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Glaube

Der lange Weg der Kirche zur Wahrheit

Mit der Studie zu sexuellem Missbrauch wollen die Bischöfe Vertrauen zurückgewinnen. Doch die Aufarbeitung ist nicht zu Ende.
Von Louisa Knobloch

Generalvikar Michael Fuchs und die Präventionsbeauftragte Dr. Judith Helmig beantworteten in Regensburg die Fragen der Reporter zur Missbrauchsstudie. Foto: altrofoto.de
Generalvikar Michael Fuchs und die Präventionsbeauftragte Dr. Judith Helmig beantworteten in Regensburg die Fragen der Reporter zur Missbrauchsstudie. Foto: altrofoto.de

Regensburg.Licht ins Dunkel bringen – das wollte die Deutsche Bischofskonferenz mit der sogenannten MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Kleriker. Am Dienstag wurde der 356 Seiten starke Bericht im Rahmen der Herbst-Vollversammlung der Bischöfe in Fulda offiziell vorgestellt. Die zentralen Ergebnisse waren aber bereits vorab in mehreren Medien veröffentlicht worden: Demnach haben zwischen 1946 und 2014 insgesamt 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige sexuell missbraucht. „Diese Zahl stellt eine untere Schätzgröße dar“, heißt es jedoch in der Studie. Die Dunkelziffer dürfte wesentlich höher liegen. „Ich schäme mich“, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, angesichts der Ergebnisse. Allzulange sei in der Kirche „Missbrauch geleugnet, weggeschaut und vertuscht worden“. Nun wolle man neues Vertrauen aufbauen.

Im Bereich des Bistums Regensburg haben sich über die Jahrzehnte mindestens 65 Beschuldigte an mindestens 159 Kindern und Jugendlichen vergangen. Auch hier ist der überwiegende Teil der Opfer (112) männlich. Während die meisten Betroffenen einen (66) oder zwei bis zehn (34) Übergriffe schilderten, sticht ein Fall ins Auge, in dem das Opfer über einen längeren Zeitraum von mehr als 100 Taten berichtete. Die Tatorte waren überall, wo Kleriker mit Kindern und Jugendlichen Kontakt hatten: Am häufigsten kam es in der Wohnung der Beschuldigten zu sexuellem Missbrauch, aber auch in Schulen, Internaten, Heimen oder auf Jugendfreizeiten.

Kein Zugang zu Originalakten

Die Zahlen für das Bistum Regensburg stellten Generalvikar Michael Fuchs, Pressesprecher Clemens Neck und die Präventionsbeauftragte Dr. Judith Helmig am Dienstagnachmittag bei einer Pressekonferenz vor. Die Juristin Helmig hatte die Daten aus den Personal- und Fallakten des Bistums erhoben und anonymisiert an das Forschungskonsortium weitergeleitet. Dass die Forscher keinen Zugang zu den Originaldokumenten in den Kirchenarchiven hatten, löste heftige Kritik aus. Damit habe die Bischofskonferenz ihre eigene Forschung massiv entwertet, sagte der Kriminologe Christian Pfeiffer. Bistumssprecher Neck führte Datenschutzgründe an: Sowohl deutsches als auch europäisches Recht verbiete, Daten aus Personalakten Dritten zugänglich zu machen – für Forschung gebe es da keine Ausnahmen.

Bistumssprecher Clemens Neck stellte die Zahlen vor. Foto: altrofoto.de
Bistumssprecher Clemens Neck stellte die Zahlen vor. Foto: altrofoto.de

Dieses Beispiel zeigt, dass mit der umfangreichen Studie noch längst nicht die ganze Wahrheit auf dem Tisch ist. Nicht nur, dass die Forscher nicht selbst die Akten einsehen durften, es wurden gar nicht erst alle Akten gesichtet. Im Bistum Regensburg wurden etwa von 3761 Personalakten von Klerikern aus den Jahren 1945 bis 2015 nur 1681 für die Studie erfasst – also weniger als die Hälfte. Generalvikar Fuchs wollte auf Nachfrage auch nicht ausschließen, „dass in Akten von verstorbenen Priestern noch Überraschungen drin sind“. Zudem werden bei den Beschuldigten neben Priestern und Diakonen nur diejenigen Ordensmänner gelistet, die einen Auftrag der Diözesen hatten. Inwiefern es in den rund 400 Ordensgemeinschaften in Deutschland sexuelle Übergriffe gegeben hat, bleibt also unbeantwortet.

Kirche schützte die Beschuldigten

In der MHG-Studie wird auch der Umgang der Kirche mit den Missbrauchsfällen kritisiert. „Der Schutz von Institution und Beschuldigten hatte Vorrang vor den Interessen der Betroffenen“, heißt es dort. Teils seien des Missbrauchs beschuldigte Priester in andere Gemeinden versetzt worden – ohne diese über die Beschuldigungen zu informieren. Ein solcher Fall hatte 2007 bundesweit für Aufsehen gesorgt. Ein einschlägig vorbestrafter Geistlicher war vom Bistum Regensburg als Seelsorger im oberpfälzischen Riekofen eingesetzt worden und hatte sich dort über Jahre an einem anfangs zehnjährigen Ministranten vergriffen.

Hilfe für Betroffene

  • Telefonhotline:

    Parallel zur Veröffentlichung der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch durch die Bischofskonferenz wurde eine Telefonberatung für Betroffene eingerichtet. Zwischen 25. und 28. September können diese jeweils von 14 bis 20 Uhr unter der Nummer (08 00) 0 00 56 40 mit Beratungsfachkräften aus den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit und Sozialpädagogik sprechen. Informationen und Online-Beratung gibt es unter www.hilfe-nach-missbrauch.de.

  • Ansprechpartner:

    In der Diözese Regensburg können sich Betroffene an die Missbrauchsbeauftragten Dr. Martin Linder, Tel. (09 41) 70 54 64 70, E-Mail: Dr.Martin.Linder@t-online.de , und Marion Kimberger, Tel. (09 41) 20 91 42 68, E-Mail: marion.kimberger@kimberger-online.de , wenden. Auf der Seite der Deutschen Bischofskonferenz (www.dbk.de ) finden Missbrauchsopfer zudem ein Formular zur Beantragung von „Leistungen in Anerkennung des zugefügten Leids“.

Seit die Bischofskonferenz 2002 erstmals „Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche“ verabschiedete, würden Fälle von sexuellem Missbrauch konsequent bei der Staatsanwaltschaft angezeigt, betont Fuchs. Oftmals sind die Taten aber bereits verjährt. Im Bistum Regensburg werden für den Studienzeitraum 18 staatliche und 18 kirchliche Strafverfahren gelistet, dazu elf Meldungen nach Rom. „Einige Male“, so Fuchs, seien Beschuldigte laisiert – also von allen Rechten und Pflichten als Priester entbunden – worden.

Kritiker: Zölibat abschaffen

Aus der Studie würden „eine ganze Menge Hausaufgaben“ für die Diözesen hervorgehen, sagte Fuchs – etwa einheitliche Standards bei der Aktenführung, der Entschädigung von Opfern oder der Prävention. Dazu habe der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer bei der Vollversammlung in Fulda eine unabhängige Zertifizierungsstelle vorgeschlagen, die allen Organisationen und Einrichtungen in Deutschland offenstehen solle, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Kirchenkritiker fordern dagegen tiefgreifendere Reformen, etwa die Abschaffung des Zölibats. Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass deutlich mehr Taten von ehelos lebenden Priestern begangen wurden als von Diakonen, die heiraten dürfen. Auch in Regensburg bestätigt sich dieser Trend: Unter den 65 Beschuldigten sind 56 Priester, neun Ordensmänner, aber kein einziger Diakon.

Eine Chronologie zum Missbrauchsskandal bei den Regensburger Domspatzen finden Sie hier:

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