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Bayern
Mittwoch, 25. April 2018 22° 3

Tradition

Ein Brauch seit Jahrhunderten

Im Advent und an Weihnachten konnten sich die Armen in den einfachen Hirten wiedererkennen – im Lied und im Spiel.
von Martin Weindl

Jedes Jahr zu Weihnachten führen Kinder ihre Krippenspiele auf. Die Tradition reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Foto: Uwe Zucchi dpa/lhe

Grendach.Weihnachten in der Zeit des Zweiten Weltkriegs: Kleine Völkerschaften aus nah und fern machen sich im tief verschneiten Rupertiwinkel zu einem ganz besonderen Krippenspiel auf. Im Eingang des großen Gutshauses von Grendach über dem Tachinger See stapeln sich schon die schneenassen Stiefel und Schuhe. In der großen Halle machen dutzende Kinder und Erwachsene große Augen: Vor dem knisternden Feuer im offenen Kamin legen Hirten und Engel Zeugnis von der Geburt Jesu Christi ab.

Das echte Kind in der Krippe wurde vorsorglich ruhiggestellt mit einem in Bier getauchten Stoffdietzel (der baierische Schnuller). Die ganz kleinen Hirten singen die einfache Weise „Bruder, ich geh auch mit Dir, nimm mein’ Dudelsack mit mir und mei’ Schalmei auch“.

Aufbruch nach Bethlehem

In Oberbayern ist dieses Lied vom Aufbruch der Hirten nach Bethlehem weit verbreitet. Schon der Münchner Volksliedsammler August Hartmann (1846-1917) nahm es in seine Sammlung „Volksthümliche Weihnachtlieder“ von 1884 auf. Er bringt Nachweise für Rosenheim, Holzkirchen, München-Giesing, Kochel und weist auch auf Aufzeichnungen in Franken und der Steiermark hin. Die Melodie wurde in Rosenheim von Hartmanns Mitarbeiter, dem Münchner Oberlehrer Hyacinth Abele (1823-1916) um 1880 aufgeschrieben.

Beide, Abele und Hartmann, werden heute als die wichtigsten Volksmusikforscher Oberbayerns angesehen. Hartmanns akribisch geführten Tagebücher – heute ein Schatz der Bayerischen Staatsbibliothek in München – sind noch unzureichend erschlossen, da sie in der altertümlichen Gabelsberger-Kurzschrift verfasst wurden.

August Hartmann wurde 1846 in eine evangelische Münchner Familie geboren, war aber schon seit Kindheit mit dem Landleben vertraut: Den Sommer verbrachte die Familie regelmäßig in Aschau im Chiemgau. In München und Bonn studierte er klassische, germanische und romanische Philologie und Jura und bestand 1870 die Staatsprüfung für Gymnasiallehrer. Schon während seines Studiums reiste Hartmann aufs Land und ließ sich Lieder vorsingen: im Chiemgau und Salzburg, aber auch in der Oberpfalz und Franken, wo es ihn als Lehrer hin verschlug. 252 Notizhefte entstanden so von 1863 bis 1908. Im Jahr 1874 ging er als Assistent an die damalige Königliche Hof- und Staatsbibliothek und veröffentlichte erste Studien zum „Weihnachtlied und Weihnacht- spiel in Oberbayern“. 1875 begann die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Schwaben Hyacinth Abele, der für die Melodieaufzeichnung der Lieder zuständig war.

Ein fatales Missgeschick

1880 erschienen die Forschungen zu den Volksschauspielen in Bayern und Österreich sowie „Das Oberammergauer Passionsspiel in seiner ältesten Gestalt“: Mit letzterer promovierte Hartmann 1883 zum Doktor. Während der erste Band seiner berühmten „Volkslieder. In Bayern, Tirol und Land Salzburg gesammelt“ 1884 erschien, geschah mit dem Manuskript des zweiten Bands 1903 ein fatales Missgeschick: Hartmann vergaß die Blätter in der Münchner Tram. Das Manuskript blieb verschollen und musste neu verfasst werden.

Die Stubenspiele für Arm und reich

  • Der Brauch: Für die Stubenspiele zogen die Spielgruppen von Haus zu Haus und sangen Weihnachtslieder auf den Dorfgassen. Dieses Brauchtum demonstrierte den Fortbestand der dörflichen Gemeinschaft. Deshalb war in Bayern auch der örtliche Dialekt so wichtig, in dem viele Lieder gesungen wurden.

  • Volkslied:

    Im beliebten geistlichen Volkslied „Es blühen die Maien“ – aufgezeichnet von Hartmann und Abele – tritt „auf unsrer Schäfersweid“, die im Winter erblüht ist, ein ganzes Hirtenorchester auf: „Es klinget und singet, Flauten blasen, Harpfen schlagen, und ich kann’s ja nit all’s dersagen, was sich zu hat trag’n“.

Retteten Hartmann und Abele das Krippenspiel des 19. Jahrhunderts vor dem Vergessen, so gehen die Ursprünge viel weiter zurück: Eine Vorform des noch heute üblichen Krippenspiels ist das mittelalterliche Kindlwiegen, auf das die „eia“- und „susani“-Rufe in manchen Advents- und Weihnachtsliedern zurückgehen. Bei Gottesdiensten zu Weihnachten war es üblich, dass der Priester beim „eia, eia“ im Lied eine Wiege schaukelte. Auch für Frauenklöster ist der Brauch vielfach überliefert. Mancherorts brachten die Kinder eigene kleine und mit Glöckchen versehene Wiegen mit in die Kirche, die gleichfalls geschaukelt wurden. Gesang und Handlung führten zu einer verstärkten Verinnerlichung.

Reform bringt das Krippenspiel

Mit den Krippen, die die Jesuiten im späten 16. Jahrhundert im Zuge der Katholischen Reform nach Deutschland brachten, kam das Krippenspiel. Hier wurden halbdramatisierte Hirtenlieder gesungen, von Herbergssuche und Geburt, Verkündigung und Anbetung der Hirten und der heiligen Dreikönige an der Krippe. Diese Lieder gelangten zu einer ungeheuren Popularität: die arme Bevölkerung konnte sich mit den armen Hirten und dem hilflosen Jesuskind identifizieren.

In ländlichen Gemeinschaften war zentraler Ort des Singens die Dorfgasse, auf der eine Spielgruppe von Haus zu Haus zog. Diese „Stubenspiele“ fanden in jedem Haus eines Dorfes statt und bildeten so ein gleichmachendes soziales Netzwerk, das arm und reich, Herr und Knecht einbezog. Solche Umzugsspiele begannen am 6. Dezember mit einer inszenierten Glaubenslehre: Nikolaus und Knecht Ruprecht lobten und straften.

Die Heilsgeschichte stand bei den weihnachtlichen Bräuchen im Mittelpunkt: Herbergssuche, Hirten, Heilige Drei Könige und das Sternsingen. Dabei kam es nicht auf die Qualität der Darbietung, schauspielerischen Leistung oder des Textvortrags an. Einzig entscheidend war, dass die Stubenspiele stattfanden. Der Auftritt als solcher demonstrierte nach innen und außen den Fortbestand der dörflichen Gemeinschaft.

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