieren. Zum Beispiel das harmlos klingende Wort „Flüchtlingskrise“, das unterstellt, Deutschland sei durch die Flüchtlinge in der Krise. Als ob es nicht die Flüchtlinge wären, die zuallererst in der Krise sind.

Aber die Runde verliert auch die alltägliche Praxis nicht aus den Augen. Regener: „Im Zugabteil werden ausländerfeindliche Witze gemacht. Sie bräuchten einen Gegenwitz, aber den haben Sie nicht.“ – Voilà: Fragt ein Deutscher einen Türken: „Wo geht‘s hier nach Aldi?“ Antwortet der Türke: „Zu Aldi!“ Darauf der Deutsche verdutzt: „Was, schon nach acht?“

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