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Kultur

Der Hotspot am Donauufer

Ministerpräsident Markus Söder und 800 Festgäste sammelten am Samstag erste Eindrücke vom neuen Bayernmuseum in Regensburg.
Marianne Sperb

Das neue Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg, in einer Lichtinstallation von Philipp Geist: Tausende Menschen ließen sich am Samstagabend faszinieren. Foto: altrofoto.de
Das neue Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg, in einer Lichtinstallation von Philipp Geist: Tausende Menschen ließen sich am Samstagabend faszinieren. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Museen kämpfen ja um Aufmerksamkeit, um Besucher und um ihre Rolle als Anstifter zu Debatte und Reflexion. Bei all den heterogenen Reaktionen, die das Bayern-Museum in Regensburg am Samstag provoziert: Diese drei Hoffnungen hat das 88 Millionen Euro teuere Prestigeprojekt am ersten Tag seiner Öffnung voll und ganz erfüllt.

Die Besucher drängen sich, nicht nur beim Festakt mit Ministerpräsident Markus Söder und den 800 Gästen, sondern auch ab 18 Uhr, als Jedermann und Jederfrau ein erstes Mal durchs Haus flanieren dürfen. Die Menschen greifen beinahe gierig nach der Chance, einen Blick in den Komplex zu werfen, und sie stehen auch um 21 Uhr, als schon seit einer Stunde geschlossen sein soll, noch Schlange. Die Feuertaufe also hat das Museum, das 2019 fertig sein wird, bei der Preview glänzend bestanden – die Wassertaufe nicht ganz.

Eine Bildergalerie vom Festakt sehen Sie hier.

Festakt im neuen Museum in Regensburg

„Vorsicht, Herr Dr. Vielberth, hier tropft’s!“ Ein fürsorglicher Gast warnt den Regensburger Unternehmer, im Foyer besser den Stehplatz zu wechseln. Das Glasdach in 17 Metern Höhe hat dem Wolkenbruch, der kurz zuvor niedergeprasselt ist, nicht vollständig standgehalten. An zwei, drei Stellen pfützelt’s. Hans Vielberth, der Pionier, der mit dem DEZ die Shopping-Mall als neuen Gebäudetyp nach Deutschland gebracht hat, bekennt Skepsis: „Das Haus ist imponierend, nur: Ich weiß nicht, ob es am richtigen Platz steht.“ Vielberth hat Bedenken, ob es sich einfügt ins Welterbe, ins Flusspanorama. „Das Besondere wird sein, was das Haus bringt: mit dem Veranstaltungssaal für 1000 Menschen und mit der Ausstellung, die eine völlig neue Qualität von Besuchern anziehen wird.“

Markus Söder (rechts) bringt als Geschenk sein Prinzregent-Luitpold-Kostüm mit. Richard Loibl revanchiert sich mit einem Bierkrug. Foto: altrofoto.de
Markus Söder (rechts) bringt als Geschenk sein Prinzregent-Luitpold-Kostüm mit. Richard Loibl revanchiert sich mit einem Bierkrug. Foto: altrofoto.de

Es finden sich einige Zweifler unter den Gästen, aber die Begeisterten dominieren klar, nicht nur bei den Befürwortern von Amts wegen. „Eine Liebeserklärung an Bayern“ nennt Söder das Haus, ein „positives Fundament“, das es brauche, um in unsicheren Zeiten seinen inneren Kompass zu behalten, auch „ein Ausrufezeichen für das, was uns ausmacht“. Das Museum sei Ausdruck bayerischer Lebensart. Söder flachst. „Wir sagen in Berlin nicht: Bayern first oder: Wir sind schlauer, schöner, intelligenter, auch wenn es Anzeichen dafür gibt.“ Was Bayern aber auszeichne, sei die Verbindung von Tradition und Moderne: „Man kann in die Kirche gehen und über künstliche Intelligenz forschen. Man kann Kosmopolit sein und trotzdem jeden Tag Tracht tragen.“

Im großen Saal fand am Samstag der Festakt mit Ministerpräsident Markus Söder statt. Foto: altrofoto.de
Im großen Saal fand am Samstag der Festakt mit Ministerpräsident Markus Söder statt. Foto: altrofoto.de

Der Ministerpräsident hat sein Faschingskostüm mitgebracht. Mit Richard Loibl, dem Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, enthüllt er eine Uniform in Stil von Prinzregent Luitpold. Sie soll, wie 1500 weitere sprechende Leihgaben von Bürgern, Geschichte „von Bayern für Bayern“ erzählen – zusammen mit dem Ballon also, in dem eine Familie die DDR-Grenze überflog, mit der Jacke eines KZ-Überlebenden, dem Wagen von FJS oder der Armbanduhr von Ludwig II., die 1886 mit ihm im Starnberger See versunken ist. 34 Bühnen und acht Kabinette leuchten aus, „worauf Bayern stolz sein kann und was einen schaudern lässt“, sagt Loibl. „Und das ist ja auch das richtige Verhältnis zur Heimat.“

Die Lichtinstallalation von Künstler Philipp Geist zur Wiedereröffnung der Steinernen Brücke, die jahrelang saniert wurde. Foto: altrofoto.de
Die Lichtinstallalation von Künstler Philipp Geist zur Wiedereröffnung der Steinernen Brücke, die jahrelang saniert wurde. Foto: altrofoto.de

Moderator Tilmann Schöberl gestaltet den Festakt als kurzweilige Show mit schnell getakteten Talks. Bayerns Kunstministerin Marion Kiechle sagt, die Vorschau mache Lust auf mehr, und spricht Finanzminister Albert Füracker im Saal direkt an: Er soll für künftige Investitionen in die Ausstellung Geld locker machen. „Hier wird Geschichte großartig inszeniert, fundiert, aber mit einem Augenzwinkern erzählt.“ Die Architektur passe sehr schön in die Altstadt, die Großzügigkeit und Helligkeit gefallen Kiechle besonders. Und das Foyer, das als Durchgang zum Fluss funktioniert. Einen „echten Gewinn“ nennt Regensburgs Bürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer das Haus und hofft, es werde auch für die übrigen Museen der Stadt Impulse bringen.

Spontan-Applaus gibt es für eine Animation. Zum saugenden Piano-Sound von Ludovico Einaudi jagt sie durch die künftige, 2500 Quadratmeter große Dauerausstellung, die 1800 einsetzen wird. Was davor geschah, ab dem Jahr 0, erzählt das 360-Grad-Panorama, das in Endlosschleife, bei freiem Eintritt, im Foyer laufen wird.

Das neue Rundparoma: Bayern-Geschichte, cool erzählt

Christoph Süß und Christian Springer, zwei Hauptakteure, und Produzent Ingo Zirngibl plaudern mit Schöberl ein bisschen aus den „internen Drehbuch“. Ein Trailer zeigt das Making-of der Produktion. Marc Aurel, die Asam-Brüder und Dutzende weitere historische Figuren werden in peinlich genau recherchierte Settings gebeamt und durch die Historie geschickt. Christian Springer wird beim Talk ein wenig politisch: Die Asams und ihre von Italien inspirierte Malerei zeigten, wie wichtig Einflüsse von außen für Bayern immer waren. „Ein Bayern mit hochgezogenen Mauern wäre ein anderes Land geworden.“ Auch dafür gibt es Spontan-Applaus.

Eine Lichtinstallation von Philipp Geist auf dem Bayern-Museum in Regensburg Foto: altrofoto.de
Eine Lichtinstallation von Philipp Geist auf dem Bayern-Museum in Regensburg Foto: altrofoto.de

Den ironischen Ton, der den Festakt grundiert, nimmt Stefan Traxler auf. „Wir hatten einige Prüfungen in Bayern zu bestehen“, meint der Architekt, der mit seinem Haus be einem Teil der Bürger aneckt. Mit Blick auf das heftige Geprassel draußen fügt er an: „Und dass es heute diesen Regen gibt, ist sicher kein Zufall!“ Ernsthafterweise ist er aber froh, dass die Arbeiten gut laufen, und dankbar für das Fest, das viele Dinge am Bau beschleunigt habe. Überhaupt Bayern: Kaum woanders treffe er auf so viel Offenheit gegenüber neuen Ideen, selbst wenn sie etwas kosten, sagt er später in kleiner Runde.

Eine Lichtinstallation von Philipp Geist auf dem Bayern-Museum in Regensburg Foto: altrofoto.de
Eine Lichtinstallation von Philipp Geist auf dem Bayern-Museum in Regensburg Foto: altrofoto.de

Traxler wirbt für sein Haus. Am Unort Donaumarkt, einer Brache fürs Parken, entstehe nun ein Ort für Begegnung und ein Gebäude, das die Stadtgeschichte aufnimmt. Er nennt das Foyer, das den einstigen Hunnenplatz nachzeichnet, und eine Gebäudenaht, die die historische Eschergasse zitiert. „Es wurde viel über das Haus gesprochen wie über ein Buch, das noch den Schutzeinband trägt. Jetzt ist der Einband, das Gerüst, weg, aber viele waren noch nicht mal drinnen. Es wäre schön, wenn man das Buch jetzt erst mal öffnet und liest.“

Dass Museumsgebäude umstritten sind, ist keine Seltenheit. Lesen Sie hier einen Leitartikel: „Erst furchtbar, dann super“

Söder findet die Architektur „faszinierend und gelungen“. „Das Wichtigste ist, dass darüber geredet wird“, sagt er. Das passiert ausgiebig an diesem Samstag. Die Kommentare fallen maximal unterschiedlich aus. Franz von Bayern, Oberhaupt des Hauses Wittelsbach, sagt: „Ein modernes Gebäude steht für seine Zeit. Es muss Qualität haben – und die besitzt es ja.“ Gloria von Thurn und Taxis hält sich mit einem Urteil zur Architektur zurück. „Ich habe noch zu wenig gesehen.“ Zu Panoramafilm und Konzept hat sie eine klare Meinung: „Wenn die Ausstellung auch in dieser Art wird, ist das kein gutes Zeichen.“

„Ich finde das Haus gelungen – aber es könnte mutiger sein.“

Peter Styra, Leiter der Thurn und Taxis-Museen

Peter Styra, Chef der Thurn-und-Taxis-Museen, findet das Haus gelungen – „aber es könnte mutiger sein“. Wolfgang Heubisch, der als Kunstminister 2013 die Entwürfe auf dem Tisch hatte, schwärmt: „Ganz wunderbar!“. Jede Generation schreibe die Geschichte weiter. Architektur dürfe, ja müsse sich klar zur Gegenwart bekennen. Ähnlich reagiert Denkmalpfleger Achim Hubel. Ihm sind historisierende Zutaten ein Graus. „Sehr schön!“, sagt er also, „klug und behutsam in die Altstadt gestellt“. Höhe, Helligkeit, Proportionen: „Es stimmt alles“.

Regionalbischof Hanns-Martin Weiss ist hin und weg vom Film, vom Konzept und der kritisch-ironischen Haltung. Geschichte werde hier mit großer Leichtigkeit vermittelt. Das Haus schenke Regensburg einen neuen Akzent. „Das fordert heraus, sich mit der eigenen Geschichte auseinander zu setzen“, sagt Weiss beim Empfang an Bord der „Kristallkönigin“. Genau gegenüber wird zu dieser Zeit die Schlange an Menschen, die in den neuen Hotspot möchten, immer noch länger.

Steinerne Brücke, Museum, Welterbefest und Buntes Wochenende: Unsere Reporter sind am großen Feierwochenende live dabei.

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