MyMz

Kriminalität

Der ungeklärte Mord an Pit Koller

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: In Abensberg wird ein 38-Jähriger kaltblütig mit einem Schwert umgebracht. Der Mordfall ist bis heute ungesühnt.
von Pascal Durain, MZ

  • Ein Polizist markierte den Weg, den Pit Koller mit seinem Mörder zurückgelegt hat.
  • An den Tod Pit Kollers erinnert heute dieses Kreuz in Abensberg.
  • Woher diese Schwertscheide stammt, konnte die Polizei nicht ermitteln.
  • Mit diesem Phantombild suchte die Kripo nach dem Täter.
  • In dem Grünstreifen zwischen Gleisen und Traubenstraße starb Koller.

Abensberg. In Abensberg wird dieser Mai-Tag vor 14 Jahren unvergessen bleiben. An dem Ort, an dem der Fitness-Club-Besitzer Peter („Pit“) Koller starb, steht heute ein Kreuz als Mahnung der Bluttat. Der Rasen drum herum ist sorgfältig gepflegt, in „Pit’s Gym“ ist, kaum 50 Meter vom Kreuz entfernt, die Volkshochschule eingezogen.

Es ist der 27. Mai 1999, als Pit Koller um 21.30 Uhr dieses Haus verlässt, seinen Helm aufsetzt und auf sein Motorrad steigen will. Dann trifft er seinen Mörder, mit dem er sich noch ein Wortgefecht liefert. Der Täter ist mit einem Samurai-Schwert bewaffnet. Koller versucht zu fliehen, doch er schafft es nach zwei Stichen nicht mehr weit, er sackt zusammen, dann bekommt er den Todesstoß. Zwischen der Bahnlinie und der Traubenstraße, Disteln und wucherndem Gras stirbt Pit Koller. Nachbarn hören, wie er um sein Leben schreit, während der Täter mit quietschenden Reifen in einem roten Kombi davonsaust. Ein solch blutiges Verbrechen hat die kleine niederbayerische Stadt zuvor nicht erlebt. Doch dieses Kapitel kann nicht abgeschlossen werden. Der Mord bleibt ungesühnt. Vorerst.

„Immer im Auge gehabt“

Dabei wollten Ermittler und Menschen, die Koller nahe standen, den Täter schon gekannt haben: Stefan S., ehemaliger Pächter von Kollers Studio, gerade Anfang 20, lag seit langem im Streit mit dem 38-Jährigen. Im Oktober 1998 hatten sich beide in dem Fitnessclub eine Schlägerei geliefert, dabei nahm S. 50 000 Mark von Koller gewaltsam an sich – dafür wurde er zu zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.

Ermittler, Staatsanwaltschaft und Freunde Kollers glaubten, dass S. es gewesen sein muss, dass er Rache nehmen wollte, weil er sich gedemütigt gefühlt habe. Das Phantombild, das die Polizei anfertigen ließ, sah außerdem aus, als sei es ihm aus dem Gesicht geschnitten.

Doch S. konnte ein lückenloses Alibi präsentieren: Er war in München und stand dort zur Tatzeit im Stau. Mehr als sechs Jahre vergingen, bis S. im November 2005 trotzdem verhaftet wurde. Seine Ex-Freundin sagte aus, dass er ihr gegenüber den Mord gestanden hätte. Die Ermittler wähnten endlich den Fahndungserfolg: „Wir haben immer ein Auge auf ihn gehabt“, sagte Oberstaatsanwalt Dr. Johann Plöd damals zur MZ. Da S. sich aber lange im Ausland aufhielt, also „nicht greifbar“ war, habe man nichts unternehmen können. Am Ende sollte es ein hanebüchener Prozess werden.

Fall noch nicht abgeschlossen

19 Monate saß Stefan S. in Untersuchungshaft, bis das Verfahren gegen ihn eröffnet wurde. Einer, der diesen Fall nie vergessen wird, ist der Regensburger Strafverteidiger Dr. Jan Bockemühl. Wenn er in dieser Sache ins Erzählen gerät, fällt ständig das Wort „Wahnsinn“. „Wahnsinns-Fall“. „Wahnsinns-Fehler“. „Der absolute Wahnsinn.“ Bockemühl hat damals S. gemeinsam mit den Rechtsanwälten Michael Haizmann und Stephanie Bauer verteidigt. Bockemühl erzählt, dass die Ermittler, deren Aufgabe es ist, auch nach Entlastendem zu suchen, den Fall völlig voreingenommen auf seinen Mandanten ausgerichtet hätten. Die Ermittler seien beseelt davon gewesen, dass man den Täter bereits geschnappt habe. Ein Aphorismus Friedrich Nietzsches passe daher besonders gut zu dieser Geschichte: „Überzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als die Lüge.“

Und dafür spricht einiges: So sei den Anwälten der Zugang zu Akten verhindert worden, die Kripo habe vieles unternommen, um S. Alibi zu „konterkarieren“. Den Zugang zu den Spurenakten habe man den Ermittlern verwehrt. Allein das sei zwar schon skandalös – „doch es kommt noch besser“. Bockemühl erinnert sich, wie er mit seiner Kollegin Bauer darüber sprach, wann eigentlich der Zeuge W. verstorben sei, der die Tat beobachtet habe. Sein Tod stand schließlich in den Ermittlungsakten. Doch komischerweise stand W. auch auf der Vorladungsliste von Zeugen, die im Prozess aussagen sollten. Also griff Bockemühl zum Telefonhörer – und ein Herr W. erklärte, dass er eben jener Zeuge im Mordfall sei und sein „Gesundheitszustand durchaus real“ sei. Bockemühl: „Da wurde ein Zeuge willkürlich ins Jenseits befördert!“

Selbst Hinweisen aus den eigenen Reihen ging man kaum nach: Ein Ingolstädter Polizist wies die Landshuter Kollegen auf einen Mann hin, der nicht nur dem Phantombild ähnlich sehe, sondern der auch einen roten Kombi fahre, Verwandte in Abensberg habe – und wegen eines Angriffs mit einem Schwert vorbestraft sei. Das Ergebnis: Der Zeuge wurde telefonisch befragt – und verneinte die Tat.

Die Hauptbelastungszeugin, die anderen Behörden schon Mordgeschichten ihrer Ex-Freunde zu Protokoll gab, verstrickte sich auch in Regensburg in Widersprüche – und wurde für unglaubwürdig befunden. Am Ende des Prozesses forderte auch die Staatsanwaltschaft Freispruch: Am 18. Mai 2007 war S. wieder ein freier Mann.

Der Mordfall Koller zeichnet ein Bild von Pannen und Sturköpfigkeit der Ermittler. Kein Wunder also, dass das Polizeipräsidium Niederbayern in Landshut darauf nicht gerne angesprochen wird. Fragen zum Fall werden per Mail an die Staatsanwaltschaft Regensburg verwiesen. Dort erklärt Oberstaatsanwalt Dr. Wolfhard Meindl, dass ihn diese Vorgehensweise der Polizei wundere – zumal Kripo und Staatsanwälte erst vor einem Dreivierteljahr über eben jenen Fall gesprochen hätten. „Kein ungeklärtes Tötungsdelikt wird zu den Akten gelegt.“ Der Fall befinde sich im Ermittlungsstadium, mehr wollte er nicht verraten. „Sie können sich sicher sein, dass jeder Spur nachgegangen wird.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht