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Medizin

Die Forschung neu denken

Antibiotikaresistenzen zeigen: Es muss einen Wandel in der medizinischen Forschung und Entwicklung geben.
Marco Alves koordiniert die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

Marco Alves koordiniert die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.
Marco Alves koordiniert die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen Deutschland.

Seit einiger Zeit engagiert sich die Bundesregierung verstärkt für die Forschung zu neuen Antibiotika. Erst kürzlich hat sie bekannt gegeben, dass sie die Global Antibiotic Research and Development Partnership (GARDP) mit rund 50 Millionen Euro fördern wird. GARDP will Antibiotika zur Anwendung bei Kindern sowie neue Präparate gegen sexuell übertragbare Krankheiten entwickeln. Das Thema Antibiotikaresistenzen hatte die Bundesregierung auch auf die Agenda ihrer G20-Präsidentschaft gesetzt. Dies zeigt, dass sie den dringenden Handlungsbedarf erkannt hat.

Die Weltgesundheitsorganisation warnt vor der Ausbreitung von Antimikrobiellen Resistenzen, zu denen die Antibiotikaresistenzen gehören. Krankheitserreger wie Bakterien oder Viren werden gegen verfügbare Medikamente zunehmend resistent. Sie wirken dann nicht mehr. Bisher behandelbare Krankheiten wie Harnwegsinfektionen, Lungenentzündungen oder einfache Wunden können dann lebensgefährlich werden. Dies ist ein weltweites Problem, das sowohl reiche Länder wie Deutschland als auch ärmere Länder betrifft. Auch die Teams von Ärzte ohne Grenzen sind in den Einsatzländern immer wieder mit Antibiotikaresistenzen konfrontiert: Resistente Keime erschweren die Behandlung von Kriegsverletzten in Jordanien ebenso wie die Versorgung von Brandwunden im Irak. Sogar Neugeborene können die Teams aufgrund von Resistenzen manchmal nur noch schwer gegen Krankheiten behandeln.

Eigentlich ist es ein normaler und natürlicher Prozess, dass sich Resistenzen bilden. Durch unsachgemäßen und übermäßigem Gebrauch von Antibiotika wurde dieser Prozess in den vergangenen Jahrzehnten jedoch drastisch beschleunigt. Neue wirksame Präparate wurden indes auch nicht entwickelt. Dies hat dazu geführt, dass Mediziner multiresistenten Keimen heute oft mit leeren Händen gegenüberstehen. Seit 30 Jahren wurde keine neue antibiotische Wirkstoffklasse mehr entwickelt. Der Grund hierfür ist so banal wie erschreckend: Pharmaunternehmen investieren in Medikamente gegen Krankheiten, die hohe Profite versprechen. Antibiotika gehören nicht dazu, denn sie sollten selten und stets zeitlich begrenzt eingenommen werden – eben, um Resistenzbildungen vorzubeugen. Damit ist klar: Es muss einen Wandel in der Funktionsweise der medizinischen Forschung und Entwicklung geben.

GARDP ist ein wichtiges Beispiel für eine neue Art der Forschung, wie sie zum Beispiel auch die Vereinten Nationen empfehlen. Medizinische Forschung muss sich künftig daran orientieren, was Menschen weltweit dringend benötigen. Die bisherige Ausrichtung auf Profite der Pharmaforschung hat dazu geführt, dass viel zu wenig in die Entwicklung von Therapien gegen Krankheiten wie Tuberkulose, Schlafkrankheit, Ebola oder Zika investiert wurde und es darum viel zu wenig wirksame Impfstoffe, Diagnostika oder Medikamente gegen diese Krankheiten gibt. Gibt es sie doch, sind sie häufig viel zu teuer.

Auch die neue Bundesregierung sollte dafür sorgen, dass die bislang fehlende Forschung zu dringend benötigten Medizinprodukten deutlich gestärkt wird. Dabei muss sichergestellt sein, dass öffentliche Investitionen in die Forschung letztlich zu Arzneimitteln führen, die für alle, die sie benötigen, bezahlbar und zugänglich sind – weltweit. Alles andere kostet Menschenleben.

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