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Dialektserie: A echt o-raidige Hirwa

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt. Heute geht’s um Wörter aus ganz unterschiedlichen Bereichen.
Von Ludwig Zehetner

Dieses Haus ist stark verwahrlost, echt „o-raidi“. Foto: Patrick Pleul/dpa
Dieses Haus ist stark verwahrlost, echt „o-raidi“. Foto: Patrick Pleul/dpa

In der Porlauben oben

Die Empore, der erhöhte Raum im rückwärtigen Teil einer Kirche, wo sich die Orgel befindet und wo der Chor singt, heißt mundartlich „die Por“ oder „Porlaube(n)“, ausgesprochen „Bor, Boa, Borlàm, Bolàm“. Bei Georg Lohmeier findet sich der Vers „Und droben auf der Orgelpor / Vom Meerstern singt der Kirchenchor.“ Gelegentlich hört man, die Männer hätten „unter da Brede a da Boalàm am de hächste Gaudi ghod“, seien also während der Predigt dort oben sehr lustig gewesen. „Por-Laube“ ist eigentlich ein Pleonasmus, da sowohl „(Em)pore“ als auch „Laube“ einen erhöhten Platz bezeichnet. Mundartlich ist auch mittelhochdeutsch „borkirche(n)“ erhalten geblieben. – Das Adverb „empor“ entstand durch Lautangleichung aus „in-bor“ (in die Höhe); es besteht aus der Präposition „in“ und dem sonst nicht mehr nachweisbaren Wort „bor(e)“ (Höhe). „Empörung“ (Aufstand) und „empören“ (entrüsten, sich rebellisch erheben) und dürften damit verwandt sein.

Zu einer Frage von Dr. Johann Westner

Pass auf, es is haal.

Bei winterlichen Verhältnissen muss man auf der Hut sein, dass man auf Glatteis und Schnee nicht ausrutscht und stürzt. „Pass auf, dou is’s haal“, sagt man in der Oberpfalz. In Nieder- und Oberbayern, wo „l“ vokalisiert wird, lautet das Wort „hai“. Die Variante „hail“ als Mischung aus beiden Formen hört man in Regensburg und Umgebung.

In seinem 1689 gedruckten „Glossarium Bavaricum“ verzeichnet der Regensburger Ratsherr, Dichter und Sprachforscher Johann Ludwig Prasch das Wort „häl“ und erklärt es mit dem lateinischen Begriff „lubricus“, das heißt glitschig, rutschig. Im mittelalterlichen Deutsch belegt ist „hæle“, was direkt zu schwäbisch „häl“ führt. In der deutschen Schriftsprache ist das Wort verloren gegangen, während es in anderen germanischen Sprachen fortlebt, so etwa mit schwedisch „hal“ und isländisch „hálur“ in derselben Bedeutung wie bairisch „hàl, hai“, nämlich: (eis-)glatt, schlüpfrig. Originell sind die Wortbildungen „hài- / hàl- / hail-maulert, -fotzert“ als scherzhafte Ausdrücke für: glattrasiert, aber auch im Sinne von: schmeichlerisch.

Die Serie

  • Der Dialektforscher:

    Leser fragen – der Dialektforscher antwortet: Regelmäßig beantwortet Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner Dialekt-Fragen der MZ-Leser. Die Serie erscheint am letzten Freitag im Monat.

  • Die Leser:

    Sie können Ihre Fragen als E-Mail an dialekt@mittelbayerische.de schicken oder Sie folgen uns auf Facebook unter www.mittelbayerische.de/facebook . Ihre Briefe richten Sie an Mittelbayerische Zeitung, Bayernredaktion, Stichwort: Dialekt, Kumpfmühler Straße 15, 93047 Regensburg.

ALöfferl vom Schloder

Der Einsender schreibt: „Früher, als es noch keine elektrische Kühlung gab, wurde die kuhwarme Milch abgeseiht und man hat davon entnommen, was man unmittelbar brauchte. Davon hat die Mutter im Sommer gerne mal ein Krügerl voll in die Speis gestellt. Nach ein oder zwei Tagen war die Milch ‚gestöckelt‘, und die Mutter hat im Vorbeigehen immer einmal einen Löffel davon zu sich genommen. Uns Kindern hat sie auch davon angeboten. Ich mochte das nicht wirklich gern. Doch diese Masse, bei deren Werden man zuschauen konnte, hat mich sehr interessiert. Es wurde als ‚Schloder‘ bezeichnet, zumindest in meiner Heimat.“ Dies ist die Seglau bei Freystadt. In seinem Bayerischen Wörterbuch (Band II, Spalte 538) definiert Johann Andreas Schmeller „der Schlotter (Schloda, Schluda)“ als: saure Milch mit ihrem Rahm. Ferner wird als Bedeutung angegeben: Schlamm, Schmutz. Naheliegend ist die Verwandtschaft mit „Gschleder, Gschlàder“ (minderwertiges Getränk) und „schluetten“ (in oder mit nassen, unreinlichen Dingen hantieren).

Zwei Fragen von Dr. Josef Thumann

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Der bullt se oafach o.

Über einen Menschen, der sich resistent erweist gegenüber Kritik und Tadel, sagt man: „Dem konnst nix o-hom, der bullt se oafach o und macht weida.“ Im Sinn von „sich abschütteln“ ist mundartlich der Ausdruck „(sich) abpudeln“ geläufig. Was hat das Wort mit dem Pudel zu tun? Dazu muss man wissen, dass der Name des Hundes eine Kürzung darstellt von „Pudelhund“: ein Hund, der zu „pudeln“ pflegt. Das aus dem Mittel- und Niederdeutschen stammende Verb „pudeln“ bedeutet: plätschern, planschen, sich im Wasser tummeln. Diese Hunderasse war gezüchtet worden, um sie bei der Wasserjagd einzusetzen. Kommt ein Pudel aus dem Wasser, ist er „pudelnass“, er „pudelt sich ab“, schüttelt das Wasser aus dem Fell. Insgesamt fühlt er sich „pudelwohl“. Wird ein Pudel geschoren, ist er „pudelnackt“, bairisch „pudelnackert“. Wegen der Ähnlichkeit mit dem Fell eines Pudels nennt man eine warme Fell- oder Wollmütze „Pudelmütze“, im Bairischen „Pudelhaube(n)“, gesprochen „Bullhaum“.

Neben der Hunderasse „der Pudel“ gibt es auch „die Budel“ als Bezeichnung für die Kegelbahn. Im Bairischen bedeutet das Verb „pudeln, budln“: rollen, wälzen, herumwerfen; schlecht behandeln, schikanieren. Mit „Pudel“ kann auch ein Fehlwurf beim Kegeln gemeint sein. Dass der lange Verkaufstisch in einem Ladengeschäft „Ladenbudel (Lonbull)“ genannt wird, dürfte als Übertragung von der Form einer Kegelbahn zu erklären sein.

Zu einer Frage von Irmgard Schaller

A recht a o-raidige Hirwa


Im bairischen Dialekt gibt es eine Reihe von Eigenschaftswörtern mit der Vorsilbe „o-“ (dunkler, offener o-Laut), so etwa „o-fàrbig, o-gschmooch, o-sinnig, o-fredig, o-schäbig, o-reidig“. Ob das Präfix „o-“ als „ab-“ gesehen werden kann, bleibt fraglich. Bei den ersten drei Beispielen dieser Gruppe scheint es zuzutreffen: „ab-färbig“ (fehlfarben, ausgebleicht), „ab-geschmach“ (widerlich, ekelhaft; vgl. hochsprachlich „abgeschmackt“), „ab-sünnig“ (von der Sonne nicht beschienen, im Schatten liegend).

In einigen Fällen aber scheint das vorangestellte „o-“ die Funktion einer Intensivierung der Bedeutung zu erfüllen. Denn mit mundartlich „o-schewi(g)“ kommt etwa dasselbe zum Ausdruck wie mit „schäbig“ (abgeschabt, heruntergekommen, minderwertig). Ähnliches gilt für „o-raidi(g)“, was – in erweitertem Sinn – neben hochsprachlich „räudig“ steht. Mit der Aussage „A recht a o-raidige Hirwa is’s, wo de hausn“ ist gemeint: Es ist eine sehr heruntergekommene, elende Hütte, in der sie wohnen.

Die Frage stellte Margarete Sommerer.

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