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Tradition

Ein Jahr für die Passionsspiele

Mit einer Reise nach Jerusalem beginnt die Vorbereitung auf die Festspiele Oberammergau. Bis Mai 2020 wird noch viel geprobt.
Von Michaela Schabel

Beeindruckende Kulisse – zum vierten Mal inszeniert Christian Stückl die Oberammergauer Passionsspiele.  Foto: Christian Czech
Beeindruckende Kulisse – zum vierten Mal inszeniert Christian Stückl die Oberammergauer Passionsspiele. Foto: Christian Czech

Oberammergau.Aus der ganzen Welt reisen Gäste zu den Oberammergauer Passionsfestspielen an. Vom 16. Mai bis 4. Oktober 2020 werden sie zum 42. Mal aufgeführt. Schon Mitte Oktober 2018 erfolgte im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes die Rollenbekanntgabe und im Anschluss die Erneuerung des historischen Gelübdes, den Leidensweg Jesu als Dank für die Verschonung von der Pest während des Dreißigjährigen Krieges darzustellen.

Die offiziellen Proben beginnen Ende August mit einer einwöchigen Jerusalemreise der Hauptdarsteller und Musiksolisten. „Man hat einfach Zeit, sich mit Jesus auseinanderzusetzen. An den Originalschauplätzen kommt man Jesus näher“, erklärt Frederik Mayet, der schon dreimal mit dabei war und dieses Jahr zum zweiten Mal Jesus darstellt.

Keine Zeit mehr für andere Dinge

Ab November beginnen die Proben für die Hauptdarsteller im kleinen Theater, etwas später die Volksproben im Festspielhaus im Schichtbetrieb. Bis Mitte Mai wird intensiv geprobt. Die finalen sechs „Bühnentage“ sind bereits öffentlich für die Oberammergauer Bevölkerung und am 5. und 8. Mai nächsten Jahres erstmals als „Jugendspiele“ konzipiert mit einem Begleitprogramm in Zusammenarbeit mit der Kirche. Für die Mitwirkenden bedeutet das ein Jahr ganz im Zeichen der Passionsspiele. „Für andere Dinge“ hat nicht nur Frederik Mayet „keine Zeit“.

Jede der 21 Hauptrollen ist gleichberechtigt doppelt besetzt. Frederik Mayet und Rochus Rückel spielen Jesus. Foto: Gabriela Neeb
Jede der 21 Hauptrollen ist gleichberechtigt doppelt besetzt. Frederik Mayet und Rochus Rückel spielen Jesus. Foto: Gabriela Neeb

Ganz Oberammergau wird zur Bühne, und jeder trägt Verantwortung, damit gelingt, was der Evangelist Lukas am Ende seiner Erzählung der Leidensgeschichte schrieb: „Alle, die zu diesem Schauspiel herbeigeströmt waren und sahen, was sich ereignet hatte, schlugen sich an die Brust und gingen betroffen weg.“ (Lk 23,48)

Theater

Die letzte Rasur: Jesus beim Friseur

Wilde Bärte, lange Haare: Bald prägen sie wieder das Bild in Oberammergau. Ab Aschermittwoch gilt der Haar- und Barterlass.

Gespielt wird das Geschehen in der Karwoche in elf Szenen vom Einzug in Jerusalem über das Abendmahl bis hin zur Kreuzigung und Auferstehung.

Es gibt 21 Rollen, jede in gleichberechtigter Doppelbesetzung. Das Los entscheidet, wer in der Premiere spielt. In Wochenplänen wird entschieden, wer wann spielt. Wegen möglicher Krankheiten ist trotzdem Urlaubssperre. Wer einmal Hauptdarsteller ist und sich bewährt, hat große Chancen, wieder als solcher zu spielen, doch nicht unbedingt in der gleichen Rolle und schon gar nicht bis ins hohe Alter. Das ist eine der wichtigsten Erneuerungen durch Regisseur Stückl.

„Es ist auch nicht leicht, vor 4500 Menschen fast nackt am Kreuz zu hängen und den Todeskampf Jesu darzustellen.“

Frederik Mayet

Wer welche Rolle bekommt, entscheidet allein der Regisseur. Christian Stückl, 1961 in Oberammergau geboren, baute mit 20 Jahren eine eigene Theatergruppe auf und durfte schon mit 26 Jahren 1987 zum ersten Mal die Passionsspiele inszenieren – ein riesiger Erfolg. Gleichzeitig assistierte er den Münchner Kammerspielen, woraus sich eine fulminante Intendanten- und Regiekarriere ergab. Den Passionsspielen blieb und bleibt er treu.

Zwischenstand

Neumarkter Passionsspiele sind auf Kurs

Alle 19 Bilder sind gestellt und im Vorverkauf sind zwei Drittel der Karten weg. Am Sonntag ging es ums Souvenir des Events.

Zum vierten Mal inszeniert Stückl jetzt die Passionsspiele, die er auf vielen Ebenen umgedacht hat. Text, Bühnenbild, Kostüme und Musik wurden umgearbeitet, antisemitische Stellen gestrichen. Seit 2000 muss mindestens ein Drittel mit jungen Menschen unter 30 besetzt werden, damit die Passionsspiele authentisch wirken und an die nächste Generation weitergegeben werden können. Jedes Passionsspiel ist eine Neuinszenierung. 2020 wird der Sozialrevolutionär Jesus in den Vordergrund gestellt.

Die Geschichte der Festspiele

  • Der Ursprung:

    Seit 1634 werden die Passionsspiele aufgeführt. Der Überlieferung nach war die Pest der Anlass. Mitten im Dreißigjährigen Krieg gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre an das Leid und Sterben Jesu zu erinnern, wenn das Dorf Oberammergau von der Pest verschont bliebe. Daraus entstanden im 10-Jahresturnus die Festspiele.

  • Entwicklung:

    Schon im 18. Jahrhundert kamen Menschen aus ganz Deutschland, um die Leidensgeschichte Jesu zu sehen.

  • Verbot:

    In der Aufklärung wurden 1770 alle Passionsspiele, es gab über 300, vom Kurfürsten verboten. Später bekam Oberammergau ein Sonderrecht, die Passionsspiele wieder aufzuführen. 480 000 Besucher kamen 2010.

  • Heute:

    Noch gibt es Karten für 2020 (16. Mai bis 4. Oktober). Mit fünf Stunden Spielzeit und einer dreistündigen Pause wurden die Passionsspiele zum Ganztagesevent mit einer Gesamtdauer von acht Stunden, von 14:30 bis 22:30 Uhr.

Jesus ist die Starrolle. Ihn zu spielen, bedeutet sehr viel Verantwortung. „Ich habe sehr viel Respekt vor der Rolle“, gibt Frederik Mayet zu. „Es ist auch nicht leicht, vor 4500 Menschen fast nackt am Kreuz zu hängen und den Todeskampf Jesu darzustellen.“ Mit 39 Jahren ist Frederik Mayet zum letzten Mal Jesus. Doch mit Rochus Rückel, mit 23 Jahren der zweitjüngste Jesus-Darsteller in der fast 400-jährigen Geschichte der Passionsspiele, ist für Nachwuchs gesorgt.

Schauspielerisch ist allerdings Judas wegen dessen ambivalenten Charakters und der einzigen Solopassage die beliebteste Rolle. Die Besetzung mit Cengiz Görür, 19-jähriger Oberammergauer in der dritten Generation mit türkischen Wurzeln, überraschte, zumal er Moslem ist. Sein schauspielerisches Talent gab den Ausschlag und kann als Zeichen der christlichen Friedensbotschaft gewertet werden.

Festspiele

Muslimischer Regisseur für Oberammergau

Abdullah Kenan Karaca, ein waschechter Oberbayer, soll die Passionsspiele ab 2020 an der Seite von Christian Stückl leiten.

Ruft man in der Gemeinde an, erfolgt als erstes der Verweis auf Fragen zum Passionsspiel. Es ist die wichtigste Einnahmequelle der Oberammergauer. Ein Gewinn von 10 Millionen wurde 2010 erwirtschaftet.

Da lohnt die schauspielerische Nachwuchsarbeit zwischen den Passionsspielen. Schon beim jährlichen Krippenspiel der 6- bis 12-Jährigen werden Talente gesichtet.

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