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Porträt

Der alte Mann und die Donau

Otto Maier ist einer der letzten Donaufischer Ostbayerns – und Seniorchef eines der größten Fischbetriebe Deutschlands.
Von Sebastian Heinrich, MZ

Frengkofen.Jetzt ist er wieder da, der Hurenwind. Eisig bläst er Otto Maier ins Gesicht, in die grauen Lockenspitzen, die unter der Krempe seines großen, braunen Huts hervorquellen. Er bückt sich, sticht das Ruder kraftvoll in die silbergraue Donau, richtet sich wieder auf. Das Boot gleitet einen Meter nach vorne. Vor Otto Maier steht sein Gehilfe, beugt sich nach vorne, zieht Masche um Masche orangefarbenes Netz aus dem trüben Wasser.

Otto Maier rudert sachte, manövriert das Boot am Netz entlang, Zentimeter um Zentimeter, damit ihn der Wind nicht wegtreibt. Masche, Masche, Masche, stopp. Otto Maier, das Ruder fest im Griff, kneift die Augen zusammen. Der erste Fisch. Zackige Rückenflosse, silbriger Körper, schwarze Streifen, Ein Barsch. „Scheiß Wind, verfluachta!“ schreit Otto Maier plötzlich.„Hurenwind!“

Otto Maier ist Donaufischer. Morgen für Morgen steigt er ins Boot. Und Otto Maier ist Seniorchef eines der fünf größten Fischbetriebe Deutschlands.

Mit dem Moped auf den Markt

Otto Maier kämpft. Seit Jahrzehnten: gegen die Wasserverschmutzung, das Konsumverhalten der Menschen – und gegen die Bagger. 1985 waren sie mit ihrer Arbeit fertig. Seitdem ist die Donau vor Frengkofen eine Wasserschnellstraße. Verschwunden sind Strudel und Stromschnellen, Kiesbänke und Altwasser. Nur 15 von 25 Fischarten haben das überlebt. Sie sind jetzt eingesperrt auf 30 Kilometern, zwischen zwei Wasserkraftwerken, in deren Turbinen sie zerhäckselt werden.

Als Otto Maier 1950 das erste Mal mit seinem Vater auf die Donau fuhr, war er fünf Jahre alt. Damals war der Fluss 90 Meter breit, anderthalb Meter tief. Später fuhren sie Nacht für Nacht aufs Wasser – „af’d Doana“, wie Maier sagt. Von acht Uhr abends bis drei Uhr früh durchkämmten sie den reißenden Strom mit Zugnetzen. Ihren Fang füllten sie in Wasserbottiche, die sie mit dem Moped auf den Fischmarkt in Regensburg fuhren. Wie die vielen anderen Donaufischer zwischen Regensburg und Straubing. Am Markt schwammen die Fische in kleinen Eimern, die Verkäufer schlachteten sie vor den Augen der Hausfrauen, die sie in Zeitungspapier gewickelt heimtrugen.

Heute ist die Donau vor dem Firmensitz gut dreimal so breit, fast fünfmal so tief und hat fast keine Strömung. „Die Donau ist kein Fluss mehr“, sagt Otto Maier. „Sie ist eine Badewanne“. Mit Zugnetzen würde er darin nichts fangen. Er und seine Männer legen abends Stellnetze in Ufernähe aus und holen sie am nächsten Morgen wieder ein. In Regensburg gibt es keinen Fischmarkt mehr, die meisten kaufen Fisch als tiefgefrorene Quader im Supermarkt. Es gibt nur noch drei Donaufischer zwischen Regensburg und Straubing.

Viele der Badewannen-Fische werden schon als Laich weggespült. Von Kreuzfahrtschiffen wie dem, das gerade an Otto Maiers Boot vorbeifährt. Gut hundert Meter lang, mit verglasten Passagierkabinen. Otto Maiers flache, acht Meter lange Aluminiumzille zittert, schwingt, schaukelt. Er stellt sich breitbeinig auf die Plattform am Bootsheck, schnauft, rudert, bleibt stehen. Etwas Wasser spritzt auf seine grünbraune, weite Anglerhose, über der ein langer, dunkelgrauer Anorak hängt. Otto Maier rudert weiter, hält sein Boot in der Spur wie ein Gondoliere in Gummistiefeln. Das Schiff ist weg. Otto Maier wirft den Motor an und fährt nach Norden. Zum nächsten Netz.

Vom Fischmarkt zur Großkantine

Ab den sechziger Jahren, die Donau wurde schmutziger und die Fische weniger, fing Otto Maier an, Zuchtfisch zu importieren. In den Siebzigern, als die Nachfrage nach lebendigem Fisch schrumpfte, begann er, Fische selbst zu schlachten und auszunehmen. In den Achtzigern belieferte „Fisch Maier“ Großkantinen und den Branchenriesen „Deutsche See“.

Seither ist der Markt explodiert. 15,2 Kilo Fisch pro Kopf isst jeder Deutsche im Jahr, hierzulande wird nur ein Fünftel der benötigten Menge gefangen. Den größten Teil des Fischhungers stillt eine Industrie, die mit gigantischen Hochsee-Trawlern die Ozeane vor den westafrikanischen Küsten leeren und hunderttausende Fischerfamilien verelenden lassen. In Südostasien und vor den Küsten Südamerikas zappeln in riesigen Aqua-Kulturen Millionenschwärme von Pangasius und Lachsen, bis zu 50 Fische pro Quadratmeter. Mit Fischmehl hochgepäppelt, mit Antibiotika am Leben gehalten. „Des is koa Fisch ned“, sagt Otto Maier.

Er ist noch da, trotz des Pangasius. Sein Schreibtisch steht in einem Büro im Erdgeschoss des Firmensitzes. Kein Computer steht darauf, nur drei grüne Aktenordner. An der Wand darüber hängt ein 80 Zentimeter großes Kruzifix. Darunter ein paar Zettel, mit Handschrift bekritzelt. Fischnamen, Mengenangaben.

Eigentlich hat er nicht mehr das Sagen. Der Chef ist sein Sohn, Otto Maier junior, Geschäftsführer der „Euro Fine Fish GmbH“. Er verwaltet das Hauptquartier mit 19 Mitarbeitern. Sie schlachten, sortieren, lagern frischen Fisch – aus der Donau, vor allem aber aus Fischzuchten in Ungarn und Norditalien. In einer Fabrik im sächsischen Grimma lassen die Maiers Seelachs- und Forellenfilets verarbeiten – die, in Styroporschalen verpackt, in den Kühlregalen von Netto und Real landen. Otto Maier selbst isst nur Donaufisch – und ab und zu einen Karpfen.

Mit 3.500 bis 4.000 Tonnen Fisch pro Jahr handelt „Fisch Maier“ heute. Achtmal so viel wie vor 50 Jahren.

Manchmal rebelliert Otto Maier ein bisschen gegen die schöne, neue Fischwelt – in der das Geschäft immer weiter weggerückt ist von seiner Donau. Manchmal setzt er sich in Gummistiefeln, Anglerhose und Feinripp-Unterhemd an seinen Schreibtisch – vor den Augen seiner Angestellten in Bluse und Stoffhose. Manchmal telefoniert Otto Maier auch und ein paar Tage später steht sein Sohn im Hof vor zwei Kisten Forellen, die er nie bestellt hat. Die Donaufische haben sich besser an die neue Welt gewöhnt. Die Kläranlagen haben das Wasser sauberer werden lassen. Die Bestände haben sich erholt, es verschwinden keine Arten mehr.

Unter dem Kruzifix hängt vor Otto Maiers Schreibtisch ein Blatt an der Wand. „Maidult – Gäubodenfest – Herbstdult“, steht darauf in Fettdruck. Auf den Volksfesten in Regensburg und Straubing macht „Fisch Maier“ etwa 40 Prozent des Gesamtumsatzes. An den Dult-Wochenenden sind die Plätze in der Holzhütte der Maiers meist ausgebucht.

Otto Maier ist an jedem Wochenende vor Ort. Manchmal bleibt er in einem weißen Zelt nebenan, nimmt Fische aus. Nebenan führt sein Sohn die Gäste zu ihren Tischen. Und seine Tochter Liane steht in der Küche.

Ihr hat Otto Maier vor gut zwanzig Jahre eine Fischerei gekauft, die „Köppelmühle“ bei München. In acht Steinbecken sprudelt das kalte Quellwasser der Sempt. Forellen und Saiblinge schwimmen darin.

Ein Lebensabend wie ein Fisch

Otto Maier wollte, dass seine Zuchtfische dort so leben wie ein echter Donaufisch – zumindest ein bisschen, zumindest in den letzten Tagen, bevor sie unter dem Schlachtermesser sterben müssen.

An der Donau hat der Wind jetzt aufgehört zu blasen. Die Sonne bricht durch die grauen Wolken. Vor Otto Maiers Boot kreischen zwei Möwen, von der Autobahnbrücke dahinter summen Autos. Otto Maier streichelt das viel zu ruhige Donauwasser mit dem Ruder. Noch einmal blickt er nach vorne, zum Netz. Ein kleiner Waller. Er zuckt noch.

Otto Maier neigt den Kopf zur Seite, zieht seinen Mund langsam zusammen und nickt leicht. Der Waller fliegt in den Plastikbottich in der Bootsmitte, in dem schon zwanzig andere Fische schwimmen. Platsch. Der Fang ist fertig, heute war es ein ganz ordentlicher.

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