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MZ-Serie

Dieser Mann schweigt wie ein Grab

Georg Schwager hat tausende Beichten abgenommen. Auch wenn es heute per App geht, hält er in unserer Glaubensserie seinen Stuhl für unersetzlich.
von Pascal Durain, MZ

  • Beichtvater Georg Schwager verbringt täglich Zeit im Beichtstuhl der Niedermünsterkirche. Foto: Schönberger
  • Das Schild zeigt, wer hinter dem Vorhang sitzt. Foto: Schönberger
  • Die Pönitenten, also die Büßer, sehen den Domvikar durchs Trennfenster. Foto: Schönberger

Regensburg.Zwischen der kleinen Galluskapelle und dem Ort, an dem Georg Schwager Büßer von ihrer Last befreit, liegen nur wenige hundert Meter. In der Kapelle in der Regensburger Altstadt kümmert sich der 50-Jährige um die Selig- und Heiligsprechungen im Ordinariat, in der Niedermünsterkirche hinter dem Dom verschwindet er täglich hinter einem purpurfarbenem Vorhang. Der kleine Mann mit schwarzem Mantel und Hut über dem grauen Haarkranz pendelt diese Strecke schon seit mehr als 15 Jahren.

Er durchschreitet die Eingangspforte, taucht die Fingerspitzen ins Weihwasserbecken, kniet nieder und bekreuzigt sich. Tausende Male hat er das getan, er sieht dabei so routiniert wie ehrfürchtig aus. Erst dann schließt der Hochwürdige Herr Domvikar die mittlere Tür des Beichtstuhls auf, greift zur lilafarbenen Stola und küsst sie, bevor er sich diese umhängt und Platz nimmt. Er schaltet das Deckenlicht ein, klemmt sein laminiertes Namenskärtchen zwischen Fenster und Vorhänge. Schwager nimmt eine Bibel zur Hand – und oben, über der Eingangstür, leuchtet eine kleine, rote Lampe auf. Der Beichtstuhl ist besetzt.

Die Bühnen der Priester

Wer sich von seinen Sünden befreien will, kann jetzt kommen. Dazu muss man nur die linke oder die rechte Tür öffnen, niederknien und ehrlich Reue zeigen. Was hinter den dunklen Milchglasscheiben gesprochen wird, dringt nicht nach außen.

Täglich kommt Schwager in dieses uralte Gebäude mit seinem gotischen Baldachin aus dem 19. Jahrhundert und nimmt auf der Bank des Beichtstuhls Sündenbekenntnisse entgegen. Das Innere des Beichtstuhls wirkt dagegen schlicht bis karg. Schwager lehnt gegen eine Stoffmatte, neben seinen Füßen, unterhalb der vergitterten Öffnung in der Trennwand, wurde eine Heizung eingebaut, die kaum größer als ein Schuhkarton ist.

Die Kniebank der Pönitenten, der reuigen Sünder, ist durchgebogen, die Türknaufe sind abgegriffen und die Türen verkratzt. Aber wie ein Beichtstuhl aussieht, ist ohnehin nur Nebensache. Für den Domvikar ist es neben dem Altar die wichtigste Wirkungsstätte eines Priesters, wie er sagt. Er habe bei seinem Wechsel nach Regensburg gar auf einen Beichtstuhl bestanden. Dass er dann den seines Beichtvaters, Monsignore Höllerzeder, übernehmen konnte, hat ihn besonders gefreut. Ein vertrauter Beichtstuhl.

Georg Schwager kennt beide Seiten dieses Ortes. Und er sagt, er müsse sie auch kennen– wie könne er sonst nachvollziehen, wie es den Menschen hinter der Trennscheibe geht. „Man kann kein guter Beichtvater sein, wenn man nicht selbst regelmäßig beichtet.“ Schon deshalb geht er gern zur Beichte. Die ist für ihn, so wie für die meisten Katholiken eigentlich, ein Sakrament, etwas, dass nur zwischen einem gläubigen Menschen, einem Priester und Gott geschehen kann. „Durch das Bußsakrament heiligen wir die Leute. Das Sakrament erneuert den Menschen innerlich.“ Schwager hält daher nichts von Internetseiten wie beichthaus.com oder beichte.de, auf denen Menschen anonym über ihre Verfehlungen berichten und bei einer Community um Absolution bitten können. Auch wenn die Oberen der katholische Kirche in Amerika eine Beicht-App zugelassen haben, sagt Schwager: „Das geht so nicht, das ist eigentlich ein Unding.“

Während Schwager im Beichtstuhl pausenlos Sorgen und Nöte der Menschen hört, wirkt er nicht verbittert. Und er nimmt das Gehörte nicht mit nach Hause. Aus gutem Grund: „Ein Priester muss schweigen wie ein Grab.“ Er dürfe gar nicht darüber sinnieren. Der Pönitent vertraue sich nur Gott an. Und letztlich sei das, was im Beichtstuhl geschehe, ein Gespräch mit Gott und nicht mit einem Menschen. In dem sich der Pönitent zu Gott hinwende, zeige er im Grunde Reue. Wer die Gnade Gottes empfangen will, müsse seine Sünde erkennen und sie offen aussprechen. Erst dann könne man um Vergebung bitten.

Die Beichte sei eine Möglichkeit, sich wieder mit Gott versöhnen zu lassen. Das sei auch der Unterschied zu einem Psychiater, der könne keine Absolution erteilen. Umgekehrt könne ein Beichtvater aber natürlich auch keinen Psychiater ersetzen, sagt Schwager. Das sei nicht die Aufgabe des Mannes hinter der Trennscheibe.

Inzwischen knien immer weniger Menschen im Beichtstuhl nieder. Obwohl Schwager an einen weltweiten Boom des Bußsakraments glaubt, sei in Deutschland davon aber nicht zu sprechen. Und er wäre kein guter Beichtvater, wenn er das natürlich nicht bedauert. Er glaubt aber nicht, dass die Menschen heute weniger dazu bereit seien. Jedem sei ein Gewissen eingepflanzt, und im Bösen könne niemand glücklich werden.

Schwager ist 50 Jahre alt. Seine erste Heilige Messe, die Primiz, feierte er mit 26 Jahren. Der gebürtige Niederbayer weiß also, wie sich die Beichten im Laufe der Jahre verändert haben. Aber er schweigt. Wie ein Grab. „Nein, dazu gebe ich keine Stellungnahme ab. Nein!“ Alles, was hinter der zugezogenen Beichtstuhltür passiert, bleibt auf ewig sein Geheimnis.

Ganz im Sinne des Hl. Nepomuks

Der Heilige Nepomuk habe es vorgemacht, Schwager folgt dieser Tradition. Johannes Nepomuk war im 14. Jahrhundert ein Priester aus Pilsen, der auch unter der Folter von König Wenzel IV. das Beichtgeheimnis nicht preisgeben wollte. Wenzel verdächtigte seine Frau, die sich Nepomuk im Beichtstuhl anvertraute, der Untreue. Nepomuk ließ sich aber lieber von der Prager Karlsbrücke ins Wasser stürzen, als ihre Beichte zu offenbaren. Jahrhunderte später wurde er heilig gesprochen, und heute noch als Martyrer verehrt.

So wie von Georg Schwager, der auch sein Beichtgeheimnis nicht brechen würde, sollte ein Mörder hinter der Trennwand sitzen. Vermutlich würde er dem Pönitenten nahe legen, zur Polizei zu gehen. Schließlich sei es eine Hauptaufgabe der Beichtväter, Menschen zum Erkennen ihrer Sünden zu führen.

Die Zeit, in der wir leben, der Stress und Hektik der Gesellschaft, verführte Menschen leichter zur Sünde, glaubt der Beichtvater der Niedermünsterkirche. Früher lebte man ja eher in einem begrenzteren Umfeld. Aber eigentlich spielt das keine Rolle: „Die Verführung zum Bösen ist immer da.“ Und er freue sich über jeden Beichtenden.

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