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Gesundheit

Die Rückkehr der Syphilis

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Erkrankten bundesweit wieder an. Auch andere Infektionen machen Medizinern Sorgen.
Von Louisa Knobloch

Kondome schützen, nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis. Foto: Sonya Schönberger/dpa-tmn
Kondome schützen, nicht nur vor HIV, sondern auch vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis. Foto: Sonya Schönberger/dpa-tmn

Regensburg.Wer glaubt, die Syphilis sei ein Problem vergangener Jahrhunderte, der irrt sich. Die Geschlechtskrankheit ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch: 7476 Fälle wurden im Jahr 2017 an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet, ein neuer Höchststand. Zehn Jahre zuvor, 2007, waren es noch 4309 Fälle; 2001 – dem Jahr, in dem das neue Infektionsschutzgesetz mit der Meldepflicht in Kraft trat – nur 1995. Betroffen sind dem RKI zufolge vor allem homosexuelle Männer in Großstädten: Berlin ist die deutsche Syphilis-Hochburg mit 1333 gemeldeten Infektionen im Jahr 2017. Mit einer Inzidenz, also der Zahl der Fälle pro 100 000 Einwohner, von 37,9 liegt der Stadtstaat weit über dem Bundesdurchschnitt von 9,1. In München sind die absoluten Zahlen zwar niedriger – 2017 wurden hier 508 Infektionen registriert –, mit einer Inzidenz von 35 steht die bayerische Landeshauptstadt Berlin aber kaum nach.

In der eher ländlich geprägten Oberpfalz sind die Zahlen zwar deutlich niedriger, aber auch hier gibt es eine steigende Tendenz. Seit 2012 lag die Zahl der ans RKI gemeldeten Syphilis-Fälle konstant über 30, im vergangenen Jahr waren es 46. Von 100 000 Einwohnern sind also statistisch 4,2 betroffen. In Niederbayern waren die Syphilis-Fälle nach sechs Jahren Zunahme in Folge zuletzt wieder etwas rückläufig – von 51 Fällen 2016 auf 37 Fälle im Jahr 2017.

Amt bietet anonyme Tests an

Dr. Wolfgang Leicht ist Chefarzt der Klinik für Urologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Foto: altrofoto.de
Dr. Wolfgang Leicht ist Chefarzt der Klinik für Urologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg. Foto: altrofoto.de

Einen relativ starken Anstieg verzeichnet die Stadt Regensburg: Nach acht Fällen im Jahr 2015 wurden 2016 bereits 16 und 2017 sogar 24 Fälle gemeldet. Diesen Trend bestätigt Dr. Wolfgang Leicht. Der Chefarzt der Klinik für Urologie am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg spricht von einer Vervierfachung der Fallzahlen an seiner Klinik von 2016 auf 2017. „Da ist eine deutliche Tendenz zu mehr Fällen da.“ Am Caritas-Krankenhaus St. Josef in Regensburg ist Syphilis dagegen kein Thema: „Wir sehen bei uns keine Zunahme“, sagt Prof. Dr. Maximilian Burger, der Direktor der Klinik für Urologie. „Allerdings sind wir auch nicht die klassische Anlaufstelle für Betroffene.“ Diese würden sich in der Regel an niedergelassene Fachärzte, etwa Urologen, Gynäkologen oder Dermatologen, wenden. Diese melden Syphilis-Infektionen dann anonym an das RKI weiter.

Sexuell übertragbare Krankheiten

  • Syphilis:

    Die auch als Lues bezeichnete chronische Infektionskrankheit wird durch das Bakterium Treponema pallidum verursacht. Sie kommt nur beim Menschen vor und wird sexuell, durch Blut oder während der Schwangerschaft von der Mutter auf das Kind übertragen. Die Krankheit verläuft typischerweise in drei Stadien. Wenige Tage bis Wochen nach der Infektion bildet sich an der Eintrittsstelle ein meist schmerzloses Geschwür (Primäraffekt). Im Tertiärstadium, Jahre nach der Erstinfektion, kann es zur Schädigung des Gehirns und der Blutgefäße kommen. Syphilis kann durch Antibiotika geheilt werden.

  • Gonorrhoe:

    Die auch als Tripper bezeichnete bakterielle Infektionskrankheit wird durch Gonokokken verursacht und befällt die Schleimhäute von Harn- und Geschlechtsorganen. Aufgrund von Resistenzbildung sind nur noch wenige Antibiotika wirksam.

  • Chlamydien:

    Diese Bakterien verursachen als Chlamydiosen bezeichnete Infektionen. Die Erkrankungen betreffen u. a. die Schleimhäute im Augen-, Atemwegs- und Genitalbereich. Von genitalen Chlamydien-Infektionen sind überwiegend junge Männer und Frauen zwischen 15 und 24 Jahren betroffen. Die bakteriellen Infektionen verlaufen häufig symptomfrei. Unbehandelt können sie Entzündungen auslösen, die mit der Zeit bei Frauen und Männern zu Unfruchtbarkeit führen können.

Wer sich scheut, beim Verdacht auf eine sexuell übertragbare Erkrankung – oder kurz STD für sexually transmitted diseases – zum Arzt zu gehen, kann sich auch kostenlos und völlig anonym beim Gesundheitsamt Regensburg testen lassen. Jeden Donnerstagvormittag von 8.30 Uhr bis 11.30 Uhr findet hier im Raum 2.040 die STD-Sprechstunde statt. Neben HIV kann man sich hier auch auf Hepatitis B und C, Syphilis, Chlamydien und Gonorrhoe – umgangssprachlich auch Tripper genannt – untersuchen lassen. „Die Zahl der Personen, die dieses Angebot annehmen, hat stetig zugenommen“, berichtet die Sozialpädagogin Annemarie Rödl.

Infektionen bleiben oft unerkannt

Sozialpädagogin Annemarie Rödl berät am Gesundheitsamt zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Foto: Knobloch
Sozialpädagogin Annemarie Rödl berät am Gesundheitsamt zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Foto: Knobloch

Den deutschlandweiten Trend zur Rückkehr der Syphilis kann Rödl aber nicht bestätigen: „Von 700 Personen wurden im vergangenen Jahr 650 auch auf Syphilis getestet. Dabei gab es nur drei Positivbefunde.“ Häufiger seien Chlamydien und Gonorrhoe. „Diese Infektionen können auf längere Sicht zu Unfruchtbarkeit führen“, sagt Rödl. „Deshalb ist es wichtig, sie früh zu erkennen, um nicht in ein paar Jahren, wenn dann ein Kinderwunsch besteht, eine böse Überraschung zu erleben.“ Das Gemeine an STD sei jedoch, dass die Erkrankungen in vielen Fällen unbemerkt bleiben. „Etwa 30 Prozent der Infizierten haben keine Symptome – die kämen nie auf die Idee, dass sie eine Infektion haben.“ Einmal erkannt, lassen sich Syphilis, Chlamydien und Gonorrhoe mit Antibiotika behandeln. Besser wäre es aber, eine Infektion von vornherein zu vermeiden: „Kondome zu verwenden ist das A und O“, so Rödl. Diesen Rat beherzigen längst nicht alle.

Lesen Sie hier ein Interview mit Sozialpädagogin Annemarie Rödl: „Offen über Sexualität sprechen“

Seit 2016 sind in Deutschland zudem antiretrovirale Medikamente zugelassen, die – vor und nach dem Geschlechtsverkehr eingenommen – vor einer HIV-Infektion schützen können. „Das veranlasst die Nutzer dann womöglich eher, auf ein Kondom zu verzichten“, sagt Dr. Wolfgang Leicht. Er kritisiert, dass Gonokokken – die Erreger der Gonorrhoe – mit der Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001 in allen Bundesländern bis auf Sachsen aus der Meldepflicht genommen wurden. „Hier haben wir ebenfalls eine hohe Zahl von Infizierten. Zudem entwickeln Gonokokken zunehmend Resistenzen gegen die gängigen Antibiotika.“

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Zu den STD gehören auch die Humanen Papillomviren (HPV), die unter anderem Gebärmutterhalskrebs auslösen. Weitere Krebsarten oder Genitalwarzen können ebenfalls die Folge einer HPV-Infektion sein. Obwohl für Mädchen zwischen 9 und 14 Jahren eine Impfung empfohlen wird, sei die Impfquote in Deutschland im internationalen Vergleich sehr niedrig. „Es gibt einen wirksamen Schutz, aber wir setzen ihn nicht ein – das ist Wahnsinn.“ Insgesamt beklagt Leicht mangelnde Aufklärung: „Jugendliche haben HIV auf dem Schirm, andere sexuell übertragbare Krankheiten aber eher nicht.“ Diese Erfahrung hat auch Rödl gemacht. Daher gehen sie und ihre Kollegen regelmäßig an Schulen und sprechen mit Jugendlichen über Sexualität, Verhütung und Infektionsschutz.

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