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Kommentar

Der Pfarrer der Zukunft

Ein Kommentar von Marianne Sperb

Der Kirche bröckelt die Basis weg. 2014 verlor die katholische Herde in Deutschland 217 716 ihrer Schafe. Eine Stadt von der Größe Augsburgs, gemessen an der Einwohnerzahl, innerhalb eines Jahres von der katholischen Landkarte gelöscht. Immer noch bekennen sich knapp 24 Millionen Menschen zum katholischen Glauben – aber wo wird die Kirche in 30, 40, 50 Jahren stehen?

Selbst die Profis schauen skeptisch auf die Zukunft. Zwei von drei der evangelischen und katholischen Pfarrer, Verwalter und Mitarbeiter, die 2016 für eine Umfrage Auskunft gaben, halten die christlichen Volkskirchen für ein Auslaufmodell.

2014 erodierte die Kirchenschar besonders dramatisch. Viele Gläubige traten aus, weil ein automatisierter Steuer-Einzug eingerichtet wurde. 2013 war Tebartz-Jahr. Der Begriff „Protz-Bischof“ brachte es auf Platz zwei als Wort des Jahres und Katholiken rannten scharenweise aus der Kirche. 2010 begann die Welle von Berichten über sexuellen Missbrauch, und wieder wandten sich Katholiken ab. Für die Austritte gibt es verschiedene Anlässe, aber immer einen Grund: Menschen finden in den Gotteshäusern keine Heimat mehr; Kirche ist ihnen fern.

In St. Maximilian in München ereignet sich jeden Sonntag ein kleines Kirchenwunder. Das Haus ist voll und die Gläubigen repräsentieren die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Vorn steht ein Pfarrer, der Klartext redet, mit dem ganzen Saft und der ganzen Kraft, die das Bayerische hergibt.

Rainer M. Schießler sagt Dinge wie: Die Kirche muss vom Fußball lernen und das Evangelium mit so viel Begeisterung beschreiben wie der Sportreporter das Spiel. Oder: Das Zölibat muss man freiwillig leben, nicht aus Pflicht. Oder: Geschiedene, die wiederverheiratet sind, mussten eine Trennung verkraften; die brauchen keine Anleitung zur Buße, sondern ein offenes Ohr und ein offenes Herz.

Die Protestanten praktizieren bereits vieles, was Reform-Katholiken wünschen. Aber ihre Gemeinden schrumpfen noch schneller. Auch St. Maximilian schafft den Turnaround nicht. Es geht steil bergab. In 75 Jahren wird, rechnerisch, der Letzte gegangen sein. Eine Pfarrei kann die große Erosion nicht aufhalten und die gesellschaftlichen Trends nicht umkehren. Aber in St. Maximilian treten die Menschen wenigstens nicht nur aus, sondern auch ein: mehr Gläubige im Jahr als in jeder anderen katholischen Pfarrei bundesweit.

„Wenn es mehr solche Pfarrer gäbe...“: Diesen sehnsüchtigen Seufzer hört man bei vielen Kirchgängern. Aber: Es gibt ja mehr dieser Priester, die ein neues Marketing praktizieren, ohne zu fürchten, sie würden den Markenkern aufweichen. Es gibt mehr dieser Pfarrer, die sich versehrter Seelen annehmen, auch wenn das an der Unversehrtheit des Dogmas kratzt. Und es gibt sogar einen Papst, der von seinem Personal fordert, hinaus zu den Menschen zu gehen, statt in der „einen wahren Kirche“ den Heiligenschein zu polieren. Langsam verändert sich was.

„Wir müssen den Menschen nachlaufen“, sagt Schießler. Aber zur Wahrheit gehört auch: Die Konservativen laufen vor so einem Pfarrer davon. Er predigt „Wohlfühl-Kirche“, sagen sie. Man unterschreibt das sofort; nur kann man nicht recht sehen, was verkehrt sein soll an einer Kirche zum Wohlfühlen.

Die Anhänger der reinen Lehre wird einer wie Schießler nicht halten können. Aber die vielen anderen, die kann so einer gewinnen: Menschen, die im Glauben inneres Gleichgewicht suchen, weil die Balance in der Gesellschaft immer mehr kippt. Menschen, die mit Gott sprechen möchten, aber die Sprache seiner Botschafter nicht mehr verstehen.

Seelsorger wie Schießler stellen die richtigen Fragen. Ob sie langfristig die richtigen Antworten geben, ist noch nicht raus. Aber man kann bereits besichtigen, wie sehr das große Ja, das sie predigen, anzieht.

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