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Menschen

Die Ökofrau mit den Gardemaßen

Monika Deinbeck aus Donaustauf geht barfuß, ist Buddhistin und bohrt dicke Bretter als Aktivistin. Bis 2012 war sie ein Mann.
Von Marianne Sperb

  • Monika Deinbeck: Sie bohrt dicke Bretter als Öko-Aktivistin und in der Szene für „Menschen, die nicht im dualen Geschlechterbild verortet sind“. Foto: Deinbeck
  • Monika Deinbeck Foto: Deinbeck

Donaustauf.Monika Deinbeck ist eine Wucht. Sie hat breite Schultern und beneidenswert kräftiges Haar, das gerade von Braun zu Grau wechselt. Die 49-Jährige kommt nur „alle heilige Zeit“ in die alte Heimat Donaustauf. Aber am Telefon nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch. Ihre Stimme klingt kreidig und angenehm, ihr Ton ist liebevoll. Die frühere IT-Spezialistin antwortet besonnen und beschreibt auch komplexe Dinge klar.

Sie wuchsen in Donaustauf auf. In einem konservativen Umfeld?

Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche. Meine Mutter war beim Katholischen Frauenbund, mein Vater bei der Kolpingsfamilie. Er war Direktor der Raiffeisenbank und in Donaustauf eine Persönlichkeit. Früher hätte man gesagt: Er war ein Honoratior.

Das klingt nicht nach Idealbedingungen für einen transsexuellen Jugendlichen.

Ja, anfangs war es sehr schwierig. Ich merkte: Ich kann einfach nicht so sein, wie meine Eltern es vorlebten. Als Zehnjährige saß ich im Gottesdienst und dachte: Das ist alles Quatsch. Ich musste also erst herausfinden, wie ich selbst denke. Das führte durch viel Chaos, es gab viel Auf und Ab. Wissen Sie, ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der es das Konzept Transsexualität nicht gab. Die Idee, man könnte das Geschlecht wechseln oder sich aussuchen, wer man ist, existierte nicht.

Wie ging die Wandlung vor sich?

Das ist eine lange Geschichte. Als ich in die Pubertät kam, merkte ich: Ich fühle nicht wie die Jungs und ich will mich auch nicht so verhalten wie sie. Es war ein schwieriger Prozess. Lange wusste ich nicht, wer ich bin, und probierte verschiedene Identitäten aus.

Seit wann sind Sie Monika?

Für mich: seit dem 11. 11. 2012. Damals wachte ich in meinem Ehebett auf, neben meiner Ehefrau, und sagte ihr: Ich will nicht mehr ein Mann sein. Dann ging ich ins Bad, rasierte mich und erblickte im Spiegel eine Frau. Ich nannte sie Monika.

Der Seelenarzt mit dem Säbelzahntiger: Dr. Reinhart Schüppel aus Furth im Wald in unserer Serie „Alles außer gewöhnlich

Hat der Name eine spezielle Bedeutung?

Im Gegenteil: Ich suchte ganz bewusst einen Namen, der keine Zuschreibung hat. Ich nahm mir die Liste der häufigsten Namen von 1968 vor, und strich alle aus, die ich mit Menschen, die ich kannte, verbunden habe.

Wie sind Sie auch nach außen als Monika aufgetreten?

Den letzten Schritt vollzog ich im September 2013. Ich lud meine Kollegen im Büro zu einem Geburtstagsumtrunk ein, trug Frauenkleider und sagte ihnen, was los ist.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Anfangs durchweg positiv. Allerdings hat sich im Lauf der Zeit auch viel Befremden eingestellt.

Was machen Sie beruflich?

Ich bin Informatikerin, war IT-Trainerin und Software-Entwicklerin. Heute mach’ ich das nicht mehr. Ich baue hier bei Bitterfeld unser Ökodorf auf.

Wie stellt man sich diese „Herzensgemeinschaft Wolfen“ vor?

Die Geschichte fing in Dresden an. Ich beteiligte mich am Aufbau einer solidarischen Landwirtschaft, das heißt: Menschen tun sich zusammen, finanzieren einen Bauernhof oder einen Garten und teilen die Erträge. Sie verbinden sich durch die Arbeit und sichern sich gegenseitig ab. Ich merkte dann, ich möchte mehr teilen, auch ein gemeinsames Leben haben. In Dresden waren ja alle Mitglieder des Kollektivs über die Stadt verteilt.

Sie suchten eine neue Gruppe?

Ich bin ja so eine, die immer ihr eigenes Ding durchziehen muss. Es war klar: Ich schließe mich nicht einfach einem bestehenden Kollektiv an. Dann traf ich Paul Seifert aus Wolfen. Seine Idee war, ein stadtnahes Ökodorf aufzubauen. Das gefiel mir. Seit 2015 bin ich dabei.

Wie viele Mitglieder gehören zur „Herzensgemeinschaft“?

Wir sind acht Erwachsene und fünf Kinder. Für Sommer 2018 haben wir feste Zusagen von vier weiteren Erwachsenen mit vier Kindern. Eine lokale Immobiliengenossenschaft stellt uns einen Plattenbau zur Verfügung, den wir gemeinsam bewohnen. Jeden Mittwoch gibt es „Offenes Kochen“ für den ganzen Stadtteil und gerade haben wir unseren Nachbarschaftsgarten eröffnet. Wir sind erst sechs Monate hier, aber die Sache nimmt Fahrt auf. Das Ziel ist, dass wir uns selbst versorgen, eigene Energie generieren, eigene Häuser bauen. Dafür wird es aber jemanden brauchen, der sich hauptamtlich kümmert.

Monika Deinbeck baut in Bitterfeld-Wolfen ein Öko-Dorf auf. Foto: Deinbeck
Monika Deinbeck baut in Bitterfeld-Wolfen ein Öko-Dorf auf. Foto: Deinbeck

Wovon leben Sie so lange?

Viele von uns sind berufstätig und engagieren sich in der Freizeit. Der Übergang ist fließend. Man muss allen Zeit geben, da langsam hineinzuwachsen. Vor allem Familien mit Kindern brauchen die finanzielle Absicherung ja.

Auf Fotos von Ihnen sieht man eine stattliche Frau mit langem Haar und ausdrucksvollem Mund. Wie sehen Sie sich selbst?

Ich denke, wie die meisten Frauen, ich wäre zu dick. Und es ist auch nicht immer einfach, 1,90 Meter groß zu sein. Die meisten Kerle, die ich in den Arm nehme, wirken wie Zwerge.

Pumps haben Sie also wohl kaum im Schuhschrank.

Ich laufe barfuß! Und ich sehe wahrscheinlich die meiste Zeit aus wie eine Ökotante. Ich trage häufig Röcke. Aber Schminken oder so, das ist nicht so das Meine. Ich mag es lieber natürlich.

Sie haben eine angenehme Stimme. Hat Sie sich verändert durch Ihren Umwandlungsprozess?

Ich hatte Stimmtraining. Und ich war sieben Jahre als IT-Trainerin tätig. Ich mag es einfach, klar zu formulieren und es so rüberzubringen, dass jeder es gut versteht.

MZ-Serie: Alles außer gewöhnlich

  • Die Serie:

    Es gibt Menschen, die einem auffallen: weil sie auf eine spezielle Art leben oder die Dinge auf eine ganz eigene Art anpacken. Sie sind eben „alles außer gewöhnlich“.

  • Die Autorin:

    Marianne Sperb hörte bei einem Abendessen zufällig von Monika Deinbeck. Ein ehemaliger Schulkamerad erinnerte sich an einen Jungen, der sonderbar war.

Sie sitzen im Vorstand des Vereins Trans-Inter-Aktiv Mitteldeutschland, aber ihr Engagement ist ja weitaus vielfältiger.

Es gibt im Moment drei Themen, bei denen ich mich einbringe: in der Bewegung für geschlechtliche Vielfalt und in der Öko-Szene. Drittens bin ich Buddhistin. Unsere Sangha trifft sich im Internet. Wir haben einen Lehrer, der uns anleitet. Manchmal braucht auch jemand Rat oder ein offenes Ohr.

Was gibt Ihnen der Austausch?

Er hilft, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind und dennoch stetig die Kraft zu haben, daran zu arbeiten, sie zu verändern. Wenn ich mich zum Beispiel für die Rechte von Minderheiten einsetze, dann ist das ein ziemlich dickes Brett, das man bohrt, und es braucht Kraft, das lange durchzuhalten.

Hier geht es zum Bayern-Teil.

Lesen Sie alle Teile unserer Serie „Alles außer gewöhnlich“

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