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Der Postbusfahrer und sein Museum

Günter Graßmann hat 200 Exponate rund um das einstige Staatsunternehmen gesammelt – und viele schöne Geschichten.
Von Heike Sigel, MZ

  • Mit diesem gelben Bus fährt Günter Graßmann noch täglich Schüler ins Goethe-Gymnasium. In seinem privaten Postmuseum zeigt er nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Posthörner, alte Telefone und Briefkästen. Foto: Sigel
  • Graßmann sammelt Telefone.
  • Auch Autos sind in seiner Sammlung.
  • Ebenso zusammengetragen hat er Postkutschen

Regensburg.Einmal Postler, immer Postler. Günter Graßmann sitzt lächelnd hinter dem Steuer seines gelben Busses, einem Mercedes Benz O 307. Der Oldtimer hat schon viele Tausend Kilometer im Dienste der Post auf dem Buckel. Genauso wie sein Fahrer. Als Graßmann Ende 1999 nach 40 Dienstjahren als Posthauptsekretär in den Ruhestand verabschiedet wurde, war für ihn noch lange nicht Dienstschluss. Er kaufte sich ein Grundstück am Regensburger Hafen, baute sich ein Wohnhaus samt 600-Quadratmeter-Halle und richtete dort das nach eigenen Angaben „größte private Postmuseum in Deutschland“ ein. Betreiber ist der von ihm gegründete Bundesverband Unabhängiger Postbusfahrer e.V.

Ein Postbus für 124 D-Mark

Den Postomnibus habe der Verein zum Alteisen-Kilopreis gekauft, erzählt Graßmann: „124 D-Mark hat er gekostet. Inzwischen haben wir bestimmt schon 200.000 Euro reingerichtet.“ Der Bus ist nicht nur Museumsstück. In der Weihnachtszeit kommt er in der Regensburger Innenstadt als „Packerlbus“ zum Einsatz. Aber noch viel wichtiger: Täglich fährt Gaßmann mit dem Oldtimer in der Früh die Linie 5 von Demling zum Regensburger Goethe-Gymnasium. Ab in Demling: 6.54 Uhr. An am „Goethe“: Pünktlich um 7.45 Uhr. Anschließend geht es zur Grundschule Hohes Kreuz. Ab 8.05 Uhr – als ehemaliger Postbusfahrer nimmt es Graßmann minutengenau – kutschiert er die Schulkinder im Auftrag des Schulamtes zu den umliegenden Turnhallen.

Am Wochenende bietet er Sonderfahrten an. Die Fußballerinnen der Spielvereinigung Ziegetsdorf zum Beispiel chauffiert er zu den Auswärtsspielen. Der 71-Jährige bezeichnet die Fahrten als seine „Aufgabe“, mit der er den Betrieb seines „Postkutscher-Museums“ am Hafen finanziert. Sein Lebenswerk erfüllt ihn mit Stolz. „Ich bin der letzte Postbusfahrer mit Original-Postbus in ganz Deutschland.“

Führungen an den Weihnachtstagen

Der Unruhestand erlaubt keine regulären Museums-Öffnungszeiten. Interessenten können telefonisch einen Termin vereinbaren. Dafür auch zu unorthodoxen Zeiten. „In den letzten Jahren war ich einer der Wenigen, der am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag Museumsführungen angeboten hat.“ Obwohl in der Stadt fast alles zu sei, versuchten die Hotels ihren Gästen trotzdem ein Programm zu bieten. Graßmann holt die Gäste an der Wurstkuchl mit dem Postbus ab und macht anschließend im Postmuseum eine Führung. Für ihn eine Selbstverständlichkeit: „Auch wenn wir mit unserem Museum am Ende der Welt sind, sollen sich die Leute am Weihnachtsfeiertag nicht langweilen und was sehen.“ Da habe er als gebürtiger Regensburger eine Verantwortung.

Eine Stunde dauert die Führung durch das Museum – mindestens. Graßmann kann einfach zu viele Post-Anekdoten erzählen. So kurzweilig wie seine Geschichten, so vielfältig sind auch die etwa 200 Exponate in der großen Ausstellungshalle. Ein Anspruch auf Vollständigkeit, strenge Chronologie oder eine komplette Darstellung der über 500-jährigen Posthistorie besteht nicht. Dafür erfahren die Gäste ungewöhnliche Einzelheiten.

Zwischen Briefkästen, gelben Postfahrrädern und alten Telefonen leuchtet das Prunkstück: ein etwa 100 Jahre alter Postomnibus, der noch von zwei Pferden gezogen wurde. . Er wurde vor allem von der Landbevölkerung für Fahrten in die Stadt genutzt. Auf dem Dach wurden deshalb oft Ferkel, Hühner oder Gemüse transportiert.

Zusammen mit dem zweiten Vorsitzenden des Bundesverbandes der Postbusfahrer, Reinhold Kamm, zeigt der Museumsleiter verschiedene Posthörner. Historische Uniformen, Säbel und Peitschen versetzen Besucher mitten hinein in den Postbetrieb von anno dazumal. In einem Holzschrank hängen alte Dienstuniformen. „Einige wurden mir von Postler-Witwen zugeschickt.“ In einer Telefonzelle, die früher am Polytechnikum stand, liegen alte Telefonbücher bereit – und Münzrollen. „Falls in 50 Jahren mal jemand damit telefonieren möchte. Die funktioniert nämlich nur mit D-Mark.“

Stempel statt Smartphone

Graßmann kennt zu fast jedem Stück eine Geschichte. Besonders gerne klärt er die Smartphone-Generation über die Anfänge der Post auf: „Schulklassen dürfen hier Briefe beschriften, den Briefkasten ausleeren, die Sendungen in einem der Busse dann abstempeln und schließlich in verschiedene Fächer mit Straßennamen einsortieren.“

Graßmann ist und bleibt Postler mit Herz und Seele. Seine Schilderungen lassen die Kälte der ungeheizten Halle vergessen. Geld ist knapp, das Museum erhält keinerlei öffentliche Zuschüsse. „Regensburg sollte sich glücklich schätzen, auf ein Postmuseum verweisen zu können. Schließlich leben die Nachfahren des Postgründers Franz von Taxis immer noch als Fürsten von Thurn und Taxis auf Schloss St. Emmeram“, sagt Graßmann zum Abschied. Der Pensionär hat inzwischen ein Buch mit Erinnerungen an seine Postbusfahrerzeit geschrieben. Der Titel: „Und er fährt noch immer…“

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