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Selbsttest

Die Luft unter der MZ-Lupe

Der Diesel-Skandal hat Feinstaub zum Reizthema gemacht. Wie hoch ist die Belastung vor Ort? Ein Sensor liefert uns Antworten.
Von Jana Wolf

Der Diesel-Skandal und das täglich steigende Verkehrsaufkommen machen die Luft dick. Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa/lby
Der Diesel-Skandal und das täglich steigende Verkehrsaufkommen machen die Luft dick. Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa/lby

Regensburg.Sieben mal sieben Zentimeter groß ist die Platine, die wissen will, was täglich durch unsere Lungen strömt. Sie ist vollgepackt mit sensibler Elektronik, saugt Luft aus der Umwelt über einen dünnen Schlauch an und trägt den extravaganten Namen „nova PM sensor“. Diese Platine ist das Herzstück des Feinstaubsensors, mit dem Redakteure der Mittelbayerischen einen Selbsttest starten. Der Sensor soll Auskunft geben über das Elexir, das uns täglich umgibt und uns am Leben hält: die Luft.

Wir haben den Feinstaubsensor für unseren Selbsttest selbst zusammengebaut. Hier sehen Sie unser Making-of im Video – gerne auch zum Nachbauen:

Janas Anleitung

Der Diesel-Skandal und das täglich steigende Verkehrsaufkommen lenken die Aufmerksamkeit auf die Luftqualität in deutschen Städten. Umweltschützer gehen auf die Barrikaden, Wissenschaftler schlagen Alarm, Ärzte warnen vor gesundheitlichen Schäden, die Feinstaub anrichten kann.

Dicke Luft im wörtlichen Sinn

Den tagesaktuellen Luftdaten des Umweltbundesamtes zufolge wurden in Regensburg die Feinstaub-Grenzwerte von 50 Mikrometer pro Tag seit Jahresbeginn an vier Tagen überschritten, in Kelheim schon an sechs Tagen. Dieser Grenzwert für Feinstaub der Partikelgröße PM10 gilt seit 2005 – und soll Umwelt und Gesundheit schützen. Gemäß der Auflage darf der Wert nicht öfter als 35-mal im Jahr überschritten werden. Gibt es also in der Oberpfalz und in Niederbayern Grund zur Sorge? „Wir gehören sicherlich nicht zur Vorzeige-Region“, sagt Prof. Michael Pfeifer, Chefarzt an der Klinik Donaustauf am Zentrum für Pneumologie. Die Luft im Raum Regensburg sei zwar nicht so schlecht wie in Stuttgart, München oder Hamburg. Frei von Feinstaubproblemen sei die Gegend aber längst nicht, meint der Lungenexperte.

„Wir gehören sicherlich nicht zur Vorzeige-Region.“

Prof. Michael Pfeifer, Chefarzt an der Klinik Donaustauf am Zentrum für Pneumologie

Die Überschreitungen der Grenzwerte an vier Tagen in Regensburg, an sechs in Kelheim hält Pfeifer trotzdem für eine relativ positive Bilanz. Zu Jahresbeginn sei die Belastung mit Schadstoffen besonders hoch, von Januar bis März würden Spitzenwerte erreicht. Über die Gründe dafür seien sich Wissenschaftler noch uneinig. Aus Pfeifers Sicht tragen auf jeden Fall die Großwetterlage und das Heizen in den kalten Monaten dazu bei.

Feinstaub als eindeutiges Gesundheitsrisiko

Schenkt man aktuellen Zahlen der Europäischen Umweltagentur Glauben, ist die Lage alles andere als rosig. Demnach sterben in Deutschland jährlich 66000 Menschen vorzeitig durch die Feinstaubbelastung. Dazu kommen Stickoxide, die für weitere 13000 Todesfälle verantwortlich sein sollen. Laut Michael Pfeifer handelt es sich bei den Zahlen zwar um statistische Hochrechnungen. Sie böten jedoch eine wichtige Orientierung, die man erst nehmen müsse. „Immer mehr Studien belegen, dass Feinstaub ein Gesundheitsrisiko darstellt“, sagt der Lungenspezialist. „Menschen, die hohen Luftbelastungen ausgesetzt sind, leiden an einer höheren Rate an Herzinfarkten und Krebsfällen, insbesondere Lungenkrebs.“

Der Sensor soll aufklären

Um herauszufinden, ob man vor der eigenen Haustüre unbeschwert aufatmen kann, hilft der selbst gebaute Feinstaubsensor weiter. Foto: Wolf
Um herauszufinden, ob man vor der eigenen Haustüre unbeschwert aufatmen kann, hilft der selbst gebaute Feinstaubsensor weiter. Foto: Wolf

Um herauszufinden, ob man vor der eigenen Haustüre unbeschwert aufatmen kann, hilft die kleine Platine weiter. Sie soll darüber aufklären, wie hoch die Feinstaubbelastung in der Region ist. Doch bevor die Platine die Werte liefern kann, muss sie zu einem wetterfesten und wlan-fähigen Gerät zusammengebaut werden. Über feine Kabel wird der „nova PM sensor“ mit einer zweiten Platine verknüpft. Diese sogenannte „NodeMCU“ funktioniert wie ein Mini-Computer: Sie erfasst die Daten und überträgt sie auf den Computer. Zusätzlich wird ein Luftfeuchtigkeits- und Temperatur-Messer verbunden. Es fehlt noch das Wichtigste: die Luft. Dazu wird ein Schlauch angeschlossen, der Luft ansaugt und durch den Sensor leitet. Der „nova PM sensor“ erfasst Feinstaub der Messgrößen PM10 und PM2,5. PM bedeutet „Particulate Matter“ – die Partikelgröße in Mikrometer. Je kleiner der Feinstaub ist, desto gefährlicher für die Gesundheit.

Bauteile anschaffen und Sensor nachbauen

Jan A. Lutz und sein Team betreiben das „OK Lab“ in Stuttgart, das Feinstaubdaten in Echtzeit im Netz bereitstellt. Foto: Lutz
Jan A. Lutz und sein Team betreiben das „OK Lab“ in Stuttgart, das Feinstaubdaten in Echtzeit im Netz bereitstellt. Foto: Lutz

Mit einer Einkaufsliste und einer Bauanleitung, die man auf der Webseite luftdaten.info findet, kann man sich die Bauteile anschaffen und den Sensor nachbauen. Die Seite wird von Open-Data-Aktivisten um Jan A. Lutz betrieben. Die Stuttgarter wollen mit ihrer Initiative Bürgern die Möglichkeit geben, selbst Daten zu erheben und diese einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

Lesen Sie hier ein Interview mit dem Stuttgarter Open-Data-Aktivist Jan A. Lutz!

„Ich halte es mit dem Satz von J.F. Kennedy: ,Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage lieber, was du für deinen Staat tun kannst‘.“

Jan A. Lutz, Open-Data-Aktivist vom „OK Lab“ Stuttgart

Auf ihrer Website findet man eine Karte, die Luftwerte in Echtzeit abbildet. Alle Orte, in denen die Luftqualität unter dem Grenzwert liegt, sind gelb bis grün eingefärbt – aufatmen! Überall, wo der Wert überschritten wird, wird es orange bis alarm-rot. Bedenken in Sachen Datenschutz sind unnötig: Der Standort des Sensors wird auf der Karte nur näherungsweise angezeigt und lässt sich nicht auf Personen zurückführen. Allein in Deutschland liefern mehr als 3400 Sensoren Luftdaten zu, weltweit sind es mehr als 5200.

„Ich halte es mit dem Satz von J.F. Kennedy: ,Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage lieber, was du für deinen Staat tun kannst‘“, sagt Lutz. MZ-Redakteure werden in den kommenden Wochen die Luftwerte in der Region messen – und dokumentieren.

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