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Kontroverse

Die Kirche marginalisiert sich selbst

Mit ihrem Brandbrief an den Vatikan schwächen sieben katholische Bischöfe die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Institution.
von Katharina Kellner

Regensburg.Essen hat vorgemacht, wie ein deutsches Bistum mit abtrünnigen Gläubigen umgehen kann. Anstatt den Ausgetretenen, wie vielerorts üblich, einen Brief zu schicken, der sie über verwirkte Rechte belehrt, nahm das Bistum die Menschen ernst. Es beauftragte Wissenschaftler, sie nach den Beweggründen für ihren Kirchenaustritt zu befragen. Bei der Studie stellte sich heraus: Geld zu sparen, ist nicht die Motivation, sondern oft nur der letzte Schubser. Für die meisten ehemaligen Katholiken stimmt schlicht das Angebot nicht mehr. Sie sehen die von der Kirche vertretene Moral nicht im Einklang mit ihrer Lebenswirklichkeit. Aktuell mühen sich sieben deutsche Bischöfe, Gläubige vor den Kopf zu stoßen, die auf eine Hinwendung ihrer Kirche zur Welt hoffen.

„Aktuell mühen sich sieben deutsche Bischöfe, Gläubige vor den Kopf zu stoßen, die auf eine Hinwendung ihrer Kirche zur Welt hoffen.“

In einem Brandbrief, den die Bischöfe, darunter die Oberhirten von Regensburg und Passau, Ende März an den Vatikan geschickt haben, protestieren sie gegen eine Öffnung der Kommunion für Protestanten, die ohnehin recht behutsam daherkommt. Den Beschluss hatte die Deutsche Bischofskonferenz unter Vorsitz von Kardinal Reinhard Marx im Februar mehrheitlich befürwortet. Er ist weniger dogmatisch zu verstehen, als er Orientierung bieten soll.

Da mutet die Bitte der Bischöfe an Rom um „Hilfe“ seltsam an: Sie wollen Klärung in der Frage, ob die Deutsche Bischofskonferenz überhaupt berechtigt ist, über die sogenannte „Interkommunion“ mit den Protestanten zu entscheiden.

Doch es liegt nahe, dass die „Handreichung“ der Bischofskonferenz dem Kurs des Papstes entspricht. Franziskus stellt dogmatische Regelungen infrage. Er plädiert für Einzelfallentscheidungen, die aus seiner Sicht vor Ort getroffen werden können, auch in Hinsicht auf die Interkommunion. In seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ öffnete er den Zugang zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. 2016 rief er das „Jahr der Barmherzigkeit“ aus. Dieser Papst ist geprägt durch seine Erfahrungen mit dem echten Leben. In Argentinien ging er, anstatt in der Sakristei zu sitzen, hinaus auf die Straße. In den Armenvierteln befasste er sich mit der sozialen Situation der Menschen. Er hat verstanden, dass es die Aufgabe der Kirche sein muss, die Gläubigen in ihrer Lebenswirklichkeit abzuholen.

„Papst Franziskus ist geprägt durch seine Erfahrungen mit dem echten Leben.“

Die Kritik der Traditionalisten-Bischöfe wirkt auf Nicht-Kleriker theologisch und prozedural spitzfindig. Sie zeigen damit, dass sie den Modernisierungsprozess, den Franziskus anstoßen und Kardinal Marx in Deutschland umsetzen will, nicht ein Stück weit mittragen wollen. Eine Neuregelung bei der Kommunion betrifft nur eine kleine Anzahl von Gläubigen. Würden die Bischöfe sie einstimmig beschließen, wäre das in einem gemischt-konfessionellen Land wie Deutschland ein positives Signal für Fortschritte bei der viel beschworenen Ökumene. Die hatte im Reformationsjahr 2017 einen Schub erhalten. Doch konservative Geister sehen gleich das Gespenst der „Protestantisierung“ der katholischen Kirche umgehen. Doch eine Kircheneinheit ist im Moment ziemlich undenkbar.

„Die Kirche erweist sich, wieder einmal, als reflexhaft dogmatisch dort, wo Gläubige sich Menschlichkeit erhoffen.“

Es ist zu erwarten, dass in den Bistümern Bamberg, Augsburg, Passau, Regensburg, Eichstätt, Köln und Görlitz auch künftig keine evangelischen Christen zur Eucharistie zugelassen werden. Die sieben Bischöfe tragen ihre Machtprobe damit ausgerechnet auf dem Rücken derjenigen Menschen aus, denen der Glaube ein echtes Anliegen ist. Den Schwund der Kirchgänger und Kirchenmitglieder in Deutschland, der seit 2010 gewaltig ist, halten die Traditionalisten damit nicht auf – im Gegenteil. Sie schwächen die Kirche: Sie erweist sich, wieder einmal, als reflexhaft dogmatisch dort, wo Gläubige sich Menschlichkeit erhoffen. Doch das Festhalten an Dogmen wird die Zeiten nicht zurückbringen, als die Sonntagsgottesdienste in den katholischen Kirchen voll waren und der Klerus die Deutungshoheit über die Fragen des Alltags hatte. Es gibt viel zu tun für die Kirchenoberen. Denn auch wenn Franziskus wichtige Signale sendet – die katholische Kirche schafft es nur unzulänglich, als Institution wahrgenommen zu werden, mit der sich Menschen wirklich identifizieren.

Mehr zum Streit um die Kommunion lesen Sie hier.

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