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Wissenschaft

Die Wetterfrösche ziehen ab

Die Beobachter verlassen ihren Arbeitsplatz auf der Zugspitze. Norbert Stadler hatte seit 1978 den Schreibtisch ganz oben.
Von Sabine Dobel, dpa

Auf dem höchsten Arbeitsplatz Deutschlands: Norbert Stadler auf dem Dach der Wetterwarte auf der Zugspitze Fotos: Angelika Warmuth/dpa
Auf dem höchsten Arbeitsplatz Deutschlands: Norbert Stadler auf dem Dach der Wetterwarte auf der Zugspitze Fotos: Angelika Warmuth/dpa

Garmisch-Partenkirchen. Norbert Stadler hat Urlaub genommen. Er will nicht dabei sein, wenn die Arbeit am 1. Juni eingestellt wird. Nach fast 120 Jahren zieht der Deutsche Wetterdienst (DWD) seine Beobachter von Deutschlands höchstem Berg ab. Der Abbau berührt Stadler. Dabei ist die Station nach gewöhnlichen Kriterien nicht gerade ein Traumarbeitsplatz: 16 Quadratmeter groß ist das Domizil mit Kochplatte und Klappbett in dem hölzernen Turm, der den 2962 Meter hohen Zugspitzgipfel noch um zwei Meter überragt.

Die Zugspitze ist nicht nur Deutschlands höchster Arbeitsplatz, sondern auch der kälteste, von Kühlhäusern mal abgesehen. Die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 4,8 Grad – „ein Klima wie in Südgrönland“, sagt Stadler. Der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen wurde am 14. Februar 1940 gemessen: minus 35,6 Grad Celsius.

Geräte ersetzen Menschen

Im Winter müssen die Beobachter nachts aufstehen: Schnee räumen. „Sonst kommt man in der Früh aus dem Loch nimmer raus“, sagt Stadler. Am schlimmsten seien Gewitter. „Es kracht und scheppert rundum. Wenn es in den Turm einschlägt, ist das schon beängstigend.“ Trotz guter Blitzableiter.

„Es kracht und scheppert rundum. Wenn es in den Turm einschlägt, ist das schon beängstigend.“

Norbert Stadler

Meteorologen erstellen die Wetterprognose, Wetterbeobachter tragen Daten zusammen: Wie viel hat es geregnet, wie viel geschneit, wie liegen Luftdruck, Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windrichtung und -geschwindigkeit, wie lange scheint die Sonne, und wie sehen die Wolken aus? Alle halbe Stunde nahmen Stadler und seine Kollegen bisher die Wetterlage in Augenschein. Die Ergebnisse dieser „Augenbeobachtung“ gaben sie an die DWD-Zentrale nach Offenbach.

Schritt für Schritt haben Geräte bereits eine Reihe von Aufgaben der Wetterbeobachter übernommen. Thermometer und Luftdruckmesser leiten ihre Werte längst digital weiter; die Sonnenscheindauer wird digital erfasst. „Wir automatisieren; das geht Monat für Monat weiter“, sagt DWD-Sprecher Uwe Kirsche. Der Mensch sei nicht ganz ersetzbar. Aber oft gelte: „Die Technik kann viel mehr und schneller Daten erheben.“ Bis zum Jahr 2021 sollen alle 182 sogenannten hauptamtlichen Wetterstationen automatisiert laufen. 155 Wetterstationen sind es schon, darunter die nächsthöhere auf dem Feldberg im Schwarzwald, die mit 1486 Metern auf halber Zugspitz-Höhe liegt. Vor der Automatisierung stehen außerdem die Stationen an Fichtelberg (1215 Meter) und am Brocken (1141 Meter), sie sind 2019 und 2020 dran.

„Was bei mir am meisten negative Gefühle aufkommen lässt: Dass ich einen Beruf erlernt habe, der zu meiner aktiven Dienstzeit abgeschafft worden ist.“

Robert Schardt

Wetterbeobachter ist ein aussterbender Beruf. Nachwuchs wird nicht mehr ausgebildet. „Was bei mir am meisten negative Gefühle aufkommen lässt: Dass ich einen Beruf erlernt habe, der zu meiner aktiven Dienstzeit abgeschafft worden ist“, sagt der Leiter der Wetterwarte, Robert Schardt. „Dass wir hier die Arbeit reduzieren, ist nicht schön. Aber wir bleiben ja auf der Station und können die Arbeit weiterführen, mit einem anderen Aufgabenspektrum.“

Norbert Stadler und einige Kollegen werden weiter täglich auf den Berg fahren. „Wir schauen, ob die Geräte laufen. Ohne Betreuung geht das nicht“, sagt Stadler. Schneehöhen etwa können Sensoren wegen Verwehungen bisher nicht zuverlässig bestimmen. Und im Winter muss geschippt werden. Sonst würde die Station im Schnee versinken. Dass es oben am Berg nicht so funktioniert wie im Tal – „das haben sie halt nicht bedacht“, sagt der Wetterbeobachter.

„Da wackelt die Bude“

Manche Kollegen sorgen sich, dass die Arbeit an der Zugspitze irgendwann gar nicht mehr fortgeführt werden könnte, wie am Wendelstein. Im Herbst 2012 war dort nach 130 Jahren Schluss, aus Kostengründen. Die mit 1832 Metern zweithöchste Wetterstation Deutschlands war marode, eine Sanierung zu teuer. „Das kommt extrem selten vor, dass wir Beobachtungen nicht fortführen“, sagt DWD-Sprecher Kirsch. Gerade an der Zugspitze, wo auf dem Schneefernerhaus Forschungsprogramme laufen, werde es weitergehen.

Manchmal fegen Orkanböen über die Station. Dann ist an Schlaf nicht zu denken. „Da wackelt die Bude ganz schön. Es fühlt sich an wie ein Erdbeben“, sagt Stadler. Der stärkste Sturm tobte am 12. Juni 1985: 335 Stundenkilometer, der Deutschlandrekord. Wenn wegen Sturms die Bahn nicht fahren kann, müssen die Beobachter länger auf Ablöse warten. Im Vergleich zu den Anfangszeiten der Wetterwarte haben die Mitarbeiter es dennoch komfortabel. Damals gab es keine Bahn. Die Kollegen hätten allein den Winter über ausgeharrt, nur mit einem schlecht funktionierenden Telefon. Nach 118 Jahren wird ein Kollege nun am 1. Juni die allerletzte „Augenbeobachtung“ vornehmen. Stadler: „Der Jüngste sperrt zu. Die Arbeit macht dann der Kollege Computer.“ Jedenfalls weitgehend.

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