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Geschichte

Die vier Stämme Bayerns

Der Freistaat feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag. Die Menschen prägen das Land – Urbayern wie Heimatvertriebene.
Von Ulf Vogler, Ute Wessels und Klaus Tscharnke, dpa

Weiß-blaues Postkartenidyll der Landeshauptstadt München: So wird gerne das Klischee des vermeintlich echten Bayerns bedient. Doch die anderen Regierungsbezirke müssen sich vor Oberbayern nicht verstecken. Foto: Peter Kneffel/dpa
Weiß-blaues Postkartenidyll der Landeshauptstadt München: So wird gerne das Klischee des vermeintlich echten Bayerns bedient. Doch die anderen Regierungsbezirke müssen sich vor Oberbayern nicht verstecken. Foto: Peter Kneffel/dpa

Die Altbayern: Sie gelten gleichsam als die Urbayern, also die vermeintlich echten Bayern.


Die Altbayern sind also diejenigen, die auch der baierischen Mundart mächtig sind – oder zumindest sein sollten, was bei der hohen Zahl an Zugezogenen jedoch längst nicht mehr der Fall ist. Geographisch betrachtet umfasst Altbayern in etwa die heutigen Regierungsbezirke Ober- und Niederbayern sowie die Oberpfalz. Damit ist das Gebiet in sich schon sehr unterschiedlich.

Oberbayern, das Vorzeigebayern mit Bier in Maßkrügen. Foto: Peter Kneffel/dpa
Oberbayern, das Vorzeigebayern mit Bier in Maßkrügen. Foto: Peter Kneffel/dpa

Oberbayern, das Vorzeigebayern mit der Landeshauptstadt München, den Alpen und den malerisch gelegenen Seen. Dazu Menschen in Lederhose und Dirndl, Bier in Maßkrügen und Weißwürste sowie der FC Bayern. So stellen sich Japaner, Amerikaner, Italiener und Preißn (für Bayern alle Deutschen außerhalb Bayerns) Oberbayern vor. Postkartenidylle. Der frühere Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) hat den Begriff von „Laptop und Lederhose“ geprägt und klargestellt: In Bayern ist die Zeit nicht stehengeblieben, hier gehen Tradition und Fortschritt Hand in Hand. Beliebtes Beispiel hierfür ist der Münchner Weltkonzern BMW, der seine Werke schön über ganz Altbayern verteilt hat. Damit hat der Autobauer einen Beitrag geleistet zum Aufschwung der Bezirke Niederbayern und Oberpfalz. Die galten einst als das Armenhaus des Freistaates. Inzwischen haben sich viele große Firmen angesiedelt. Und auch mancher Traditionsbetrieb kommt von dort – auf Skipisten in aller Welt sieht man beispielsweise Völkl Ski aus dem niederbayerischen Straubing. Landschaftlich und kulturell gesehen müssen sich Niederbayern und die Oberpfalz auch nicht hinter Oberbayern verstecken – und sprachlich sowieso nicht. Für Zua-groaste ist der Dialekt jedenfalls weiterhin eine Herausforderung.

Um schiere Größe ging es den Franken noch nie – dazu fehlen der Region nicht nur die Gipfel der oberbayerischen Alpen.

Den Franken fehlt auch eine Millionen-Metropole nach Münchner Muster. Und selbst auf das, worauf die Franken wirklich stolz sein können, den Jeans-Erfinder Levi Strauss etwa oder die Playmobil-Figuren aus Zirndorf, machen die Franken kein großes Gewese. „Passt scho!“ ist ihr knappes Motto – selbst wenn es richtig top läuft. Das ist aber auch manchmal ihr Problem. Mit ihrer Bescheidenheit drohen die Franken häufig in den Schatten ihrer selbstbewussten oberbayerischen Nachbarn zu geraten.

Als Bayern Freistaat wurde

  • In der Nacht, in der Bayern vom Königreich zum Freistaat wurde,

    ist kein Tropfen Blut vergossen worden. Historiker haben diesen wichtigen Punkt der revolutionären Ereignisse vom 8. November 1918 häufig betont. Denn Revolutionen wohnt ja für gewöhnlich ein Gewaltpotential inne. Das entlud sich in Bayern einige Monate später in den Unruhen des Jahres 1919. Doch als Kurt Eisner den Freistaat Bayern ausrief und die Herrschaft der Wittelsbacher beendete, blieb es friedlich.

  • Schätzungsweise 60 000 Menschen hatten

    sich am 7. November zu einer Friedensdemonstration in München versammelt. Die Spannungen zwischen der gemäßigteren SPD und der radikaleren USPD, der Eisner angehörte, waren unübersehbar. „Eisner war entschlossen, zu handeln“, obwohl die Mehrheits-SPD die Demonstration friedlich verlassen habe, sagt der Historiker Ferdinand Kramer. Eisner und seine Anhänger zogen zu den Kasernen. Viele Soldaten schlossen sich den revolutionären Plänen Eisners an. Sie waren kriegsmüde.

  • Nach Mitternacht war es dann soweit:

    Eisner rief den Freistaat Bayern aus. Bereits am Abend hatte der letzte Wittelsbacher König Ludwig III. mit seiner Familie München verlassen und Zuflucht am Chiemsee gesucht. Ludwig entband die Beamten von ihrem Eid, was ebenfalls dazu beitrug, eine blutige Eskalation der Lage zu vermeiden.

  • Eisners Schicksal entschied sich 1919.

    Bei den Wahlen musste seine USPD eine heftige Niederlage einstecken, obwohl er als Ministerpräsident Neuerungen wie den Achtstundentag eingeführt hatte. Eisner wollte zurücktreten, wurde am 21. Februar 1919 aber von einem Rechtsradikalen ermordet. Danach eskalierte die Gewalt zwischen links- und rechtsradikalen Kräften. Eisners friedliche Revolution mündete nun doch im Blutvergießen.

Dabei brauchen sich die drei fränkischen Regierungsbezirke weder in touristischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht zu verstecken. Die lieblichen Landschaften zwischen Fichtel- und Hesselberg ziehen jährlich mehr als zehn Millionen Touristen an. Was für München das Oktoberfest ist, das ist für Nürnberg – unter anderem Vorzeichen – der Christkindlesmarkt. Wirtschaftlich hat das einstige industrielle Herz Bayerns im Zuge des Strukturwandels kräftig aufgeholt. Nürnberg ist längst Dienstleistungszentrum. Und im benachbarten Herzogenaurach entwerfen Designer von Adidas und Puma Sportartikel für den Weltmarkt.

Die drei fränkischen Regierungsbezirke brauchen sich weder in touristischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht verstecken.Foto: Daniel Karmann/dpa
Die drei fränkischen Regierungsbezirke brauchen sich weder in touristischer noch in wirtschaftlicher Hinsicht verstecken.Foto: Daniel Karmann/dpa

In einem Punkt aber lässt der Franke nicht mit sich spaßen. Die Franken sind – auch wenn sie seit Anfang des 19. Jahrhunderts politisch zu Bayern gehören – keine Bayern. Schließlich genossen sie jahrhundertelang politische Eigenständigkeit. Das erklärt wohl den fränkischen Hang zur Aufmüpfigkeit gegenüber den altbayerischen „Sepplhosen-Besatzern“ (O-Ton Fränkischer Bund). Wenn es um den Durst geht, sind sich allerdings die Menschen im weitläufigen Franken selbst nicht ganz grün. Quer durch Franken verläuft eine Grenze, die das Wein- vom Bier-Franken scheidet.

Die Schwaben müssen häufig damit leben, dass ihre Existenz quasi ignoriert wird.

München – gelegentlich auch Regensburg – wird gerne als nördlichste Stadt Italiens bezeichnet, doch zwei schwäbische Städte können dagegen echte bis nach Italien reichende Wurzeln nachweisen: Augsburg und Kempten sind einst von den Römern gegründet worden. Dadurch haben „Augusta Vindelicum“ und „Cambodunum“ eine rund 2000 Jahre alte Geschichte. Die beiden größten schwäbischen Städte gehören somit zu den ältesten Kommunen Deutschlands.

Augsburg steuert als drittgrößte bayerische Stadt rasant auf die 300 000-Einwohner-Marke zu. Foto: dpa
Augsburg steuert als drittgrößte bayerische Stadt rasant auf die 300 000-Einwohner-Marke zu. Foto: dpa

Oftmals müssen die Bewohner des Regierungsbezirks Schwaben damit leben, dass ihre Existenz außerhalb Bayerns quasi ignoriert wird. Viele Menschen aus anderen Bundesländern verorten die Schwaben praktisch nur im Land Baden-Württemberg. Doch in den vergangenen Jahren hat ausgerechnet der Fußball dafür gesorgt, dass damit aufgeräumt wird. Denn seitdem der FC Augsburg in der Bundesliga kickt, verwenden Sportreporter gerne die Bezeichnung der „bayerischen Schwaben“, wenn von den FCA-Spielern die Rede ist. Auch darüber hinaus tragen die Fußballer ihren Teil dazu bei, die Region überregional bekanntzumachen. „Durch keine noch so aufwendige Werbekampagne hätte Augsburg so viel Ansehen und Aufmerksamkeit erlangen können“, sagte Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) schon 2013 dem „Bundesliga-Magazin“.

Obwohl Augsburg als drittgrößte bayerische Stadt rasant auf die 300 000-Einwohner-Marke zusteuert, konnte in der Vergangenheit eher noch der südliche Teil Schwabens auf eine hohe Bekanntheit verweisen. Das Allgäu zählt zu den beliebtesten Urlaubsregionen Deutschlands, und das dortige Schloss Neuschwanstein gehört mit rund eineinhalb Millionen Besuchern pro Jahr zu den bekanntesten Schlössern weltweit.

Die Sudetendeutschen: Eine Volksgruppe, die als Stamm unter den Volksstämmen Bayerns gilt.

Historisch hat Bayern drei Stämme: die Altbayern, die Franken und die Schwaben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entstand der Begriff des „vierten Stammes“. Grund ist, dass damals mehr als zwei Millionen Vertriebene aus dem Osten im Freistaat Zuflucht suchten. Die größte Gruppe waren die Sudetendeutschen, für die die Staatsregierung schließlich die Schirmherrschaft übernahm. Im Jahr 1962 wurde offiziell beurkundet: „Die Bayerische Staatsregierung betrachtet die sudetendeutsche Volksgruppe als einen Stamm unter den Volksstämmen Bayerns.“

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