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Seenotrettung

Dramatische Szenen an Bord der Sea Eye

Beim Oster-Einsatz kam das Regensburger Rettungsschiff selbst in eine missliche Lage – konnte aber 1309 Menschen helfen.
Von Wolfgang Ziegler, MZ

Der ehemalige Fischkutter Sea Eye ist für acht Personen ausgelegt. Am Wochenende waren neben der Besatzung 202 Flüchtlinge an Bord. Fotos: sea-eye.org
Der ehemalige Fischkutter Sea Eye ist für acht Personen ausgelegt. Am Wochenende waren neben der Besatzung 202 Flüchtlinge an Bord. Fotos: sea-eye.org

Rom.Auf dem Mittelmeer spielen sich Szenen ab, die private Hilfsorganisationen in dieser Form bislang nur selten erlebt haben. Michael Buschheuer (40), Gründer des Regensburger Sea-Eye e. V., sind die Strapazen des Osterwochenendes noch ins Gesicht geschrieben – und er war noch nicht einmal vor Ort, sondern verfolgte die Geschehnisse per Satelliten-Telefon. Insgesamt 1309 Menschen half das Schiff seiner Organisation seit Karsamstag, ehe es nur noch bedingt manövrierfähig war. Grund dafür waren 202 Flüchtlinge, die die Crew zuletzt an Bord des eigentlich nur für acht Personen ausgelegten ehemaligen Fischkutters genommen hatte, um sie vor dem sicheren Tod zu retten.

Wo sind die Frontex-Schiffe?

Trotz aller Bemühungen kamen allerdings nicht alle Migranten durch. Etwa zehn Menschen, darunter eine hochschwangere Frau, schafften es nicht. „Sie sind vor den Augen unserer Helfer ertrunken“, sagt Buschheuer am Dienstag im Interview mit unserem Medienhaus, berichtet aber auch von anderen Todesursachen. Nach den Worten des privaten Seenotretters, der in Regensburg ein Unternehmen für Bau- und Korrosionsschutz betreibt, bekämen die Flüchtlinge vor der Abfahrt von den Schleusern oftmals ein Benzin-Wasser-Gemisch zu trinken, das wie ein Betäubungsmittel wirke, und an dem nicht wenige Menschen sterben würden. Andere, zumeist Frauen und Kinder, würden außerdem in der Mitte der Schiffe zusammengepfercht, wo ausgelaufenes Benzin giftige Dämpfe freisetze und zudem zu tödlichen Verätzungen führe.

Hier gibt es ein Interview mit Michael Buschheuer im Video:

Interview mit Michael Buschheuer

Insgesamt, glaubt Buschheuer, könnten viel mehr Flüchtlinge gerettet werden, wenn die europäische Grenzschutzorganisation Frontex nicht nur die Küsten der EU bewachen, sondern in verstärktem Maße helfen würde. Der Unternehmer belegt dies mit Zahlen: „An diesem Wochenende gerieten – ohne Dunkelziffer – 8500 Menschen in Seenot. Nur 1400 davon wurden von Frontex-Schiffen gerettet, der Rest von privaten Initiativen.“

Hohe Dunkelziffer

Den Anstieg der Mortalitätsrate bei den Flüchtlingen sieht Buschheuer in diesem Zusammenhang. Die habe im vergangenen Jahr bei 1:26 gelegen, jeder 26. Migrant überlebe also die Flucht übers Mittelmeer nicht. „Berücksichtigt man die Tatsache, dass viele Seenotfälle gar nicht bekannt werden, liegt diese Zahl noch viel höher“, sagte er. Allein am Osterwochenende seien zwischen Libyen und Italien 73 Seenotfälle registriert worden, von denen nur die Hälfte gemeldet, die andere Hälfte von Patrouillen aber eher zufällig entdeckt worden waren. Schon daran lasse sich die Dunkelziffer abschätzen.

Die Sea Eye war am Dienstag nach der Übergabe ihrer Passagiere an die italienische Küstenwache unterdessen auf dem Weg nach Malta, wo unter anderem der Wechsel der Crew anstand, die immer nur zwei Wochen an Bord bleibt. Außerdem werden dort die 1000 Rettungswesten gewaschen, wird das Schiff desinfiziert, und alles für den nächsten Einsatz vorbereitet. Danach wird die Sea Eye schnellstmöglich wieder in die Krisenregion auslaufen – zum Menschenfischen.

Der Sea-Eye e. V.

  • Der Verein

    wurde im Herbst 2015 von einer kleinen Gruppe um den Regensburger Unternehmen Michael Buschheuer gegründet.

  • Im April 2016

    nahm das Schiff „Sea Eye“ seine Beobachtungs- und Rettungsmission auf.

  • Im vergangenen Jahr

    rettete die Sea Eye im Seegebiet vor der Küste Libyens 5568 Menschen.

  • Der Sea-Eye- e. V.

    arbeitet ausschließlich spendenfinanziert. Die IBAN-Nummer lautet : DE60 7509 0000 0000 0798 98.

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