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Schicksal

Dervisa R. – Leben abseits der Norm

Im Februar verhinderten Aktivisten die Abschiebung einer transsexuellen Roma. Sie ist noch hier – doch die Angst bleibt.
von Pascal Durain, MZ

Die Gemeinschaftsunterkunft in der Regensburger Grunewaldstraße: Hier verhinderten 40 Aktivisten Dervisas Abschiebung; hier lebt sie in ständiger Angst vor der Abschiebung.
Die Gemeinschaftsunterkunft in der Regensburger Grunewaldstraße: Hier verhinderten 40 Aktivisten Dervisas Abschiebung; hier lebt sie in ständiger Angst vor der Abschiebung. Foto: Basl

Regensburg.Dervisa R. lebt. Noch. Denn sie hat Angst. Immer. Erst vor Kurzem schluckte sie Pillen, trank Alkohol und Shampoo, ehe sie noch rechtzeitig gerettet wurde. Doch die Ungewissheit bleibt. Sie wollte lieber sterben, als zurück. Denn die Polizei kam schon, um sie zu holen. Im Februar sollte sie abgeschoben werden. Doch Dervisa R. hatte Hilfe. Rund 40 Aktivisten stellten sich vor die Tür, die Beamten gelangten nicht in die Unterkunft in der Grunewaldstraße, der Regensburger Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) setzte die Maßnahme aus. Und Dervisa R. kämpft seither um ihre Zukunft und gegen deutsche Behörden für ihren Asylantrag.

Dervisa R. stammt aus Bosnien-Herzegowina. Sie wurde vor 24 Jahren als Dervis geboren, so heißt sie heute noch offiziell, sie empfindet sich aber als Frau – sie ist Roma und transsexuell. Sie lebt seit Juni 2014 in Deutschland, und stellte wenige Wochen später ihren Asylantrag. Marion Puhle vom Regensburger Flüchtlingsforum kämpft für sie, weil sich die Geflohene ihr anvertraute – und Puhle keinen Grund hat, ihr nicht zu glauben: Dervisa floh aus einem muslimisch geprägten Land, in dem es Roma ohnehin schon schwer haben. Sie flog mit 17 Jahren zuhause raus. Mit so einem wie ihm, wollten die Eltern nichts zu tun haben. Der Jugendliche lebte fortan auf der Straße.

Wenn die Polizei nicht hilft

Und dort wurde es nicht leichter: Mehrfach sei Dervisa schon angegriffen und vergewaltigt worden. An Behörden und Polizei will sie sich nicht mehr wenden. Gewalttätige Männer in Uniform hätten sie schon oft genug gedemütigt. Die Nichtregierungsorganisation Sarajevo Open Center (SOC), die sich für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen einsetzt, schrieb auf Bitten Puhles und eines Münchner Rechtsanwalts über Dervisas Lage: „Die Situation als transsexuelle Roma kann eine Person fast unmöglich ertragen.“ Das SOC dokumentiert seit Jahren homophobe Übergriffe; die Zahlen stiegen zuletzt wieder. Laut SOC nutzen Hassgruppen Facebook dazu, um steckbriefartig gegen Personen zu hetzen. Lesben und Schwulen würden nicht nur angefeindet, sondern auch verfolgt und verprügelt. Die Polizei unternehme wenig bis gar nichts.

Dervisa hatte also genug Gründe zu flüchten, Behörden und Männern zu misstrauen. Daran hat sich auch in Regensburg nichts geändert. Den Behörden erzählte sie anfangs nicht, was ihr alles widerfahren ist, eine Anhörung verpasste sie, weil sie die Aufforderung nicht verstanden hatte. Hinzukommt, dass Bosnien-Herzegowina als sicherer Drittstaat anerkannt worden ist – und das heißt: Anträge von Asylsuchenden aus diesem Land werden schneller bearbeitet, damit schneller abgeschoben werden kann. Die Anerkennungsquote beträgt 0,3 Prozent. Dervisas Asylantrag gehörte zu den anderen 99,7 Prozent. Mit Unterstützung von Marion Puhle zog sie vor das Verwaltungsgericht – und scheiterte. Puhle reichte eine Petition beim Bayerischen Landtag ein. Darin beschrieb sie die Gewalttaten und benannte Täter. Wieder ohne Erfolg.

Leben im Ungewissen

Als ihr Fall Anfang 2015 öffentlich wurde, war die Empörung groß: Die Regensburger Schwulen- und Lesbeninitiative RESI holte sich Unterstützung von Manfred Bruhns, ehemaliger Bundesanwalt am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Er forderte die Behörden und Gerichte auf, sich an geltende Gesetze zu halten: „Besonders perfide finden wir in diesem Zusammenhang den Hinweis des Verwaltungsgerichts Regensburg, in der Begründung seiner Ablehnung, dass der Kläger seine Neigung ja nicht offen zeigen müsse. Eine Begründung die in krassem Widerspruch zum Urteil des EuGH steht.“ Denn dieser habe bereits im November 2013 entschieden: „Bei der Prüfung eines Antrags auf Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft können die zuständigen Behörden von dem Asylbewerber nicht erwarten, dass er seine sexuelle Identität in seinem Herkunftsland geheim hält oder Zurückhaltung beim Ausleben seiner sexuellen Ausrichtung übt, um die Gefahr einer Verfolgung zu vermeiden.“

Seither lebt Dervisa R. mit der Angst, dass die Polizei bald wieder eines Morgens klingelt. Marion Puhle sagt, die Ausländerbehörde schikaniere Dervisa. Ihr Aufenthaltsstatus werde immer nur um eine Woche verlängert. Puhle fasst es so zusammen: „Die Ausländerbehörde geht davon aus, dass der Asylfolgeantrag schnell abgelehnt wird. Wir hoffen darauf, dass er positiv beschieden wird.“ Statistisch ist nicht erfasst, in wie vielen Fällen Homosexualität als Asylgrund anerkannt wird. Das Bundesministerium erhebt dazu keine Zahlen.

Nach ihrem Suizidversuch wurde Dervisa R. aus dem Bezirksklinikum entlassen. Sie wollte dort nicht mit Männern in einem Raum untergebracht werden, auch eine Untersuchung durch männliches Klinikpersonal lehnte sie ab. Sie verließ die Klinik – immer noch suizidal. Und kehrte an den Ort zurück, wo sie sich schon einmal umbringen wollte: in ihr Zimmer in der Grunewaldstraße. Täglich muss sie sich im Bezirksklinikum bei ihrer Ärztin melden. Die Therapie kommt laut Puhle aber kaum voran. „Solange die Abschiebung im Raum steht, solange bleibt auch die Suizidalität, wegen ihrer Verunsicherung. Und so lange das so ist, so lange kann sie auch nicht therapiert werden.“

Unsere interaktive Grafik zeigt Herkunft und Fluchtweg der Regensburger Flüchtlinge:

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