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Gesundheit

Die Frühlingsvermieser sind zurück

Die Pollensaison hat ihren ersten Höhepunkt erreicht. Auch in der Oberpfalz sind viele von starken Symptomen geplagt.
Von Isolde Stöcker-Gietl

Aktuell fliegen die Birkenpollen besonders stark – was bei besonders vielen Menschen allergische Reaktionen hervorruft. Foto: dpa

Regensburg.Alles rot. Signalrot. Der Pollenflugkalender des Deutschen Wetterdienstes vermiest den Allergikern das herrliche Biergartenwetter. Die Augen tränen, die Nase läuft, selbst die Schleimhäute der Atemwege schwellen an. Die Natur ist nach einem langen Winter explosionsartig erwacht und explosionsartig haben sich die allergiegeplagten Patienten in den Wartezimmern ausgebreitet. „Dieses Jahr ist es tatsächlich heftig“, sagt Dr. Andreas Michelson, Hals-Nasen-Ohren-Arzt und Allergologe in Regensburg. „Besonders ist, dass wir häufiger Patienten sehen, die unter akuter Atemnot leiden, was für eine besonders hohe Pollenkonzentration in der Luft spricht.“

Christian aus Regensburg gehört zu den Geplagten. Er hält sich an die Tipps seines Hausarztes, duscht sich vor dem Schlafengehen und wechselt häufig Kleidung und Bettwäsche. Dennoch leidet er unter dem Pollenflug in diesem Jahr ganz besonders heftig und selbst Medikamente wirken nur begrenzt. Fünf, manchmal zehnmal hintereinander muss Christian niesen, die Nase läuft ununterbrochen, die Augen sind verquollen, er fühlt sich unausgeschlafen und schleppt sich förmlich ins Büro und das bereits seit Tagen. „So schlimm war es noch nie“, sagt der 27-Jährige, der in seiner Teenagerzeit erste Symptome entwickelt hat.

Birkenblüte verschärft die Lage

Rund 15 Prozent der Bevölkerung sind nach Erhebungen des Robert-Koch-Instituts Pollenallergiker. In den vergangenen Jahren ist ihre Zahl deutlich angestiegen. Die Symptome werden immer ausgeprägter, hat auch Dr. Michelson in seiner Praxis festgestellt. „Wir haben mehr Patienten, die in der Vergangenheit nur leichtere Symptome zeigten, aber in diesem Jahr ebenfalls stark betroffen sind.“

Dr. Andreas Michelson Foto: Gemeinschaftspraxis Gessendorfer/Michelson

Seit Anfang dieser Woche hat sich die Lage insbesondere durch den Beginn der Birkenblüte deutlich verschärft. Deren Pollen haben ein ganz besonders hohes allergenes Potenzial, viele Menschen reagieren auf sie. Dass die Pollenflugkarte des Deutschen Wetterdienstes alle Teile von Deutschland aktuell unter dem höchsten Gefahrenindex einstuft, liegt auch daran, dass Birkenpollen bis zu 300 Kilometer weit fliegen können. Selbst dort, wo kaum Birken wachsen, kommt es zu hohen Konzentrationen von Blütenstaub in der Luft. Zudem gehen Experten davon aus, dass Stickoxide, wie sie an verkehrsreichen Straßen in besonderem Maße auftreten, die Allergene der Pollen noch verstärken.

Der Polleninformationsdienst der in Kooperation mit dem Deutschen Wetterdienst tägliche Vorhersagen trifft, spricht aktuell von „einer der problematischsten Zeiten des Jahres für Pollenallergiker“. Die Birken blühen besonders reich, weshalb man von einem Mastjahr spricht. Hinzu kommt, dass durch den verspätet einsetzenden Frühling frühblühende Baumarten nun zeitgleich mit den Birken ihre Pollen verbreiten. Eiche, Hainbuche, Platane, Rosskastanie und Rotbuche sprießen. Im Süden Deutschlands gibt es auch eine hohe Konzentration von Eschenpollen in der Luft. Birkenpollen-Allergiker leiden deshalb zusätzlich an sogenannten Kreuzreaktionen auf verwandte Bäume wie Eiche, Erle Hasel, Hainbuche und Platane. Nicht selten führt die Allergie zu weiteren Reaktionen. So zeigen Baumpollenallergiker auch Überreaktionen auf rohes Stein- und Kernobst wie Äpfel, Birne, Kirsche und Pflaume, aber auch auf Haselnüsse und Gewürze wie Paprika und Anis.

Die Auslöser dafür, warum fast jeder dritte Bundesbürger an einer Allergie und mehr als jeder siebte an einer speziellen Pollenallergie leidet, sind bislang noch nicht bekannt. Hervorgerufen wird die Allergie durch eine Reaktion des Immunsystems. Es dient eigentlich der Abwehr von Viren und Bakterien. Bei Allergikern wird durch die Stoffe in der Luft eine Entzündung hervorgerufen, mit der das Immunsystem die Pollen bekämpfen will. Betroffene haben Symptome, die zunächst einer Erkältung ähneln, sich aber mit zunehmender Pollenbelastung immer weiter verschärfen. Neben den Schleimhäuten kann auch die Haut reagieren.

Der Leiter der Allergieabrteilung, Privatdozent Dr. Stephan Schreml vom Uniklinikum Regensburg Foto: Uniklinikum

In der Familie von Christian gibt es weitere Betroffene. Seine Schwester ist ebenfalls vom Heuschnupfen geplagt und hat eine Reihe von Kreuzallergien entwickelt. Privatdozent Dr. Stephan Schreml, Leiter der Allergieabteilung und Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie am Uniklinikum Regensburg, spricht von einer Wahrscheinlichkeit von 20 bis 40 Prozent, dass Kinder von Betroffenen ebenfalls an Allergien erkranken. Wenn beide Elternteile betroffen sind, liegt der Anteil sogar bei bis zu 60 Prozent. „Spezifische Allergien werden nicht vererbt, die generelle Disposition, eine allergische Erkrankung zu entwickeln, aber sehr wohl.“

Erforscht ist auch, dass in Großstädten allergische Erkrankungen häufiger sind als in Kleinstädten. „Die Theorien sind vielfältig und wissenschaftlich noch nicht hinreichend erklärt. Auch der soziale Status scheint eine Rolle zu spielen, da Allergien bei Menschen mit hohem sozialen Status häufiger anzutreffen sind“, sagt Schreml. Er rät Eltern, Kinder nicht in einer nahezu keimfreien Umgebung aufwachsen zu lassen, da das Immunsystem offenbar zur Ausreifung in den ersten Lebensjahren den Reiz durch mikrobielle Erreger brauche. „Fehlen diese Reize, so kann der Körper Sensibilisierungen gegenüber eigentlich harmlosen Umweltfaktoren entwickeln.“

So reagiert der Körper

  • Kontakt:

    Die Blütenpollen in der Luft werden vom Körper über die Schleimhäute, die Atemluft oder direkt über die Haut aufgenommen.

  • Immunabwehr:

    Die Zellen des Immunsystems erkennen diese Blütenpollen als Feind. Sie bilden deshalb Antikörper gegen die eigentlich unschädlichen Pollen.

  • Mastzellen:

    Diese Antikörper setzen sich dann auf sogenannte Mastzellen, die den Neurotransmitter Histamin enthalten. Solche Mastzellen befinden sich im gesamten menschlichen Körper.

  • Entzündung:

    Bei erneutem Pollenkontakt setzten sich die allergenen Stoffe auf die Antikörper an den Mastzellen. Die Mastzellen schütten dann Histamin aus, das Entzündungen im Körper hervorruft.

  • Mögliche Folgen:

    Die häufigsten Folgen sind Heuschnupfen oder Fließschnupfen, Augentränen, Augenjucken oder Augenschwellung und Niesreiz. Eine Pollenallergie kann aber auch zu Reizhusten, Fieber, Atemnot, asthmatischen Anfällen, starken Kopfschmerzen, Schlafstörungen und allgemeiner Angeschlagenheit führen.

Für das Gesundheitssystem fallen durch die Pollengeplagten auch erhebliche Kosten an. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit hat für Bayern im Jahr 2013 einen Wert von 609 Millionen Euro ermittelt. 323 Millionen Euro seien auf Behandlungskosten entfallen, weitere 286 Millionen Euro auf indirekte Kosten wie Arbeitsausfälle von Pollenallergikern. Mit acht elektronischen Meßstationen will man deshalb bis 2019 ein besseres Informationssystem errichten. Bislang gibt es in Bayern nur zwei sogenannte Pollenfallen. Das System zielt künftig darauf ab, Daten über die Pollenkonzentration in der Luft früher zur Verfügung zu stellen, damit sich Betroffene rechtzeitig mit Medikamenten gegen den Anflug wappnen können. Gemessen wird künftig in Altötting, Feucht, Garmisch-Partenkirchen, Hof, Marktheidenfeld, Mindelheim, München und Viechtach.

Achtsamkeit und Medikamente

Die Hoffnung auf eine rasche Heilung gibt es für die Betroffenen bislang nicht. Behandelt wird medikamentös mit Antihistaminika, Kortikosteroid-Nasensprays, sogenannte Mastzellstabilisatoren oder bei sehr ausgeprägten Einzelfällen auch mit Antikörpern. Ganz neu seien Therapieansätze mit einem auch für die Neurodermitis zugelassenen Medikament, Dupilumab, das gegen bestimmte Botenstoffe im Körper wirkt, erläutert Schreml. Wirksam sei langfristig auch eine sogenannte Hyposensibilisierung, also die Gewöhnung des Körpers an ein Allergen mit steigenden Dosen. Früher wurde diese meist nur vor der Pollensaison durchgeführt, kann aber heute auch während der Saison begonnen werden, sagt der Medizinier am Uniklinikum. Michelson rät zudem zur Achtsamkeit. „Nicht mehr ins Freie gehen, ist keine Lösung. Aber Radfahren im Birkenwald würde ich derzeit nicht empfehlen.“ Kurzzeitige Besserung würde auch ein reinigendes Gewitter bringen. Laut DWD ist aber bis übers Wochenende kein Regen in Sicht.

Was hilft gegen Heuschnupfen? Tipps finden Sie in unserem Video:

Welche Hausmittel helfen gegen Heuschnupfen?

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