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Soziales

Die Ein-Dollar-Brille öffnet Augen

Einst zweifelte er an sich: Doch der Erlanger Martin Aufmuth kämpft mit seiner Ein-Dollar-Brille erfolgreich gegen Armut. Ein Porträt.
Von Nikolas Pelke, MZ

  • Martin Aufmuth (li.), der Erfinder der Ein-Dollar-Brille, kämpft mit seinem Projekt gegen Armut. Foto: Cueppers/EinDollarBrille
  • Die Ein-Dollar-Brille öffnet Groß und Klein die Augen – und sorgt so für Arbeit und Bildung. Foto: Cueppers/EinDollarBrille:
  • Ein Sehtest ohne Buchstaben: Dort, wo Aufmuths Brille gebraucht wird, gibt es viele Analphabeten. Foto: Cueppers/EinDollarBrille:
  • Brillenbau nach Schablone: Dieser Holzkasten ist eine Brillen-Manufaktur. Er enthält alles, was für die Ein-Dollar-Brille nötig ist. Foto: Cueppers/EinDollarBrille:
  • Wie bei einem Seemannsknoten entsteht mit relativ wenigen Handgriffen aus dem schnöden Draht ein stabiles Gestell. Die Punkte in der Mitte geben den Augenabstand vor. Der rote entspricht 63 Millimetern Foto: Cueppers/EinDollarBrille:
  • Auch in Ruanda wird die Ein-Dollar-Brille bereits getragen – und hergestellt. Foto: Cueppers/EinDollarBrille
  • Das Prinzip ist einfach wie genial: Die Brille, die Gläser gibt es von -6 bis +6 Dioptrien, ist nach wenigen Handgriffen fertig. Foto: Cueppers/EinDollarBrille

Erlangen.Martin Aufmuth hat sich ganz schön was vorgenommen. 150 Millionen Menschen auf der Welt will der 40-Jährige eine Brille verpassen. „Das ist meine Brillen-Fabrik“, sagt der verheiratete Familienvater und platziert eine kleine Holzkiste auf dem Küchentisch. Er stellt eine Tafel mit Sehzeichen auf das Klavier, das etwa vier Meter entfernt an der Wohnzimmerwand steht. „Lesen Sie mal die erste Reihe vor!“

Mit ein wenig Fantasie kann man das erste Symbol erkennen, das wie ein auf dem Rücken liegendes „E“ aussieht. Mit jeder Zeile wird es schwieriger. Irgendwann verschwimmen die Figuren zu schwarzen Farbklecksen. „Wir machen den Sehtest ohne Buchstaben, weil viele nicht lesen können. Sie müssten so minus drei Dioptrien haben“, sagt Martin Aufmuth fast so überzeugend wie ein Augenarzt. Dann zaubert er aus dem Holzkasten einen Draht hervor. „Den müssen wir jetzt auf die richtige Länge kürzen und daraus danach das Gestell formen“, sagt er und zeigt auf drei Farbpunkte, die sich in kleinen Abständen nebeneinander auf dem Deckel der „Fabrik“ befinden. „Bei Erwachsenen nehmen wir den roten Punkt in der Mitte. Der entspricht einem Augenabstand von 63 Millimetern.“ Für Kinder gibt es einen gelben Punkt daneben. Brillenbau nach Schablone. Die Gläser bestehen aus Polycarbonat und sind bereits fertig geschliffen. „Ein Freund hat eine Firma in China. Er macht uns die Gläser. Wir müssen erst nach der Lieferung bezahlen“, erzählt er und zeigt auf den Setzkasten mit den Linsen in den unterschiedlichen Stärken. „Wir haben Gläser von -6 bis +6 Dioptrien in Schritten von 0,5 Dioptrien.“ Mehr Zutaten braucht Aufmuth nicht für seine Brillen aus dem Baukasten. Keine teure Schleifmaschinen oder elektrischen Strom.

„Dann tu doch was!“

Wie bei einem Seemannsknoten entsteht mit relativ wenigen Handgriffen aus dem schnöden Draht ein stabiles Gestell. „Wir bilden die Leute vor Ort an der Biegemaschine zu Brillenproduzenten aus, so dass sie von der Herstellung und dem Verkauf der Brillen leben können. Mit dem kleinen Kasten können mehrere geübte Hände bis zu 50 000 Brillen im Jahr produzieren“, erzählt er.

Manchmal kann er es selbst nicht glauben, dass seine Ein-Dollar-Brille tatsächlich die Kraft hat, die Welt zu verändern.„Ich habe nach einer Idee gesucht, mit der man mit einer kleinen Sache etwas Großes bewirken kann.“ Dabei erinnert er sich an den Moment zurück, als er vor zwei Jahren erfahren habe, dass es keine erschwinglichen Brillen für Menschen unterhalb der Armutsgrenze gibt. „Das kann nicht sein“, dachte sich Aufmuth und erfuhr von Initiativen, die ausgemusterte Brillen wie Altkleider zu den Armen schicken. Für alte Brillen eine neue Nase zu finden, sei schwer. Für Millionen Menschen unmöglich. „Wenn 150 Millionen Menschen wegen ihrer Sehschwäche nicht lernen und nicht arbeiten können, dann resultiert daraus ein Einnahmeausfall von 120 Milliarden Dollar pro Jahr.“ Genauso viel werde weltweit für Entwicklungshilfe ausgegeben. „Das ist der spannende Punkt: Mit einem so einfachen Teil wie dieser Brille können wir die Entwicklungshilfe verdoppeln.“ Und zwar bei den Menschen, die sie am notwendigsten brauchen: arme, sehbehinderte Menschen in Entwicklungsländern. „Früher habe ich immer gejammert und gesagt: Man müsste was tun.“ Eines schönen Tages habe Jelena, seine Frau, zu ihm gesagt: „Dann tu doch was!“

„Social Business“ heißt das Zauberwort

Das war vor etwa acht Jahren. Aufmuth dachte lange nach, ehe auf die verrückte Idee kam, mit einer „Luftballon-Aktion“ eine Million Euro zu sammeln. „Am Ende ist zwar nur eine halbe Million zusammengekommen. Aber ich habe gemerkt, dass ich etwas bewegen kann. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich.“ Danach arbeitet er zunächst weiter als Lehrer und ruft ein Schulprojekt zur CO2-Reduzierung ins Leben. Auch das wird ein Erfolg. Er wird sogar zum Bundespräsidenten nach Berlin eingeladen.

Dann hat er den folgenschweren Geistesblitz mit der günstigen Brille, der sein Leben komplett auf den Kopf stellen sollte. Seinen Job als Lehrer hat er vor kurzem an den Nagel gehängt, um seine Brillen dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden. Keine leichte Aufgabe. „Manchmal fühle ich mich wie Sisyphus.“ Die Welt ist einfach verdammt groß und die Aufgabe gewaltig.

Manchmal kann er die Brille selbst nicht mehr sehen, weil ihn die Größe des ganzen Vorhabens fast erdrückt. Zum Glück fanden sich Mitstreiter, die von der Idee überzeugt sind. Wer bei Martin Aufmuth mitmachen will, tritt keinem Kegelclub bei. Rund 50 Menschen arbeiten derzeit freiwillig für die Ein-Dollar-Brille. Manager, Juristen und Ingenieure sind dabei, haben gut bezahlte Jobs oder den Ruhestand aufgegeben, damit die Welt besser sehen kann. „Social Business“ heißt das Zauberwort.

Der Anfang ist alles

Irgendwann hatte er die erste Brille fertig – und setzte sich ins Flugzeug. „Ich hatte keine Ahnung, wie die Menschen auf mich und meine Brille reagieren.“ Plötzlich steht er mitten in Uganda, mit seinem Kasten in der Hand und mit großen Zweifeln. Hunderte Menschen stehen tagelang Schlange in der Sonne, um eine Brille kaufen zu können. Menschen wie der 80-jährige Simon aus Malawi, der glücklich ist, dass er dank der Brille wieder auf seinem Feld arbeiten kann. „Ich sehe sogar die Blätter in den Bäumen!“, rief er, als er durch die erste Brille seines Lebens blickte. Nicht mehr sehen und arbeiten zu können, hätte für Simon den Tod bedeuten können.

Heute kümmert sich Martin Aufmuth wie der Manager eines weltweit tätigen Unternehmens um seine gemeinnützige Organisation. Wenn er nicht um die Welt reist und den Menschen zeigt, wie man Brillen baut, begeistert er neue Leute für sein Projekt, sammelt Spenden oder optimiert seine kleine Brillen-Fabrik.

Stabil, günstig und schön sollte seine Brille sein. „Ich war so glücklich, als ich auf die Idee mit den Perlen kam“, erzählt er und zeigt auf die kleinen Kugeln, die in allen Regenbogenfarben in einem Kästchen schillern. Die Ein-Dollar-Brille hat auch seine Sicht auf die Welt verändert. Probleme, die unüberwindbar scheinen, können gelöst werden. „Man muss nur anfangen, etwas zu tun“.

Aufmuth sucht Helfer

  • Mission

    Martin Aufmuth veranstaltet regelmäßig Workshops, in denen Interessierte lernen können, wie man die Ein-Dollar-Brille selbst herstellen kann. „Wir sind immer auf der Suche nach engagierten Helfern“, sagt Martin Aufmuth. Aber auch Spenden benötigt er und seine Mitstreiter dringend für ihre gemeinsame Mission: Brillen für 150 Millionen Menschen.

  • Website

    Weitere Informationen im unter www.EinDollarBrille.de/

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