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Adventszeit

Der ewige Weihnachtsbaum

Der Christbaum der Jähnigs verrät auf den zweiten Blick sein Geheimnis, das ihn so besonders macht – er ist aus Dachlatten.
Von Melanie Bäumel-Schachtner

Erika und Klaus Jähnig schmücken jedes Jahr liebevoll und in stundenlanger Arbeit ihren Baum. Fotos: Melanie Bäumel-Schachtner
Erika und Klaus Jähnig schmücken jedes Jahr liebevoll und in stundenlanger Arbeit ihren Baum. Fotos: Melanie Bäumel-Schachtner

Neukirchen.Wenn in Obermühlbach die Flocken vom Himmel tanzen und die Nacht langsam den kleinen Bayerwaldort mit Dunkelheit überzieht, dann bullert in der gemütlichen Stube mit den hölzernen Wänden von Erika und Klaus Jähnig der Kaminofen – und der große Wohnraum wird in ein sanftes Kerzenlicht getaucht. In der Ecke des Holzhauses, das das Ehepaar 1995 hier errichtet haben, strahlt schon seit dem ersten Advent der Christbaum. Er funkelt und glitzert, er zieht die Blicke der Besucher magisch an, und ist das absolute Schmuckstück in der Weihnachtszeit. Und ein ganz besonderes Unikat, das es nur im Landkreis Straubing-Bogen gibt und sicherlich kein zweites Mal auf dieser Welt.

Auf den ersten Blick sieht der Christbaum der Jähnigs aus wie eine mit liebevoller Hand üppig geschmückte Tanne. Wer näher tritt, der reibt sich verwundert die Augen. Denn was die Kugeln und die Figuren hält, sind keine Tannenzweige. Es sind kunstvoll zusammen geschraubte, grün angestrichene Dachlatten, die Klaus Jähnig in Pyramidenform angeordnet hat und die seit 1975 der ganze Stolz des Rentnerehepaares sind. Sie haben vor 46 Jahren einen immerwährenden Weihnachtsbaum gebaut, den als Geheimtipp nur die Freunde der beiden kennen. Wenn Klaus Jähnig mit Märchenonkelstimme und Märchenonkelbrille die Geschichte des Weihnachtsbaums erzählt, werden auch Kinder ganz still und hören zu.

Mit Nadeln fing es an

Nie wieder. Das haben sich Erika und Klaus Jähnig geschworen, als sie zum ersten Mal in ihrer frisch erworbenen Eigentumswohnung im Landkreis Moers im Rheinland einen Weihnachtsbaum aufstellten. Das Ehepaar hatte sich auf Teneriffa kennen- und lieben gelernt, 1974 im Rheinland geheiratet und war frohgemut in die eigene Wohnung im siebten Stock gezogen. Ein schöner Christbaum sollte das junge Glück an Weihnachten perfekt machen. Und zwar ein großer. Der Baum, den Klaus Jähnig kaufte, wie er es von seiner Kindheit gewohnt war, reichte vom Fußboden bis an die Decke und stand in einem steinernen Gefäß, in das man Wasser gießen sollte, damit sich die schöne Tanne länger halten sollte. Darin war ein Gestell, in das der Baum geschraubt wurde. „Von meiner Mutter hatte ich noch einen alten Koffer voller Christbaumschmuck. Eine kleine Holzkrippe war auch dabei“, blickt Jähnig heute zurück.

Der Baum im Detail

  • Entstehung:

    Erika und Klaus Jähnig stellen den Weihnachtsnaum jedes Jahr mittlerweile schon zum ersten Advent auf. Bis dass die Tanne aus Dachlatten in vollem Ornat glitzert und funkelt, vergehen viele Stunden. Viele bunte Kugeln hängen sie auf, viele davon Familienerbstücke, hinzukommen besondere Kugeln aus einem Hofladen.

  • Glitzernde alte Vögelchen sitzen in den „Ästen“, Engelsfiguren, ein uralter kleiner Schneemann aus Jähnigs Kindheit aus Holz, kleine Schlitten, ein bunter Pfau, ein kleines Karussell und viele hölzerne Figuren. Der früher an der Spitze befestigte Leuchtstern hat seinen Geist aufgegeben und ist durch einen Strohstern ersetzt worden.

Es hätte alles so schön sein können. Doch im Landkreis Moers herrschte 1974 um die Weihnachtszeit herum bittere Kälte. Die Fußbodenheizung in der Wohnung lief daher auf Hochtouren. Das nahm der Weihnachtsbaum krumm, und wie. „Schon abends dampfte es aus dem Wassergefäß. Ich habe das heiße Wasser laufend abgeschöpft und wieder kaltes nachgefüllt. Nach drei Tagen rieselten die ersten Tannennadeln auf unseren hellen, langhaarigen Veloursteppichboden“, blickt der heute 77-Jährige mit leichtem Grauen zurück, und seine Ehefrau Erika nickt bedeutungsschwer. Noch vor Neujahr stand nur noch ein Gerippe in der Wohnung, und der nadellose Baum musste entsorgt werden. Aber wie? Aus dem 7. Stock kann der Baum nicht wie in schwedischer Knut-Manier geworfen werden. Es half alles nichts. Der Baum musste zersägt werden. Auf dem hellen, langhaarigen Veloursteppich.

Der Weihnachtsbaum von Erika und Klaus Jähnig verrät erst auf zweiten Blick sein Innenleben: Er besteht aus Dachlatten.
Der Weihnachtsbaum von Erika und Klaus Jähnig verrät erst auf zweiten Blick sein Innenleben: Er besteht aus Dachlatten.

„Noch Monate danach saugten und zogen wir Tannennadeln aus dem Flor“, lachen die Jähnigs heute. Daraufhin stand fest: Nie, nie wieder kommt ihnen so ein Weihnachtsbaum ins Haus. Aber eine Plastiktanne war keine Option, auf keinen Fall. Jedoch Weihnachten ohne Christbaum? Das wollten die Jähnigs dann auch nicht. Klaus Jähnig überlegte und grübelte und plante. Und hatte bald die zündende Idee: „Ich wollte eine Holzpyramide bauen, ähnlich derer aus dem Erzgebirge. Aber wie? Im Gedenken an meine Lehrzeit als Spitzendreher fertigte ich einige technische Zeichnungen an, bis mir eine gefiel. Die Höhe von rund 150 Zentimetern des Baumes erschien mir als ideal und schon bald konnte es losgehen“, erzählt der Bastler.

Er zieht jeden in den Bann

Gesagt, getan. Ein altes Drehbankfutter wurde der standfeste Christbaumständer, eine runde Stange der Stamm und aus Dachlatten entstanden die Äste. „Ich besaß nur eine Bohrmaschine und eine Fuchsschwanzsäge, mehr brauchte ich nicht“, erklärt Klaus Jähnig. Doch die nächste Überraschung wartete schon auf das Paar. Der Ständer und alle Holzteile wurden Anfang November 1975 auf dem Balkon im 7. Stock dunkelgrün angestrichen. In der Nacht gab es ein stürmisches Unwetter. „Meine ganzen Latten flogen umher und wurden nass. Die Balkonwände, Geländer, Fußboden, alles bekam grüne Streifen. Einfach herrlich.“ Doch Weihnachten rückte näher, und die Jähnigs wollten sich nicht entmutigen lassen. Also rasch alle Stellen auf den Dachlatten ausgebessert und das Holz erneut angestrichen.

Die Spannung stieg, ob der Weihnachtsbaum halten würde, was er versprach. Am 21. Dezember wurde er aufgestellt und stand im Wohnzimmer. Schön sah er aus, und Erika und Klaus gönnten sich zur Feier des Tages ein Gläschen Sherry. Doch das nächste Problem musste gelöst werden. Denn es stand nicht fest, wie Kerzen, Kugeln und Figuren angebracht werden sollten. Noch einmal wurde gegrübelt, getüftelt und gebohrt. Am 24. Dezember 1975 stand vor dem Paar erstmals der selbstgebaute Weihnachtsbaum. Glücklich und stolz wurde Weihnachten begangen. Ganz ohne Nadel-Trauma. 20 Weihnachten feierte der Baum im Rheinland glanzvolle Feste. Dann machte er sich auf den Weg nach Bayern, wo sich Erika und Klaus ein Holzhaus bauten, wo die begeisterten Wanderers den Traum vom neuen Zuhause im Bayerischen Wald erfüllten. Weihnachten 1995 stand der ewige Weihnachtsbaum zum ersten Mal im Landkreis Straubing-Bogen, damals noch in der Küche. Heute ist er in die Stube gezogen, glitzert und funkelt vor dem großen Fenster und zieht jeden Gast sofort in seinen Bann. Auch heute noch.

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