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Porträt

Der Schmerz seiner Erinnerungen

Lange schwieg Otto Schwerdt über seine Erlebnisse in den KZ. Erst im Alter wurde zum rastlosen Zeitzeugen.
Von Katharina Kellner, MZ

Otto Schwerdt, der 2007 verstorbene Vorsitzende der Regensburger jüdischen Gemeinde, zeigte 2004 im Studio des Fotografen Stefan Hanke die auf seinen Arm tätowierte Häftlingsnummer. Foto: Stefan Hanke

Regensburg.Mehr als fünfzig Jahre hat es gedauert, bis Otto Schwerdt seine Stimme erhob. 1998 erschien „Als Gott und die Welt schliefen“, das Erinnerungsbuch, das er mit seiner Tochter Mascha Schwerdt-Schneller schrieb. Seine Darstellung der Gräuel in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern ist ohne Pathos, doch trotz der langen Zeit so unmittelbar, dass im Kopf des Lesers schmerzhaft klare Bilder entstehen. Mit über 40 000 verkauften Exemplaren ist das Buch heute der Bestseller des ostbayerischen Lichtung-Verlags.

Auch bei Schwerdt selbst, dem langjährigen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde in Regensburg und Vorsitzenden des Landesausschusses der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, zeigte das Sich-Erinnern-Müssen Wirkung. Sobald es das Buch gab, begann er wie ein Getriebener durchs Land zu reisen und vor Tausenden von Schülern Zeugnis abzulegen von den Verbrechen der Nazis. Stets verknüpfte Schwerdt seine Erzählungen mit der Gegenwart. Er forderte die Schüler auf, heutigen Demokratiefeinden und Rassisten nicht das Feld zu überlassen.

Er imaginierte sich fort aus dem KZ

Drei Jahre vor seinem Tod 2007 wurde Otto Schwerdt zum Mutmacher für den Regensburger Fotografen Stefan Hanke: Er bestärkte ihn in seiner Idee, Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager zu porträtieren – und damit ihre Geschichten vor dem Vergessen zu bewahren. Hanke, dessen Porträts aktuell im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein zu sehen sind, sagt über Schwerdt: „Er hat sich sehr geduldig alles angehört, mir Tipps gegeben und mir sein Netzwerk angeboten. Und er hat meine Bedenken zerstreut, ich könnte schon zu spät dran sein. Er hat gesagt: ,Machen Sie sich keine Gedanken, es gibt noch viele von uns, ich begleite sie‘.“ Schwerdt ließ sich 2004 als erster Überlebender für Hankes Serie fotografieren. Auf dem Bild hält er seinen linken Unterarm vor der Brust gekreuzt, um dem Betrachter seine eintätowierte Häftlingsnummer zu zeigen, mit der die Nazis versuchten, ihn und seine Mitgefangenen zum namenlosen Nicht-Individuum zu machen.

Doch genau das ließ Otto Schwerdt nicht zu. Obwohl er erst zwanzig Jahre alt war, als die Nazis ihn 1943 ins KZ Auschwitz-Birkenau deportierten, entwickelte er instinktiv eine psychische Strategie, die ihm half, an einem solchen Ort den Lebenswillen nicht zu verlieren: Er konzentrierte sich auf seine Erinnerungen – sie waren das Einzige, was die Nazis ihm nicht nehmen konnten. Schwerdt schildert in seinem Buch eine Situation, in der er diese Strategie einsetzt: In Auschwitz-Birkenau wurde er gezwungen, mit anderen Gefangenen auf einem Gelände innerhalb des Lagers Löcher in die Erde zu graben, die nach vollendetem Ausheben wieder zugeschüttet wurden. Die Nazis schikanierten die Gefangenen mit dem sinnlosen Tun bei brütender Hitze, ohne Kopfbedeckung. Einige übergossen sich mit Wasser, um sich abzukühlen, doch „ihre Köpfe schwollen zu großen Ballons an.“ Die SS ergötzte sich an ihrer Qual. Der junge Otto Schwerdt imaginierte sich fort von diesem Ort von „Hunger, Enge, Gestank, Brutalität und ständig gegenwärtigem Tod“. Er schreibt: „Ich stehe vor dem ausgehobenen Loch. Erinnerungen an früher und die Realität in Auschwitz wechseln sich in meinem Kopf ab. Mein Geist versucht anderswo zu sein, und das ist gut so. Wären nicht nur mein Körper, sondern auch meine Gedanken und Gefühle ständig hier, so müsste ich sterben.“ Er denkt an Familie, Freunde, die Zeit mit seinen Großeltern im jüdischen Schtetl Peczenizyn. Er sagt sich die Namen seiner Onkel und Tanten vor und denkt an einen besonderen Glückstag im Winter 1938, an dem seine Familie 6250 Zloty im Lotto gewonnen hatte: ein kleines Vermögen. Dabei hatten sie beinahe die zehn Zloty für das Los nicht aufbringen können. Der 20-Jährige spürte: „Ich muss mir in meinem Kopf meine Welt bauen. Ich lasse niemand und nichts an mein Innerstes.“

Er nennt die Namen der Toten

Diese Strategie half Otto Schwerdt, die Lager zu überleben: Auschwitz-Birkenau, Fünfteichen, Groß-Rosen, Leitmeritz und Theresienstadt – wo er an Typhus erkrankte und zusammen mit seinem Vater Max nahezu bewusstlos seine Befreiung am 8. Mai 1945 erlebte. Die Erinnerung quälte ihn bis an sein Lebensende. In seinem Buch erzählt er, wie er mit Frau, Tochter und Schwiegersohn nach Auschwitz reist. In dem ehemaligen KZ ermordeten die Nazis seine Mutter Eti, seine Schwester Meta und seinen Bruder Sigi. Dort spürte Otto Schwerdt das verdrängte Grauen körperlich: „Nun stehe ich hier und fühle es. Als dränge mein schmerzendes Innerstes gegen mein Fleisch und meine Haut, als wolle ein Teil von mir aus meinem Körper herausbrechen.“ Lange Zeit habe er zwar von den Lagern erzählt, wenn er gefragt wurde, schreibt Schwerdt. Doch „über meine Gefühle, die ich damals empfand, über meine Gefühle, die ich empfinde, wenn ich mich daran erinnere, über meine Ungewissheit, wie mich das Erlebte verändert haben könnte – darüber sprach ich nicht. Erst im Alter fange ich an, es zu können.“

Stefan Hanke zitiert Otto Schwerdt in seinem Buch „KZ überlebt“: „Die Erinnerung ist eine Pflicht gegenüber den Toten.“ Folgerichtig nennt Schwerdt in „Als Gott und die Welt schliefen“ ständig die Namen Ermordeter, um sie dem Vergessen zu entreißen: Den des Jungen Midownik zum Beispiel. Der spähte auf dem Weg nach Auschwitz aus einer Luke des Güterwaggons – die Nazis erschossen ihn deshalb. „Midownik fiel nicht um, er hing leblos und blutverschmiert zwischen den anderen“, schreibt Schwerdt. Oder Herr Berliner, ein Bekannter seines Vaters: Er wurde bei einer Selektion nach rechts geschickt – Zwangsarbeit. Sein kleiner Sohn musste nach links, ins Gas: „Berliner geht sofort auch nach links.“

Das mag es gewesen sein, was Schwerdt an Hankes Projekt gefiel. Der Fotograf stellt die Individuen mit ihrem unverwechselbaren Schicksal und ihrem Blick auf das Leben ins Licht. Die von den Nazis zu Namenlosen gemachten Menschen erzählen hier ihre Geschichten, die kein Betrachter vergisst.

73 der Porträts, die Stefan Hanke von KZ-Überlebenden aufnahm, sind bis 30. April in der Ausstellung „KZ überlebt“ im Regensburger Kunst- und Gewerbeverein zu sehen. Eine Führung von Hanke gibt es am Samstag, 22. April, 11 Uhr.

Alle Teile der Serie „KZ überlebt“ finden Sie hier:

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