MyMz

Interview

Der Brexit belebt den Humor

Der Komiker Christian Schulte-Loh meint, die Briten überschätzen sich selbst – und findet ihren Größenwahn liebenswürdig.
Von Jana Wolf

Komiker Christian Schulte-Loh: „England führt sich jetzt so auf wie der späte Helmut Kohl oder der Hamburger Sportverein.“ Foto: comictog.uk
Komiker Christian Schulte-Loh: „England führt sich jetzt so auf wie der späte Helmut Kohl oder der Hamburger Sportverein.“ Foto: comictog.uk

London.Das Brexit-Chaos nimmt einfach kein Ende, die britische Labour-Partei hat die Gespräche mit der Regierung für gescheitert erklärt. Ist Ihnen noch zum Lachen zumute?

Je größer die Krise, desto größer auch der Humor. Daher kommt der berühmte Galgenhumor, und auch der schwarze, britische Humor entsteht meistens aus negativen Situationen. Es ist nur förderlich für den guten Humor, wenn alles schiefgeht. Deswegen eindeutig ja: Ich kann noch lachen.

Seit zehn Jahren leben und arbeiten Sie als Komiker in England. Sehen Sie das Land heute anders als früher?

Die Situation hat sich verändert, mein Blick aber nicht. Ich habe die apokalyptische Haltung der Engländer schon immer gemocht: Sie überschätzen sich selbst, aber das machen sie gerne. Jedes Mal denken sie aufs Neue, dass sie die Fußball-WM gewinnen und scheiden dann in der Vorrunde aus. Beim nächsten Mal glauben sie wieder, dass sie gewinnen können. So ähnlich ist es beim Brexit. Viele Engländer denken: Na gut, dann machen wir es eben ohne EU, wir werden trotzdem gut da stehen. Wir waren ja mal ein großes Imperium.

Die Zeiten britischer Weltmacht sind offensichtlich vorbei. Wie sehr trauern die Engländer der alten Größe nach?

Es ist immer schwierig, wenn man einmal relevant war und dann feststellt, dass man es jetzt nicht mehr ist. England führt sich jetzt so auf wie der späte Helmut Kohl oder wie der Hamburger Sportverein. Man kommt einfach nicht darüber hinweg, nicht mehr so wichtig zu sein.

Christian Schulte-Loh lebt in London. Seine Comedy präsentiert er sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Foto: comictog.uk
Christian Schulte-Loh lebt in London. Seine Comedy präsentiert er sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Foto: comictog.uk

Zugleich sagen Sie, die Engländer nehmen sich selbst nicht so ernst. Wie passt das zusammen?

„Tongue-in-cheek“ ist in England sehr wichtig, also das Augenzwinkern. Die Engländer sagen zwar, dass sie wieder so mächtig sein wollen wie früher. So richtig ernst meint es aber eigentlich keiner. Man weiß oft nicht, was ein Scherz ist und ernst gemeint. Ich finde das sehr sympathisch.

Nehmen die Engländer also auch den Brexit nicht ernst?

Es ist ein Dilemma, denn trotz der gelegentlichen Selbstüberschätzung sehen die Engländer sich auch als Underdog und zelebrieren die Rolle des Außenseiters. Trotzdem ist der Brexit eine ernste Sache, viele persönliche Schicksale hängen daran – unter Umständen auch meines, wenn ich nicht mehr so einfach zwischen England und Deutschland pendeln kann. Es gibt Familien, die durch den Brexit zerrüttet sind und Unternehmen, die scheitern. Natürlich ist nicht alles lustig. Der britische Humor lebt trotzdem auf.

„Es ist förderlich für den guten Humor, wenn alles schief geht.““

Das britische Parlament bekommt so viel Aufmerksamkeit wie nie zuvor, der Sprecher John Bercow hat es mit seinen „Order“-Rufen zu Berühmtheit geschafft. Was macht die Parlamentsdebatten so legendär?

Sie sind sehr repräsentativ. Es ist die Kultur des Zwischenrufs, die man in Comedy-Shows ebenso wie im Parlament findet. In der Regel bekommt man das Rederecht nicht zugesprochen, sondern man nimmt es sich, wann es einem passt. Es wird nicht einfach zugehört und am Ende applaudiert oder hinterfragt, sondern immer sofort auf das Gesagte reagiert. Im Parlament sorgt das für lebhafte Debatten und die vielen Ordnungsrufe. In Comedy-Shows führt es dazu, dass sich die Zuschauer am Komiker auf der Bühne messen und denken: ,Ich bin lustiger als der und rufe dazwischen.‘

Komik auf der Bühne und als Buch

  • Der Komiker:

    Christian Schulte-Loh arbeitet seit 2009 als Stand-Up-Comedian und Autor in London. Seit 2012 tritt er regelmäßig auch in seiner deutschen Heimat auf, zum Beispiel im Quatsch Comedy Club.

  • Die Auftritte:

    Live zu erleben ist der Komiker im Herbst auch in Bayern: am 19. November in der Comödie Fürth. Weitere Termine unter christianschulteloh.de/termine

  • Das Buch:

    Nachzulesen sind Schulte-Lohs Witze auch in seinem Buch „Zum Lachen auf die Insel“. Er erklärt darin zum Beispiel, warum er trotz Brexit findet, dass Jacques Chirac unrecht hatte mit den Worten: „Man kann Menschen nicht vertrauen, die so schlecht kochen“.

Über England gibt es derzeit nur negative Schlagzeilen. Können Sie das Bild geraderücken - was gibt es Positives zu berichten?

Es gibt schon eine große gegenseitige Anerkennung zwischen der deutschen und der britischen Gesellschaft und Kultur. Die Deutschen lieben englische Pop- und Rockmusik, die Subkulturen und die Literatur, die Königsfamilie und den Fußball. Die Engländer lieben umgekehrt viele deutsche Dinge. Ich glaube, die negativen Nachrichten aus England bewirken nicht, dass die Deutschen die Engländer nicht mehr mögen. Man fragt sich eher: Was stellen die bloß an? Dasselbe denken die Engländer ja selbst: ,Sagt mal, sind wir bescheuert? Wir machen uns zum Gespött.‘ Man ist froh, dass Donald Trump jedes Mal noch einen draufsetzt und seine Politik noch absurder ist. Das bringt ein wenig Ablenkung.

Mit seinen Gedanken zum Brexit bringt Christian Schulte-Loh auch die Briten zum Lachen (Video auf Englisch):

Die Europawahl steht bevor und die Engländer werden nun doch mitwählen. Wie schätzen Sie die Stimmungslage ein: Werden die Brexit-Hardliner gestärkt?

Mit Prognosen halte ich mich mittlerweile vollkommen zurück, weil ich bisher immer falsch lag. Ich bin das schlechteste Orakel, das Sie sich vorstellen können.

Dann geben Sie uns doch eine Prognose und man kann vom Gegenteil ausgehen.

Ok, Deal! Dann sage ich, dass der Brexit in letzter Minute vor der Europawahl noch geregelt wird und Großbritannien doch nicht teilnimmt. Denn das ist das Unwahrscheinlichste.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht