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Silvester

Ein besonderer Kaminkehrer

Fröhlich blitzende Augen und ein offenes Lächeln: Wenn Hans Ritt an einer Haustür klingelt, fliegen ihm die Herzen zu.
Von Melanie Bäumel-Schachtner

Hans Ritt ist seit 40 Jahren Kaminkehrer und als solcher ein echter Glücksbringer. Foto: Bäumel-Schachtner
Hans Ritt ist seit 40 Jahren Kaminkehrer und als solcher ein echter Glücksbringer. Foto: Bäumel-Schachtner

Straubing.Hans Ritt ist ein Original, das es so schnell kein zweites Mal gibt. Kämpft er für Umweltthemen, ist er in seinem Element, mit ausladender Gestik, leidenschaftlicher Redeführung und dem obligatorischen Schnupftabak stets griffbereit. Fünf Jahre saß er zuletzt für die CSU im Landtag, bis er bei den diesjährigen Landtagswahlen am schlechten CSU-Ergebnis scheiterte und nicht wie bei der letzten Periode über die Liste einziehen konnte – trotz starken Zweitstimmenergebnisses. Der Glücksbringer bedauert aber nun nicht sein eigenes Pech, sondern führt munter sein Unternehmen weiter: „Ich habe den schönsten Beruf der Welt.“

Im Landtag war er ein Einzelstück: „Vor mir hat’s da noch keinen Kaminkehrermeister gegeben, überhaupt war ich nur einer von drei Handwerksmeistern auf den Abgeordnetenbänken“, erklärt der 56-Jährige, der stets mit dem Spruch „Handwerker statt Mundwerker“ geworben hat. Es wird wohl keinen Parteikollegen geben, dem er keinen kleinen Glücksbringer in die Hand gedrückt hat. Davon hat er vor einigen Jahren 10 000 Stück erworben und bringt sie nun mit guten Wünschen unters Volk – nicht nur zu Silvester. Auf jedes Glückwunschschreiben, das sein Straubinger Abgeordnetenbüro verlassen hatte, wurde die kleine Kaminkehrerfigur liebevoll aufgeklebt. „Ich muss bald nachbestellen“, schmunzelt er.

Für die CSU im Landtag

Dass er Kaminkehrer werden will, war Hans Ritt als Bub schon sonnenklar. Auch der Vater hatte diesen Beruf, und der kleine Hans war früh am Wochenende mit ihm unterwegs zu Kunden. Es gab auch ein echtes Schlüsselerlebnis: „In der Schule von Kirchroth war ein Heizkessel, bei dem die Schamottplatten ausgewechselt werden mussten. Keiner kaum hinein. Ich war mit meinen elf Jahren klein genug, bin hineingeschlüpft und habe die Arbeit erledigt. Das hat mich so stolz gemacht“, blickt er zurück.

Hans Ritt fällt aber nicht nur au, weil er Landtagsabgeordneter war und sich als solcher besonders für Themen wie Feinstaub und umweltfreundliche Mobilität eingesetzt hat, immer noch seine Leidenschaft. Sondern auch, weil er einer der wenigen Kaminkehrer ist, der mit Zylinder arbeitet. „Außer bei 35 Grad im Hochsommer“, schränkt er lachend ein. Die Bedeutung dieser Kopfbedeckung kann der alte Handwerker-Hase erklären: „Früher waren die Kaminkehrer mit dem Fahrrad oder später mit dem Moped zu Kunden unterwegs. Bei den Bauern gab es stets frische Eier mit auf den Weg. Wo sonst hätte man die transportieren sollen?“

Die gängigen Glücksbringer

  • Der Kaminkehrer:

    Dass der Schornsteinfeger ein Glücksbringer ist, kam von früher. War der Kamin verstopft, half der Handwerker. Nur dann konnte wieder gekocht werden. Zudem minimierte der Mann in Schwarz bei seinem Besuch die Brandgefahr.

  • Das Kleeblatt:

    Dieses Symbol geht auf christliche Wurzeln zurück. Eva soll bei der Vertreibung aus dem Paradies ein vierblättriges Kleeblatt genommen haben, um sich später daran erinnern zu können, wie schön es im Paradies gewesen war.

  • Der Marienkäfer:

    Er hat ebenfalls christlichen Ursprung. Seinen Namen erhielt er von der Jungfrau Maria. Die Legende besagt, dass sie ihn als Geschenk vom Himmel zur Erde sandte, denn Marienkäfer vernichten Läuse und schützen damit Pflanzen.

  • Das Hufeisen:

    Früher war Eisen ein sehr wertvoller, kostbarer und rarer Rohstoff. Einfache Bauern konnten daher ihre Pferde nicht damit beschlagen lassen. Wer ein verlorenes Eisen am Wegesrand fand, war glücklich und hing es oft im Stall auf.

Auch er selbst kann sich noch an die Zeit erinnern, als er als junger Handwerksbursche in einen Haushalt gekommen ist und seinen Zylinder umgedreht auf den Tisch gestellt hat. Während er den Ofen fegte, schichtete die Bäuerin ein paar Lagen Eier mit Zeitungspapier in den schwarzen Handwerkerhut.

Heute haben ihn die meisten Kaminkehrer abgelegt, nicht so aber Ritt. In den neunziger Jahren klingelte er gemeinsam mit einem Freund einen Bekannten morgens aus dem Bett, der seinen 70. Geburtstag feierte – in voller Montur, um ihm Glück zu bringen.

Er arbeitet stets mit Zylinder

Bei einem Weißwurstfrühstück verflog die Zeit, und der Straubinger fuhr somit kurzerhand mit seiner Uniform mitsamt Zylinder zu seinem anschließenden Kundentermin nach Elisabethszell im Bayerwald. Danach entschloss er sich noch zu einem Abstecher zum „Singenden Wirt“ im Dorf und erntete, als er das Restaurant betraf, donnernden Applaus von den Gästen. „Die haben gedacht, ich mache eine Einlage“, muss Hans Ritt heute noch lachen. „Aber da habe ich erst gemerkt, wie besonders unsere Berufskleidung ist. Seitdem arbeite ich nur noch mit Zylinder. Ich habe sechs Stück davon.“

Schwein gehabt: Dieser Ausspruch kommt aus dem Mittelalter. Schweine sollen noch heute Glück bringen. Foto: Bäumel-Schachtner
Schwein gehabt: Dieser Ausspruch kommt aus dem Mittelalter. Schweine sollen noch heute Glück bringen. Foto: Bäumel-Schachtner

Glücksbringer zu sein, macht ihm großen Spaß. „Die meisten Menschen freuen sich, wenn ich vor der Tür stehe“, freut er sich. Hat er selbst auch Glück im Leben? Der Handwerksmeister sieht es schon so: „Es ist vieles eine Sache der Einstellung. Für mich ist das Glas halb voll und nicht halb leer, ich denke positiv.“ Zu Neujahr sind er und seine Glücksbringer wieder besonders begehrt, und für den Neujahrsempfang der CSU Straubing ist Hans Ritt schon wieder fest gebucht. Dort wünscht er seit vielen Jahren prominenten Rednern wie Uli Hoeneß, Manfred Weber oder diesmal Theo Waigel alles Gute für das neue Jahr, ebenso wie den vielen Gästen aus nah und fern.

In den bayerischen Landtag hat er es als Glücksbringer aber nie geschafft. Gefragt worden ist er oft. Doch als umweltbewusster Politiker fuhr Hans Ritt stets mit der Bahn von Straubing in die Landeshauptstadt. „Es war zu unpraktisch“, erklärt er. Doch ohne Zylinder tritt er nicht auf. Der gehört zu Kaminkehrermeister Hans Ritt wie der Schnupftabak in der Westentasche und der Stadtturm zu Straubing.

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