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Der Papst-Wasser-Terrorist

Die Hysterie kannte kein Halten mehr, als der Papst 2006 kam. Künstler wollten das persiflieren – dafür geriet ein anderer unter Terrorverdacht.
von Pascal Durain, MZ

  • Der freie Fernsehjournalist Hubertus Wiendl kann noch immer nicht fassen, was dieser Dreh in Pentling für Folgen hatte: „Das war eine gigantische Rufschädigung.“ Foto: MZ-Archiv
  • Schäferhündin Lea bewacht seit Dezember 2009 das Papsthaus in Pentling.
  • Besuch am Tatort: Hausmeister Rupert Hofbauer mit Polizisten vor dem Papstgarten. Foto: Weigel
  • Wer echtes „Papstwasser“ haben will, muss nur auf eBay danach suchen. Screenshot: pd
  • Am 22. August 2006 schrieb die MZ: „Maskierter dringt in Papst-Garten“. Später berichteten auch internationale Medien über den Fall.

Regensburg.Es ist nicht irgendein Haus, dass sich die Männer in Staubmasken ausgesucht haben. Es ist der ganze Stolz Pentlings, der Gemeinde am Stadtrand Regensburgs – das Haus, in dem Joseph Ratzinger einst gewohnt hat. Für Hubertus Wiendl nimmt hier das Unheil seinen Lauf, als er auf dem Bordstein steht. Der groß gewachsene, hagere Mann baut seine Kamera auf – auf einmal springt einer seiner Begleiter über den Zaun, stöpselt einen Gartenschlauch an den Wasseranschluss und füllt drei Flaschen mit Wasser auf. Rupert Hofbauer, Nachbar und Papsthaus-Hausmeister, traut seinen Augen nicht, als er gerade vom Spazieren zurückkommt und die Szene mit ansieht. Er notiert sich noch das Nummernschild des Wagens, bevor er die Polizei ruft.

Und die reagiert: Die Staatsschützer der Kripo übernehmen. Vor dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in weniger als sechs Wochen müsse ein „terroristischer Hintergrund“ ausgeschlossen werden, schreiben sie in die Akte. „Unverzüglich.“

Ein paar Stunden später, am Samstagmorgen, dem 19. August 2006: Bei Wiendl klopft es an der Tür. Ein Mann überreicht ihm einen Durchsuchungsbeschluss, sechs Beamte treten ein und tragen Minuten später sämtliche Computer, Festplatten und Videokassetten aus der Wohnung. „Seids ihr jetzt komplett narrisch“, fragt sich Wiendl die ganze Zeit. Der freie Journalist bleibt ohne die Arbeit aus Jahrzehnten zurück – und ist fassungslos. Zum Glück sind Frau und Tochter gerade im Urlaub. Aber mehr Glück wird Wiendl in den folgenden Wochen nicht haben. Wenn er in seinen Wagen steigen wird, werden ihn Beamte auf Schritt und Tritt begleiten, ein Hubschrauber wird über ihm kreisen, Menschen, die er zu seinen Freunden zählte, werden ihm aus dem Weg gehen. Und nicht mal Papst Benedikt wird Nachsicht mit ihm haben. Heute sagt Wiendl dazu: „Das war eine gigantische Rufschädigung.“ Während der Ermittlungen sei er sich vorgekommen „wie Bin Laden“.

Kommerzieller Wahnsinn

Noch immer redet sich der hagere Mann in Rage, wenn er sich daran erinnert. Aufträge seien ihm geplatzt, Geschäftsbeziehungen wurden gekündigt, Politiker aus der Stadt wollten ihm keine Interviews mehr geben. Dabei habe er nur seinen Job gemacht, es sei nur ein ganz normaler Dreh gewesen, der im Nachhinein „komplett kriminalisiert“ worden ist. Aber: „Das hat mich auch berühmt gemacht.“

Wiendl hat eine der goldene Plastikflaschen aufgehoben, die damals an die Pilger verteilt wurden. Das Etikett ziert eine Silhouette der Domspitzen und einem Kruzifix, am Verschluss hängt noch ein Gartenschlauch. Wie eine Trophäe baumelt sie an der Wand im Wohnzimmer.

In den Tagen, in denen der Papst nach Regensburg kam, herrschte Ausnahmezustand und Ausverkaufsstimmung in der Stadt. Papst-Postkarten, Papst-Schlüsselanhänger, Papst-Bücher, Papst-Stühle – überall dort, wo das Antlitz Benedikt XVI. für Umsatz sorgen konnte, gab es ein passendes Souvenir. Die Vermarktung des Papstes begann schon lange vorher – der alte Golf von Kardinal Joseph Ratzingers, den er nie gefahren ist, da er keinen Führerschein besitzt, wechselte für 188938Euro und 88 Cent den Besitzer. Dieser kommerzielle Rummel um eine eigentlich bescheidene Persönlichkeit stieß vielen sauer auf – auch drei Aktionskünstlern aus Regensburg, die es aber nicht bei ihrem Frust belassen wollten. Also luden sie Wiendl ein, ihre „Kunstaktion“ zu dokumentieren, die die ausufernde Vermarktung aufs Korn nehmen wollte. Der Plan war einfach: Kurz nach Pentling fahren, später das „Heilige Wasser“ bei eBay verkaufen, allen den Größenwahn vor Augen führen.

Doch es kam anders: Papst Benedikt XVI. persönlich hatte das Strafverfahren ins Rollen gebracht. Hausmeister Hofbauer erhielt von seinem ehemaligen Nachbarn, dem Papst, eine Vollmacht, in Belangen seines Hauses Anzeige zu erstatten. Sonst hätte die Staatsanwaltschaft den Fall nicht anklagen können. Das Amtsgericht hatte kein Nachsehen. Zwar beteuerte Wiendl, er habe keine Ahnung gehabt, dass ein Beteiligter in das Papst-Grundstück eindringen will. Doch Richter Jürgen Hüttinger brauchte nur Sekunden nach der Beweisaufnahme, um sein Urteil zu sprechen: Er verurteilte den Kameramann zu einer Geldstrafe von 100 Euro wegen Mittäterschaft bei Diebstahl und Hausfriedensbruch. Hüttinger: „Das war klipp und klar abgesprochen“. Wiendls Anwälte, die Strafverteidiger Dr. Jan Bockemühl und Michael Haizmann, hatten auf Freispruch plädiert. Der Richter räumte zwar ein, dass der Wert des geraubten Wassers nur „im Centbereich“ liege, doch er müsse wegen des Hausfriedensbruchs eine abschreckende Strafe verhängen. Wenn jeder über den Zaun beim Papsthaus steige, werde der Garten komplett verwüstet.

„Kleine Spiegel-Affäre“

Das sah das Landgericht Regensburg genauso, nach dem der Fall dort neu verhandelt wurde. Dieses Mal verfünffachten die Richter sogar Wiendls Geldstrafe. Die Kosten für den Prozess übernahm die Gewerkschaft verdi.

Anwalt Bockemühl kann auch heute über das, was sich damals abgespielt habe, nur mit dem Kopf schütteln – eine „kleine Spiegel-Affäre“, sagt er. Er erneuert seine Kritik an der Justiz: „Da wurde mit Kanonen auf Spatzen geschossen.“ Mit Verhältnismäßigkeit habe das nichts mehr zu tun gehabt.

Wiendl hat die Namen der Künstler bis heute nicht preisgegeben. Eine Frage der Integrität versteht sich. Der Landshuter Anwalt und Medienrechtler, Prof. Dr. Ernst Fricke, ist bis heute davon überzeugt: „Herr Wiendl ist Unrecht wiederfahren.“ Fricke hat damals die Revision für Wiendl vor dem Oberlandesgericht in Nürnberg durchzusetzen. Auch diese wurde verworfen. Fricke hält seit mehr als 25 Jahren an der Universität Eichstätt Vorlesungen über Medienrecht. Den Fall des Papst-Wasser-Klaus hat er in seinem Buch „Recht für Journalisten“ aufgearbeitet. Er sagt, das Gericht habe hier eine absurde Sichtweise vertreten. Der Kameramann sei als Einbrecher verurteilt, obwohl er nie das Grundstück betreten habe. Mit dieser Begründung könnte man auch Mittäter bei einer Schlägerei sein, wenn man diese als Journalist lediglich filmt.

Als der Papst dann im September 2006 Regensburg kam, meinte es das Wetter an diesen Tagen besonders gut. So gut, dass man sich um die Versorgung der Pilger mit ausreichend Wasser sorgte. Die Rewag richtete acht Zapfstellen in der Stadt ein, an denen sich Besucher kostenlos mit kühlem Nass versorgen konnten. Zudem wurden eine Million 1/2-Liter-Flaschen Wasser mit Apfelaroma gratis verteilt, die später vom Hl. Vater gesegnet wurden. Und so landete echtes „Papstwasser“ tatsächlich auf eBay. Bis Sonntag läuft noch eine Auktion – der Preis für die „Rarität“ liegt bisher bei 14.99 Euro. Das Haltbarkeitsdatum des Flascheninhalts lief aber bereits 2007 ab.

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