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Der Krieg an der „Heimatfront“

Die Soldaten kämpften außerhalb Deutschlands, doch die gesamte Gesellschaft wurde auf Krieg getrimmt. Mangel bestimmte den Alltag im Ersten Weltkrieg.
Von Sebastian Kunigkeit, dpa

Dutzende historische Feldpostkarten, die im Ersten Weltkrieg an Angehörige in Aschaffenburg geschickt wurden, aufgenommen am 03.06.2014 im Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg. Foto: dpa

Aschaffenburg.Es dauerte nur zwei Wochen, bis die Gräuel des Krieges nach Aschaffenburg kamen. Schon in der Nacht zum 15. August 1914 rollte der erste Verwundetentransport in die Kleinstadt an der bayerisch-hessischen Landesgrenze. Lazarette und Verletzte sollten von nun an zum Stadtbild dazugehören, selbst im Schloss Johannisburg wurden Verwundete untergebracht.

Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur mobilisiert

Es war bei weitem nicht die einzige Veränderung, die den rund 30 000 Einwohnern bevorstand: Auch fernab der Front sorgte der Krieg für Hunger und Entbehrungen und wirbelte die deutsche Gesellschaft durcheinander. „Immer mehr gleicht unsere Lebensweise der der Einwohner einer belagerten Stadt“, klagte die „Aschaffenburger Zeitung“ im September 1917.

Die „Heimatfront“ trug im Ersten Weltkrieg direkt zur Kriegsanstrengung bei. „Es gibt eine Tendenz zur umfassenden Mobilisierung aller Lebensbereiche“, sagt der Historiker Benjamin Ziemann, Professor an der britischen University of Sheffield. Er hat zu Kriegserfahrungen in Bayern geforscht. Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur seien mobilisiert worden – das habe es so vorher nicht gegeben.

Der Archivar Matthias Klotz hat zum 100. Jahrestages des Kriegsausbruchs die Folgen für Aschaffenburg dokumentiert. Sein Buch zeigt beispielhaft, wie schnell der Mangel zum Leitmotiv der Kriegsjahre wurde – infolge der britischen Seeblockade, aber auch, weil die Wirtschaft rigoros auf Kriegsproduktion getrimmt wurde. „Deutschland war nicht auf einen lange andauernden industriellen Abnutzungskrieg vorbereitet“, bilanzierte der Historiker Wolfgang Kruse für die Bundeszentrale für politische Bildung.

„Petroleum ist schon im Herbst 1914 knapp geworden“, erzählt Matthias Klotz. „Dann ging es mit den Lebensmitteln weiter.“ Im Frühjahr 1915 beschloss der Stadtmagistrat, Brotkarten auszugeben. Es war der Auftakt zu einer immer weiter greifenden Rationierung, die bald alle wichtigen Lebensmittel umfasste. Oft gab es nur einen Bruchteil des Friedensverbrauchs.

Eine Flut an Vorschriften und Verboten brach über die Aschaffenburger herein. Vergnügungsfahrten mit dem Fahrrad waren ebenso tabu (wegen des Mangels an Gummi) wie Faschingskreppel oder der Verkauf gefärbter Eier vor Ostern. Es durften keine Frühstücksbrötchen mehr ausgeliefert werden. Die Zeitungen warnten: „In ein deutsches Haus gehört in dieser Zeit kein Kuchen“, Stadt und Vereine organisierten Kriegskochkurse „unter besonderer Berücksichtigung der Sparsamkeit“.

Schmuggel und Schwarzmarkt florierten

Mit Humor greift eine Postkarte aus dieser Zeit die inflationäre Verteilung von Rationierungskarten auf. Darauf bittet ein Charmeur um einen Kuss - die hübsche Frau erwidert, da sei nichts zu machen: „Nur gegen Bezugsschein“.

Fleisch war besonders knapp, pro Woche gab es bald nur noch wenige hundert Gramm. Ab November 1915 waren „fleischlose Tage“ vorgeschrieben. Schmuggel und Schwarzmarkt florierten. Einmal seien sogar Schmuggler aufgeflogen, die als Leichenzug getarnt Fleisch transportierten, erzählt Klotz. „Wer heutzutage nur auf das angewiesen wäre, wozu ihn die Rationierung berechtigt, der hätte ein elendes Dasein“, schrieb die „Aschaffenburger Zeitung“. Spätestens im „Steckrübenwinter“ 1916/1917 herrschte in Deutschland verbreiteter Hunger, der auch Todesopfer forderte.

Weil Leder knapp war, sollten Kinder im Sommer barfuß laufen, einige griffen auf Holz- und Strohschuhe zurück. „Am Ende des Krieges sind auch Pappsohlen verwendet worden“, sagt Matthias Klotz. Die Kriegsindustrie brauchte Metall, die Bevölkerung sollte in immer neuen Sammelkampagnen Haushaltsgegenstände abgeben. Mehr als ein Drittel der Aschaffenburger Kirchenglocken wurde eingeschmolzen.

Der Mangel sorgte für Unmut. Dokumentiert ist ein Frauenprotest wegen der Probleme bei der Fettversorgung. Sie zogen im Herbst 1916 vor das Aschaffenburger Rathaus, weil selbst die angedachten 100 Gramm Butter pro Person pro Woche oft noch gekürzt werden mussten. „Spätestens Anfang 1916 gibt es auch in bayerischen Großstädten Unruhen, vor allem sogenannte Marktkrawalle“, erzählt Professor Benjamin Ziemann. Weil im Freistaat viele Menschen Kontakte im ländlichen Raum hatten, sei dies aber etwas weniger dramatisch gewesen als in anderen Teilen Deutschlands.

Frauen übernahmen Führung

Der Krieg habe auch Geschlechterrollen in Bewegung gebracht, erzählt Ziemann. Denn als die Männer an die Front mussten, übernahmen beispielsweise im ländlichen Bayern viele Frauen die Führung des Hofs. Und die Verwaltung des Mangels habe einen Stadt-Land-Konflikt geschürt. So hätten Städter die Landbevölkerung als habgierige Bauern angesehen, die sie selbst verhungern ließen.

Der 9. November 1918 schließlich war auch für Aschaffenburg der Beginn einer neuen Zeit: Demonstranten sangen die „Arbeiter-Marseillaise“, ein Arbeiter- und Soldatenrat übernahm die Macht, und wie schon am Tag des Kriegsausbruchs berichteten die Zeitungen von Jubel in der Stadt. Doch diesmal galten die Hochrufe der Republik.

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