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Dialekt

Die Brüttsuppe ist ein Genuss

Zum Monatsende gibt es wieder Wissenswertes rund um den Dialekt – heute zum Konjunktiv und zu missverständlichen Wörtern.
Von Ludwig Zehetner

Kesselfleisch und eine kräftige Brüttsuppe: Das Verb „brütten“ ist verwandt mit brodeln. Foto: Hueber-Lutz
Kesselfleisch und eine kräftige Brüttsuppe: Das Verb „brütten“ ist verwandt mit brodeln. Foto: Hueber-Lutz

1. Warat des ned wunderschee?

Am Münchner Gärtnerplatztheater wird das Musical „My Fair Lady“ in einer bairischen Fassung gespielt, und da singt Nadine Zeintl in der Rolle der Eliza Doolittle: „Warat des ned wunderschee?“ In der SZ vom 16.02.2018 wird dies zitiert, und Herbert Troll setzt einen drauf, wenn er schreibt: „…, wenn man unterrichten dadat, äh, täte.“ Ältere, konservative Dialektsprecher halten Konjunktiv-II-Formen (Irrealis, Optativ) wie „wàrad, dàdad“ anstelle von „wàr, dàd“ für falsch. Tatsache ist, dass jüngere Leute in zunehmendem Maße die 2-silbigen Formen verwenden. Abwegig sind diese keineswegs, stehen sie doch parallel zu den entsprechenden Formen von anderen unregelmäßigen Verben, wie z. B. „i kàmad“ neben „i kàm“ (käme). Der Konjunktiv II kann doppelt ausgewiesen erscheinen: sowohl durch den Umlaut („kàm“) als auch durch die Endung „-ad“. Da auch der Präsens-Stammvokal möglich ist – „kemmad, werad“ – sowie die Umschreibung mit Hilfsverb, stehen fünf Alternativen zur Verfügung: „i kàm – kàmad – kemmad – dàd kemma – dàdad kemma“. Ebenso wie bei „kàmad“ liegt doppelte Markierung vor bei „wàrad, dàdad“.

Insgesamt ist ein Trend zur Verdeutlichung festzustellen (Formen-Hypertrophie). Man denke an die Mehrfach-Verneinung und Formen wie „nixn“, so etwa in dem Satz, mit dem sich ein Opa darüber beklagt, dass er zu wenig informiert werde über das, was in der Familie vor sich geht: „Mir sogt ja nia neamt koa Mensch nixn“ (viereinhalbfache Verneinung!). Eigentlich ist es unangebracht, Dialektformen als richtig oder falsch zu bewerten; denn einem lebendigen Sprachorganismus wie dem Bairischen müssen durchaus gewisse Freiheiten zugestanden werden.

Auf eine kritische Zuschrift von Hubert H. Wartner

2. De Ratzn muaß vogebn wern.

„Den Ratzen vergeben“ bedeutet keinesfalls, dass den Ratten verziehen werden solle, sondern dass sie zu vergiften seien. Im bairischen Dialekt hat das Verb „vergeben“ nämlich auch die Bedeutung: vergiften. Es ist bekannt, dass eine Gabe, ein Geschenk im Englischen als „gift“ bezeichnet wird, während man im Deutschen unter „Gift“ eine schädliche bis tödlich wirkende Substanz versteht. In „die Mitgift“ ist jedoch die alte Bedeutung noch erhalten: was der Braut mitgegeben wird. In Genus und Bedeutung hat sich „das Gift“ abgesetzt. Es ist sehr wohl nachvollziehbar, dass „vergeben“ und „vergiften“ sich dem Sinn nach überschneiden. „Möchst mi vergebn?“, fragt die Oma, als sie etwas Unbekanntes zu essen vorgesetzt bekommt. Die Kinder warnt man davor, die im Keller ausgelegten Köder zu berühren: „Ned oglanga, do dua i de Ratzn vogem.“ Als 1978 Papst Johannes Paul I. nach nur 33 Tagen auf dem Stuhl Petri plötzlich starb, hat man gemunkelt: „Vielleicht ham’s eam vogem“ – vielleicht starb er an Gift.

Zu einer Frage von Georg Schlaffer

3. Der führt se auf wia a Schoaß in da Reidern.

Über jemanden, der von innerer Unruhe getrieben ist, der nervös und zappelig handelt, sagt man: „Der/die führt sich auf wia a Schoaß in der Reidern“. Das heißt übersetzt: wie ein Darmwind in einem Rüttelsieb. Ein wahrhaft krasser, ja absurder Vergleich: sich verflüchtigendes Gasförmiges auf einem Gitterrost, Lochblech. Das Wort „(die) Reiter“ steht im Duden und wird definiert als Getreidesieb.

Frage von Petra Franziska Seitzer aus Bad Abbach

4. Kesselfleisch und Brüttsuppe

Beim Thema Schlachtschüssel und Kesselfleisch war auch die Rede von der „Briedsuppm“ (siehe MZ vom 12. Februar 2018, Region Kelheim), und jemand meinte, der erste Wortteil würde „Pritt“ geschrieben wie der Name des Klebestifts. Das ist natürlich ganz verfehlt. Aus dem Sud, in dem die Blut- und Leberwürste gebrüht wurden, bereitet man durch Zugabe von Gewürz und Nudeln eine kräftige Suppe zu, und die heißt „Brütt-Suppe“, ausgesprochen „Briedsuppm“. Das Wort ist hergeleitet vom inzwischen veralteten Verb „brütten“ mit der Bedeutung: sieden, kochen, brühen. Es ist verwandt mit „brodeln“ und mit englisch „broth“ (Brühe).

Die Frage stellte Gabi Hueber-Lutz.

5. Ein zahnerter Geltsgott

Was steckt dahinter, wenn ein Mensch als „Geltsgott“ abqualifiziert wird? Ausschlaggebend ist sicher die Dankesfloskel „Vergelt’s Gott“ oder kurz „Gelt’s Gott (Gäitsgood)“. Einen Geizhals nennt man einen „Geltsgott“ oder „Geltsgottsteften, Geltsgottsteffl“, weil er alles möglichst billig haben will, am liebsten umsonst und eben nur für ein Geltsgott. Auch ein unterwürfiger und allzeit dankergebener Kerl, ein Bettler kann so bezeichnet werden. Richtig ehrenrührig ist dann der Zusatz eines Eigenschaftsworts wie „zahnert“ (mit offenem Mund gaffend): „Verschwind, du zahnerter Geltsgott!“

Eine Anregung von Andrea Schwind

6. Heruntergerissen wie die Mutter

Nach der Rückkehr von einem Aufenthalt in Leipzig sprachen wir darüber am Telefon mit einer Bekannten, erwähnten auch die Stadtführerin, die „heruntergerissen wie deine Mutter“ gewesen sei. Es folgte betretenes Schweigen, dann: „Meine Mutter mag zwar ihre Macken haben, aber abgerissen daherkommen tut sie bestimmt nicht.“ Was für ein Missverständnis! Keinesfalls hatten wir unterstellt, ihre Mutter sei „abgerissen“, also schlampig und verwahrlost. Mit „heruntergerissen wie deine Mutter“ war gemeint: Die erwähnte Person ähnelte ihr verblüffend, war quasi ihr Ebenbild. Das nämlich bedeutet die Redewendung „heruntergerissen/runtergrissen/ owagrissn (wie jemand)“ – oder ausführlicher: „De schaugt deiner Muatta runtergrissn gleich.“

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