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Gesellschaft

Die gute Seele der Domspatzen-Nähstube

Ist die Hose zu eng oder ein Fleck auf dem Hemd, hilft Schwester Gertrude. Sie hütet die Konzertkleidung der Domspatzen.
Von Dagmar Unrecht

Schwester Gertrude kümmert sich darum, dass die Domspatzen bei ihren Auftritten tadellos gekleidet sind. Foto: Lex
Schwester Gertrude kümmert sich darum, dass die Domspatzen bei ihren Auftritten tadellos gekleidet sind. Foto: Lex

Regensburg.Louis, Größe 152. „Sopran“, sagt Schwester Gertrude. Weiter geht es mit dem nächsten Kleiderbügel. Leon, Größe 164, steht darauf. „Alt“, ergänzt die Ordensfrau. Sie kennt zu jedem der dunkelblauen Anzüge, die auf beschrifteten Kleiderbügeln hängen, das dazugehörige Gesicht – und die Stimmlage. Dass die Regensburger Domspatzen bei ihren Auftritten nicht nur musikalisch überzeugen, sondern auch optisch einen tadellosen Eindruck hinterlassen, ist Schwester Gertrudes Werk. Im Schulgebäude in der Reichsstraße hütet sie die Konzertkleidung der jungen Sänger: 330 Anzüge, 80 Pullunder für kalte Tage und 130 Jacken. Für Notfälle hält sie 50 weiße Hemden, drei Dutzend Paar Schuhe und dunkle Socken parat.

Falls ein Domspatz mal Schuhe braucht, kann Schwester Gertrude aushelfen. Foto: Lex
Falls ein Domspatz mal Schuhe braucht, kann Schwester Gertrude aushelfen. Foto: Lex

Dabei sind Hemden, Schuhe und Socken eigentlich Privatsache der Schüler. Aber auch Domspatzen sind vergesslich. „Wenn alle Stricken reißen, kann ich helfen“, sagt Schwester Gertrude schmunzelnd. Auch um die rund 370 liturgischen Gewänder der jungen Sänger, die im Dom aufbewahrt werden, kümmert sie sich.

Ausflüchte gelten nicht

Kürzen, verlängern, weiten, enger machen – das ist Schwester Gertrudes Welt. Auch die Konzertkleider in die Wäscherei zu bringen, gehört zu ihren Aufgaben. Nur die Anzughosen wäscht sie selbst. „Ich möchte, dass die Burschen ordentlich daherkommen“, sagt die Ordensfrau. „Das sieht man eh nicht, ich steh‘ hinten.“ – solche Ausflüchte lässt sie nicht gelten. Mit ihren 1,57 Metern Körpergröße und den roten Bäckchen wirkt die Ordensfrau energisch und herzlich zugleich. Über ihre Schützlinge muss sie beim Erzählen von Anekdoten immer wieder lachen. Zum Beispiel darüber, dass ein neuer Domspatz bei der Anprobe mit dick aufgebauschten Anzughosen vor ihr stand, weil er seine Jeans darunter angelassen hatte. Oder auch darüber, dass die Taschen der Domspatzen-Anzüge nach den Konzerten die reinsten Fundgruben sind: Geld, Schlüssel, Handy, Zahnspangen – „hab ich alles schon gefunden“. Einmal sei auch ein Zettel mit einer Telefonnummer dabei gewesen. „Von deiner Freundin?“, habe sie den dazugehörigen Buben gefragt. „Woher wissen Sie das?“, lautete die verwunderte Antwort.

„Es ist schön, wenn man gebraucht wird“, findet die Ordensfrau. Vor kurzem hat sie ihren 70. Geburtstag gefeiert. Die Domspatzen haben ihr zu diesem Anlass ein schönes Ständchen gesungen und sie auf einem Stuhl sitzend in die Luft gehoben. „Das wollte ich so“, erzählt sie und schaut schelmisch durch ihre eckige Metallbrille.

Sehen Sie hier das Geburtstagsständchen für Schwester Gertrude:

Hier herrscht Ordnung

„Zimmer 983 – Konzertkleidung“ steht neben der Tür, die in Schwester Gertrudes Reich führt. Hier herrscht Ordnung. Mitten in dem rund 30 Quadratmeter großen Raum befindet sich ein ausladender Arbeitstisch. Fingerhüte, Stecknadeln und ein paar Näharbeiten liegen darauf. Gleich daneben steht eine etwas in die Jahre gekommene Nähmaschine. Auf einer rollenden Kleiderstange hängen Anzüge, dazu jeweils ein schwarzer Gürtel und eine blaue Schleife. An den Sakko-Krägen sind kleine Zettel befestigt, auf denen Änderungen notiert sind. Raumhohe Kleiderschränke säumen die Wände. Ein kleinerer Nebenraum beherbergt weitere Schränke. Alle sind fein säuberlich beschriftet. „Konzertchor“ steht zum Beispiel auf einem Aufkleber.

Bei Schwester Gertrude hat alles seine Ordnung. Foto: Lex
Bei Schwester Gertrude hat alles seine Ordnung. Foto: Lex

Schwester Gertrude ist gut organisiert. Bei ihr haben Kleiderbügel Namen und Anzüge Nummern. Welches Outfit wem gehört, hat sie in zwei blauen Schnellheftern sorgfältig aufgelistet. Die Mappen liegen griffbereit auf dem Arbeitstisch. Damit die Domspatzen ihre Anzugjacken im Zweifel klar zuordnen können, ist in der Brusttasche ein Spickzettel mit dem Namen des Schülers versteckt. „Wenn nach einem Konzert alle noch was zusammen essen und die Jacken ausziehen, kommt es immer wieder zu Verwechslungen“, weiß Schwester Gertrude.

Seit 12 Jahren ist die Ordensfrau bei den Domspatzen. Zuvor hat sie sich lange Jahre in Heimen um Buben aus schwierigen Verhältnissen gekümmert. Mit 17 Jahren ist die gebürtige Niederbayern ins Kloster der Mallersdorfer Schwestern eingetreten, „zu früh“, wie sie heute meint. Dennoch würde sie sich wieder so entscheiden.

Verschollene Schleifen

Ein abgerissener Knopf, eine verschollene Schleife, Schnitzelflecken auf der Hose, Senfreste am Ärmel oder auch ein verkehrt herum angezogenes Hemd, das sich nicht mehr zuknöpfen lässt – in solchen Fällen ist Schwester Gertrude zur Stelle. Und immer bereit, sich einen Spaß daraus zu machen. Als ein Bub einen Pullunder verliert, sagt sie nur: „Dann kauf’ ich Wolle und wir stricken einen neuen.“

Ohne den Einsatz von Ordensfrauen wäre vieles nicht möglich. Foto: Lex
Ohne den Einsatz von Ordensfrauen wäre vieles nicht möglich. Foto: Lex

Auf Konzertreisen sind die Domspatzen allerdings auf sich gestellt. Dann bereitet die Ordensfrau alles vor – von den Reserveknöpfen bis zum Nähzeug. Nur einmal, vor zehn Jahren, hat sie den Chor nach Südafrika begleitet, ein „Highlight“, schwärmt sie noch heute.

Von ihrer Nähstube aus kann Schwester Gertrude den Dom sehen. „Wunderschön“ findet sie den Ausblick. Der Dom ist ihr „zweiter Hauptwohnsitz“. Die Ordensfrau genießt es, dort den Domspatzen zuzuhören. „Ich weiß ja, wie viel Einsatz dahinter steckt.“ Wenn der Gesang verklungen ist, fängt Schwester Gertrudes Arbeit wieder von vorne an.

Beim Mitsing-Konzert der Regensburg Domspatzen Mitte März ging es rein kleidermäßig leger zu. Der Hörgenuss war aber wie immer erstklassig.

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