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Glaubensserie

Die Glaubensformel des Olaf Müller

Der überzeugte Katholik forscht an der Uni Regensburg über mathematische Physik. Für die MZ ging er auf Spurensuche nach Gott in der Welt der Zahlen.
von Pascal Durain, MZ

  • Katholik, Mathematiker, Dozent: Olaf Müller Fotos: Schönberger/Archiv
  • Werner Heisenberg: „Ein Schluck aus dem Becher der Wissenschaft macht einen leicht zum Atheisten, aber am Grund des Bechers wartet Gott.“

Regensburg.Nach 90 Minuten blickt Olaf Müller fast ein wenig ehrfürchtig auf sein Werk an der Tafel. Müller sitzt auf dem vordersten Tisch in einem leeren Hörsaal der Uni Regensburg, die Arme verschränkt, die Hemdsärmel nach oben gerollt. An seinen Fingern klebt noch das Weiß der Kreide. In seinem Kopf geht er alles noch mal durch, ob er das so stehen lassen kann. Auf der Tafel ist eine Reise durch die Jahrhunderte abgebildet, eine Spurensuche nach Gott in der Mathematik, ein Ritt quer durch die Arbeiten und Gedanken von Augustin-Louis Cauchy, Nikolaus von Kues oder Gottfried Wilhelm Leibniz, Albert Einstein liegt hinter ihm. Und genau darum hatte ihn die MZ gebeten: Den Versuch zu wagen, Gott mit den Mitteln der Mathematik zu fassen.

Jesus Christus = 1/X

Olaf Müller ist seit vier Jahren Akademischer Rat an der Uni Regensburg; der 39-Jährige beschäftigt sich mit mathematischer Physik. Als Interessensgebiet gibt er unter anderem „Geometrie global-hyperbolischer Mannigfaltigkeiten“ an.

Für Müller stehen Mathematik und Glaube im Einklang. Zwar hält er Versuche, Gott in eine Formel zu pressen, für verfehlt: Ein mathematischer Gottesbeweis könne nicht zu einem lebendigen Glauben führen, höchstens zur Einsicht beitragen. In der Betrachtung der Schöpfung könne man jedoch auch etwas über den Schöpfer selbst erfahren. Müller nennt ein Beispiel: „Der wunderbare nicht zentrale Aufbau des Gehirns, die Weise, in der Leib und Seele vernetzt sind, das kann einen mit tiefer Ehrfurcht erfüllen.“

Aber jetzt geht es erst mal an die Tafel: Müller war einst Stipendiat des Cusanuswerks, einer katholische Eliteförderung benannt nach dem Universalgelehrten Nikolaus von Kues alias Nicolaus Cusanus. Und mit diesem Universalgelehrten beginnt die mathematische Spurensuche im 15. Jahrhundert, als Cusanus mathematische mit metaphysischen Einsichten verknüpfte. Kues war Mathematiker, Philosoph und Theologe zugleich, der sich mit der Unendlichkeit der Welt auseinandersetzte und dies mit spekulativer Geometrie begründete.

Laut Müller war für Cusanus der Kreis ein Symbol für unsere begrenzte Menschlichkeit, die Gerade ein Sinnbild Gottes. An die Tafel schreibt Müller: „Die Gerade als Grenzfall des unendlich großen Kreises“. Der Übergang von X zu 1/X, vom beliebig Großen in das beliebig Kleine, „war für Cusanus eine Metapher der Inkarnation, also der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus“, sagt Müller. Das Unendlich Große macht sich für uns unendlich klein. Diese mathematisch-theologische Überlegung sei quasi der Urknall oder zumindest einer der Anfänge der modernen Analysis gewesen.

Müller malt einen langen Pfeil neben Cusanus – und macht einen Sprung über Jahrhunderte: Über Gottfried Wilhelm Leibniz, Isaac Newton oder Blaise Pascal – „Alles theologische Denker und bis auf wenige Ausnahmen tiefgläubige Christen“ – sagt der Dozent, hin zu Augustin-Louis Cauchy. Der Franzose hat 1840 die nach ihm benannten Cauchy-Folgen entwickelt, um metrische Räume zu beschreiben. Ohne den Begriff „beliebig klein“ wäre das nicht möglich gewesen.

In der Gegenwart des Regensburger Mathematik-Instituts spielen diese Erkenntnisse wiederum eine wichtige Rolle. „Wir beschäftigen uns hier ja mit Kosmologie.“ Also mit dem Begriff der Unendlichkeit schlechthin. „Wir betrachten das ganze Universum, alles, was es gibt, alle Ereignisse auf einmal.“ Die Betrachtung der Gerade als Grenzfall des Kreises, das Abbilden des unendlich Großen in das unendlich Kleine finde sich wieder in den sogenannten „Kompaktifizierungen von Raumzeiten“. „Mit diesem Werkzeug gelangen immer wieder mathematische Durchbrüche.“ Auch vor kurzer Zeit in Regensburg, sagt Müller, „in der Existenztheorie von grundlegenden Gleichungen der Elektrodynamik.“ Seit Einstein wisse man, dass man Raum und Zeit mischen kann. Das müsse man sich wie ein Buch vorstellen. Eine Seite entspreche dem Universum zu einer bestimmten Zeit. Die Einteilung dieses Buchs könne auf unterschiedliche Arten erfolgen. „Eines der Themen, die mich beschäftigen, ist, wie man diese Einteilung auf eine möglichst geschickte Art macht, die uns den größtmöglichen Einblick erlaubt, während wir in den Seiten blättern.“

Seit Jahrhunderten zerbrechen sich Menschen über einen mathematischen Beweis für die Existenz Gottes den Kopf. Erst im September 2013 meldete ein Forschungsteam aus Berlin und Wien, einen Gottesbeweis bestätigen zu können. Der Computer habe das logische Theorem des amerikanisch-österreichischen Mathematikers Kurt Gödel für korrekt befunden. Gödel schrieb sein kompliziertes Konstrukt bereits 1941 in sein Notizbuch, hielt es aber 30 Jahre zurück. Und heute wissen wir: Die Existenz eines Wesens, das alle positiven Eigenschaften in sich vereint, kann man logisch begründen. Die Argumentationskette Gödels stimmt.

Quod erat demonstrandum

Müller glaubt nicht, dass Gödel einem Gottesbeweis näherkam. Gödel sei nicht vorurteilsfrei an die Sache herangegangen. Er stehe all Beweisversuchen ohnehin kritisch gegenüber. „Dass Gott nicht so einfach zu fassen ist, hat den Grund, dass er sich nach der Schöpfung des Menschen zurückgezogen hat und die Welt dem Menschen als Arena überlassen hat.“ Müller zitiert den Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg: „Ein Schluck aus dem Becher der Wissenschaft macht einen leicht zum Atheisten, aber am Grund des Bechers wartet Gott.“

Dem kann Müller nur zustimmen: Durch abstrakte Argumente werde niemand zum Glauben bekehrt, da müsse schon jeder seine eigenen Erfahrungen sammeln. „Das Ausprobieren nimmt einem keiner ab.“ Gott wolle von einem glaubenden Blick gefunden werden – und nicht unbedingt bewiesen werden können. „Daher ist doch ganz logisch, dass solche Gottesbeweise nicht ganz zielführend sind.“

Quod erat demonstrandum.

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