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Bayern
Freitag, 23. Februar 2018 2

Glaube

Dieser Pfarrer rockt die Kirche

Rainer M. Schießler ist der Hirte vom Münchner Glockenbach-Viertel. Er segnet Schwule, predigt Freude – und hat volles Haus.
Von Marianne Sperb

  • Rainer M. Schießler sagt: „Die größte Sünde ist das ungelebte Leben.“ Der katholische Kult-Pfarrer von München hat die Kirche am Sonntag voll. Foto: Sperb
  • Der Pfarrer als freiwilliger Helfer bei der Fußball-WM 2006, hier mit zwei weiteren Volunteers Foto: Frank Leonhardt dpa

München.Rainer M. Schießler schnauft flott die Treppe im Pfarrheim St. Maximilian hoch. Hochwürden hätte man sich definitiv anders vorgestellt. Der breit gebaute Mann trägt keinen Priesterkragen, kein Kreuz, dafür ein graues Kapuzen-Sweatshirt und Wollmütze. Er könnte Rapper sein, oder einer der Bedürftigen, die am U-Bahnhof rumstehen. Schießler pfeift auf Kleiderordnung und Konventionen. Auch deshalb ist er Bayerns bekanntester und vielleicht auch beliebtester Geistlicher. Im Pfarrbüro nimmt er sich Zeit für ein Kennenlernen.

Schießler ist Kult. Er rollt schon mal im Messgewand auf Inline-Skates durch das Mittelschiff und begleitet so die Kinder, die nach der jährlichen Fahrzeug-Segnung laut klingelnd aus dem Gotteshaus hinausradeln. An Weihnachten schenkt er Sekt aus, schließlich hat Jesus Geburtstag. An Fasching 2015 holte er die Narrhalla ins Haus. Die Garde tanzte durch die Patronatskirche der Faschingsgesellschaft. „Warum soll in einer Kirche auch nicht getanzt werden? Hallo?“ An Fasching, sagt Schießler, werde gefeiert, dass Gott uns befreit und erlöst: „Ich habe den Tod vor Augen und genieße das Leben: Genau dieses Gefühl setzen Faschingsgesellschaften um.“

Kellnern beim Oktoberfest

Der Pfarrer schlitzt während des Interviews Briefe auf. Er betreut zwei Kirchen, Sankt Max, wie er sie nennt, und Heilig-Geist. Man kann ihn 24 Stunden am Tag anrufen, er predigt, tauft, verheiratet und beerdigt, er ist Finanzchef und Facility-Manager. Zeit ist also knapp, und der Briefstapel hoch. Schießler bekommt viel Post. Aus einem Kuvert pult er beim Reden ein gefaltetes Glücksschwein. „Gott will, dass wir glücklich sind“, sagt er beim Zusammenstecken des Papier-Schweindls. „Er will, dass es mir gut geht – und nicht nur mir, sondern allen Geschöpfen.“ Einer seiner Kernsätze: „Gott ist ein Liebhaber des Lebens.“

Wir werden keinen Menschen hier wegschicken, ganz gleich, wie er ausschaut, wo er herkommt oder welche sexuelle Orientierung er hat.“

Rainer M. SchiesslerPfarrer im Glockenbach-Viertel

Der 57-Jährige liebt das Adrenalin und den Wind, den er spürt, wenn er auf seiner BMW 1200 GS über Land rollt. Als Kaplan in Rosenheim spielte er Eishockey, in Giesing jubelt er den Löwen zu. „Die größte Sünde ist die Sünde des ungelebten Lebens“, heißt noch so ein Kernsatz. Als Priesterseminarist in München fuhr Schießler nachts Taxi, brachte Gäste zum Flughafen, zur Oper, ins Bordell, und besuchte die Schule des Lebens. Für zehn Oktoberfeste nahm er Urlaub, um zu kellnern und den Verdienst zu spenden. Zuletzt gab er seinen Schottenhamel-Lohn an das Syrien-Projekt von Kabarettist Christian Springer. Beim Masskrug-Schleppen suchte der Pfarrer den Kontakt zur Basis. Den Menschen nachlaufen – das treibt ihn an.

Zölibat, Schwule, Kirchensteuer: Das sagt Pfarrer Schießler im Video.

Video: Sperb

Ein dritter Kernsatz ist: „Wir haben die Menschen anzunehmen.“ Lesben und Schwule, die einen Bund fürs Leben schließen wollen, bekommen in Sankt Max, was sie sonst kaum finden: kirchlichen Segen. Schießler eckt an. Kritikern hält er entgegen: „Wir reden hier über Geschöpfe Gottes. Gott hat sie so geschaffen.“ Schießler schneidet mit dem Brieföffner energisch die Luft, als er sagt: „Wir werden keinen Menschen hier wegschicken, ganz gleich, wie er ausschaut, wo er herkommt oder welche sexuelle Orientierung er hat.“ Er betrachte Menschen danach, wie gut oder fair sie mit anderen umgehen, „nicht danach, ob sie Sex mit einem Mann oder einer Frau haben“.

Lesen Sie auch den Kommentar von Marianne Sperb: hier.

Kommentar

Der Pfarrer der Zukunft

Der Kirche bröckelt die Basis weg. 2014 verlor die katholische Herde in Deutschland 217 716 ihrer Schafe. Eine Stadt von der Größe Augsburgs, gemessen...

Die Botschaft zieht, bei Jung und Alt, bei Fußballern – Philipp und Claudia Lahm ließen sich von Schießler trauen –und bei Adligen. Bea und Fritz von Thurn und Taxis sind zwei der 400 Gläubigen, die an diesem Sonntag zum Gottesdienst kommen. Dreijährige sitzen auf den Stufen hinter dem Altar, die neunjährige Gloria steht vorn, mit Kerze. Das Mädchen, das inzwischen in NRW wohnt, empfängt die Taufe. „Sie wollte das unbedingt hier machen“, erzählt die Mutter später. „Weil sie von der Pfarrei hier begeistert ist.“

Der Münchner Pfarrer dirigiert eine Blaskapelle auf dem Gäubodenvolksfest: „Gott ist ein Liebhaber des Lebens“, sagt er. Foto: Armin Weigel/dpa

Der Priester greift beim Gottesdienst einen Gedanken aus dem Gespräch vom Vortag auf: Alle sind Teil der Schöpfung. „Ja, denkts ihr, ich bin mehr?“, fragt er die Gemeinde. „Denkts ihr, an der Himmelstür sagt Gott: Die Profis dürfen zuerst rein?“ Die Gläubigen lachen, später klatschen sie an einigen Stellen. „Liturgie darf nicht weh tun“, wieder ein Leitsatz des Pfarrers, das heißt: kein Langweiler sein, Kirche von unten vermitteln, auf Augenhöhe bleiben.

Rainer Maria Schießler 2016 in Straubing: Für seine Verdienste um den Dialekt wurde er mit der „Bairischen Sprachwurzel“ ausgezeichnet. Foto: Armin Weigel/dpa

Während andere Kirchen leer bleiben, ist hier das Haus voll. Warum wird das Erfolgsmarketing nicht öfter praktiziert? „Was soll ich sagen? Ich kann nur mutmaßen“, sinniert Schießler. „Gottesdienst ist meiner Meinung nach die perfekte Talkshow. Aber viele haben Angst vor Talkshows, davor, Gefühle zu zeigen, offen zu reden.“

Protz verdirbt die Statistik

St. Maximilian ist mit 40 bis 60 Eintritten pro Jahr die erfolgreichste Pfarrei bundesweit. „Das sind Wellen“, federt Schießler die Zahlen ab. „Man spürt, wenn in Rom einer was Dummes sagt“, wenn Missbrauch bekannt werde, oder Protz. Als die Erzdiözese München vor einigen Jahren für rund zehn Millionen Euro in Rom ein Gästehaus für Pilger kaufte und sanierte, bekam die Statistik eine Delle. Schießlers Pfarrei dagegen sparte 20 Jahre lang, um sich die 60 000 Euro für die Renovierung des Glockengeläuts leisten zu können. „Ich bin nicht gegen eine reiche Kirche“, sagt der Pfarrer, „sondern gegen eine Kirche, die mit ihrem Reichtum nicht gezielt umgeht.“

Auf allen Kanälen

  • Der Prominente:

    Rainer M. Schießler ist bekannt wie ein bunter Hund. Er hatte eine TV-Talkshow, schrieb Kolumnen und wurde mit der „Bairischen Sprachwurzel“ und dem „Bierorden“ ausgezeichnet.

  • Der Autor:

    2016 veröffentlichte Rainer M. Schießler „Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten“. Das Buch (Kösel-Verlag, 255 Seiten, 19,99 Euro) wurde zum Bestseller. Der Pfarrer spricht Klartext; er fordert „Mut zur Veränderung“.

Jeder Mensch möchte ernst genommen werden in seiner Suche nach Spiritualität. „Diese Sehnsucht kann man gar nicht ausmerzen“, sagt der Pfarrer. Seelsorger müssten diese Suche begleiten. „Und nicht gleich wieder sagen: Das ist richtig, das ist falsch.“

Nach einer Stunde Gespräch im Pfarrbüro verabschiedet sich Rainer M. Schießler in seiner Arbeitskluft, schnappt sich seine Mütze, schließt die Tür ab und saust los. Handwerksarbeiten stehen an. „An einer Kirch’“, sagt er, „gibt’s ja immer was zu reparieren.“

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