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Gedenken

Die wahren Helden leben in den Herzen weiter

Die Überlebenden der Konzentrationslager werden weniger. Die Angehörigen beginnen, ihre Botschaft der Menschlichkeit in die Welt zu tragen.
Von Reinhold Willfurth, mZ

  • Rodolfo und Alessandra Focherini gedachten ihres Vorfahren Odoardo.
  • Ein KZ-Überlebender mit seiner UrenkelinFotos: Schönberger

Flossenbürg.Zehn Jahre hat er dann noch auf seinen Papa gewartet. Dann war Rodolfo Focherini alt genug, um es zu akzeptieren: Sein Vater Odoardo würde nie mehr zurückkehren in seine Heimat, das oberitalienische Carpi –zu Rodolfo und seinen sechs Geschwistern Olga, Lena, Attilio, Gianna, Carla und Paula und der Mutter Maria.

Gegen Ende des Jahres 1944 starb Odoardo Focherini im Außenlager Hersbruck des Konzentrationslagers Flossenbürg. Erst im Juli 1945 traf die Todesnachricht ein. Die angebliche Todesursache: Blutvergiftung. „Ich wollte es einfach nicht glauben“, sagt Rodolfo im Gespräch mit der MZ.

Es ist ein traumhaft schöner Frühlingssonntag, als die Familie Focherini gut 65 Jahre danach in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg eintrifft. Rodolfo, 73 Jahre alt, pensionierter Berufsberater, wird von seiner Tochter Alessandra und sechs weiteren Familienmitgliedern begleitet. In einem großen Bierzelt gibt es ein Mittagessen für die Ehrengäste. Das sind an diesem Tag vor allen anderen die alten Herren, die vor 65 Jahren von den Soldaten der 3. US-Armee im KZ Flossenbürg und seinen knapp 90 Außenlagern lebend vorgefunden wurden. Noch lebend: Manche der hartgesottenen GIs begannen zu weinen, als sie die halb verhungerten Elendsgestalten erblickten.

Die Enkel machen sich bemerkbar

Die Männer, die meisten von ihnen um die 80 Jahre alt, sind die jüngsten Überlebenden beim Gedenken zum 65. Jahrestag der Befreiung. Begleitet werden sie in diesem Jahr von vielen Angehörigen. Und so kommt es, dass sich unter die alten Männer und Frauen im Sonntagsstaat wie selbstverständlich kleine Mädchen mit rosa Rucksack, Teenager in frechem Outfit und Kleinkinder im Buggy mischen. Auch die jungen Leute von der Internationalen Jugendbegegnung und eine jüdisch-arabische Pfadfindergruppe sorgen für frischen Wind beim etwas steifen Gedenkakt.

Manche Gäste sind nach Flossenbürg gekommen, weil ihr Vater, ihre Oma, ihr Onkel nicht zu den Überlebenden zählten, die am 23. April 1945 von ihrem Los als Arbeitssklaven der SS erlöst wurden. Und so hat sich Familie Focherini am vergangenen Freitag mit einem Fiat-Kleinbus von der italienischen Poebene in die Oberpfalz aufgemacht, um Odoardo zu gedenken, ihres Vaters, Opas und Onkels.

Den Faschisten ein Dorn im Auge

Odoardo Focherini leitete im Frühjahr 1944 die Zeitung „L‘Avvenire d‘Italia“, die einzige noch verbliebene katholische Zeitung und den herrschenden Faschisten ein Dorn im Auge. Außerdem versorgte er zusammen mit Pfarrer Dante Sala Juden mit gefälschten Ausweisen und versteckte sie bis zu ihrer Ausreise in die Schweiz. Rund 100 Italiener jüdischen Glaubens bewahrte Focherini so vor der Deportation. Als er die Flucht des letzten Juden einfädelte, wurde er verraten. Signor Donati habe der Mann geheißen, den sein Vater vor dem KZ bewahren wollte, erinnert sich Rodolfo Focherini.

Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der deutschen Juden, spürt in ihrer Rede beim Gedenkakt den Motiven derjenigen nach, die eine Tragödie wie die von Odoardo Focherini möglich machen: „Warum haben damals so viele weggeschaut, als jüdische Menschen geächtet, ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden? Warum galten plötzlich Werte wie Menschlichkeit und Nächstenliebe nicht mehr?“ Knobloch hat keine einfache Antwort parat, weist aber auf die „gesellschaftlichen Vorstufen“ von Verfolgung und Mord hin: „Sich abwenden, wenn Menschen in Bedrängnis geraten, geflissentlich weghören, wenn Vorurteile verbreitet werden“.

Wie Charlotte Knobloch sieht auch Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, den Fremdenhass, die alte europäische Krankheit, noch lange nicht am Ende: Allein in Ungarn hätten Rechtsradikale in den letzten beiden Jahren elf Sinti und Roma ermordet, unter ihnen ein fünfjähriges Mädchen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann glaubt, dagegen ein Mittel gefunden zu haben: Er will die NPD verbieten lassen. Deren „demokratiefeindliche und menschenverachtende Vorstellungen“ seien eine „erhebliche Gefahrenquelle“, sagt Herrmann.

Odoardo Focherini war an jenem 11. März 1944, als er festgenommen wurde, dem ideologisch motivierten Hass der Nazis und Faschisten völlig schutzlos ausgesetzt. Drei Monate saß Focherini im Gefängnis von Bologna, dann wurde er nach Fossoli verlegt, einem der beiden KZ auf italienischem Boden.

Der „Meister aus Deutschland“

Dort warteten schon die Männer in schwarzen Uniformen und dem Totenkopf auf der Mütze auf ihn. Die SS hatte ihre Finger ins abtrünnige Italien ausgestreckt. Focherini und 500 andere Italiener wurden ohne Wasser und Lebensmittel in Güterzugwaggons gepfercht und auf die zweitätige Reise in den Norden geschickt – wo schon der Tod, der „Meister aus Deutschland“ auf sie lauerte.

In nur wenigen Monaten schindeten die SS-Männer den Mann zu Tode, der aus schierer Menschlichkeit andere Menschen vor diesem Schicksal bewahren wollte. „Er ist eine sehr starke Figur in unserer Familie“, sagt Alessandra, seine Enkelin. So stark, dass sie zunächst nach Worten suchen muss und sich mit der Cousine bespricht, wenn man sie fragt, was man von seinem Opa fürs Leben mitnimmt, wenn dieser Opa ein Held war. „Hilfe für alle Leute, unabhängig von Rasse und Religion“, sagt Alesandra Focherini, „und alle Menschen sind gleich“. Rodolfo Focherini, der sich an seinen Vater nur schwach erinnern kann, sagt Ähnliches: „Die Liebe zu seiner Familie, aber auch zu anderen“, übersetzt Tochter Alessandra die Werte ihres Vorfahrs.

Im vergangenen Jahr wollten die Focherinis den Stollen in der Nähe von Hersbruck sehen, in dem Odoardo Focherini vor über 65 Jahren unter bestialischen Bedingungen sein Leben lassen musste. Die Hersbrucker, vor allem die älteren, kennen die Stollen, in denen KZ-Häftlinge für die Rüstungsindustrie arbeiten sollten. Die Familie aus Italien fragte bei einem älteren Ehepaar nach dem Weg. „Sie waren sehr reserviert“, erinnert sich Alessandra Focherini. „Da gibt’s nichts mehr zu sehen“, habe die Auskunft gelautet.

Im Herzen der Focherinis, der fünf noch lebenden Kinder, der 15 Enkel und 21 Urenkel lebt der alte Odoardo noch. Und nicht nur hier: Im Vatikan läuft das Verfahren für die Seligsprechung des Christen. Und der Staat Israel hat in der Gedenkstätte Yad Vashem einen Baum gepflanzt, wie es nur einem „Gerechten der Völker“ zusteht.

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