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Soziales

Ein Konzept gegen Gewalt im Freistaat

Sozialministerin Schreyer kündigt mehr Geld für Frauenhäuser und Notrufe an. Im Blick hat sie auch neue Formen der Gewalt.
Von Christine Schröpf

Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten – körperliche Misshandlungen ist nur eine davon. Fotos: Maurizio Gambarini/dpa und Alexander Heinl/dpa
Gewalt gegen Frauen hat viele Facetten – körperliche Misshandlungen ist nur eine davon. Fotos: Maurizio Gambarini/dpa und Alexander Heinl/dpa

München.Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer wird dem Landtag kommende Woche ihr Gewaltschutz-Konzept vorstellen. Das Phänomen zeigt auch im Freistaat viele Fratzen. Opfer sind zumeist Frauen. Die Bandbreite reicht von häuslicher Gewalt bis zu Vergewaltigung, von Stalking bis zu Menschenhandel. 2017 registrierte die Polizei allein 19 673 Fälle häuslicher Übergriffe. Das Dunkelfeld der Taten, die nicht gemeldet werden, dürfte groß sein. Schreyer weiß das. Vor ihrer politischen Karriere, gleich nach dem Studium der Sozialpädagogik, hat die 46 Jahre alte CSU-Frau in der Familienhilfe gearbeitet. „Ich habe selbst Frauen in Frauenhäuser gebracht und erlebt, dass keine Plätze frei waren. Ich weiß, wie lange ich telefonieren musste, obwohl ich die Frauen mit ihren Kindern bereits im Auto hatte. Das sind Situationen, die will ich nicht und die will ich niemanden zumuten.“

Behinderte häufiger Opfer

Schreyer ist erst seit drei Monaten im Amt. Ein Kernstück ihrer Gegenstrategie, die in Teilen von Amtsvorgängerin Emilia Müller erarbeitet worden war, ist der deutliche Ausbau der Kapazitäten in den staatlich geförderten Frauenhäusern. Aktuell gibt es dort 347 Plätze für Frauen und über 400 Plätze für Kinder. Schreyer denkt an eine Ausweitung um 35 Prozent und sieht dabei auch die eigentlich zuständigen Kommunen in der Pflicht. Sie möchte nicht, dass eine höhere staatliche Förderung dazu führt, dass Städte und Gemeinden ihre eigenen Bemühungen herunterfahren. „So ist das nicht gedacht.“

Kerstin Schreyer ist seit drei Monaten bayerische Sozialministerin. Foto: Alexander Heinl/dpa
Kerstin Schreyer ist seit drei Monaten bayerische Sozialministerin. Foto: Alexander Heinl/dpa

Zum besseren Schutz von Gewaltopfern wurden nach Schreyers Angaben im Nachtragshaushalt 2018 bereits zusätzliche 1,5 Millionen Euro eingestellt. Im nächsten Doppelhaushalt 2019/2020 will sie im Kabinett für weitere Millionen kämpfen: Sie sind auch für mehr Personal in Frauenhäusern, Notrufen und Fachberatungsstellen gedacht. Die Einrichtungen sollen zudem möglichst barrierefrei gemacht werden. Denn: Frauen mit einer körperlichen oder psychischen Beeinträchtigung haben ein besonders hohes Risiko, zu Opfern zu werden. Die Polizeistatistik hat für die Jahre 2009 bis 2016 insgesamt 2049 Betroffene erfasst. „Täter suchen sich oft Opfer aus, die von ihrer ganzen Konstitution her schwächer sind. Wir wissen, dass gerade Frauen mit Behinderungen wesentlich häufiger Opfer sexueller Übergriffe werden“, sagt Schreyer. Die Frauenhäuser bemühten sich zwar um diese Betroffenen, bräuchten aber mehr Unterstützung. „Dazu müssen die Unterkünfte barrierefrei sein. Aber es ist auch eine Frage von Stellen und Fachkräften.“

Soforthilfen sind das Eine. Schreyer möchte aber nicht nur „finanzielle Löcher stopfen“, wie sie sagt. Sie fährt eine Doppelstrategie: Sie kündigt an, potenzielle künftige Gewaltprobleme in der Gesellschaft in den Blick zu nehmen. „Ich möchte nicht, dass wir sehenden Auges zulassen, dass Gewalt zunimmt.“ Die Ministerin setzt damit einen Akzent, der aus ihrer Sicht bisher zu kurz kam. Schon in der Debatte um das umstrittene Psychisch-Krankenhilfe-Gesetz hatte Schreyer bei den Planungen nachjustiert. Nun will sie im Zusammenspiel mit Experten ausloten, welche Gewaltformen in den nächsten Jahren in Bayern zunehmen könnten – und wie sich früh gegensteuern lässt. Auch im Freistaat gebe es Opfer von Menschenhändlern, die in elende Arbeitsverhältnisse gezwungen würden, sagt sie. Sie verweist auch auf junge Flüchtlinge, die im Krieg mit furchtbaren Geschehnissen konfrontiert waren. „Sie haben Gewalt erlebt oder selbst verübt. Das sind junge Menschen, die heute hier leben. Ich wünsche mir, dass wir eine Antwort darauf haben, wie sie diese Gewalt erkennen und anders leben lernen.“

„Mobben, Erpressen und unter Druck setzen. Hier dürfen nicht allein Frauen als Opfer betrachtet werden und Männer als Täter. Das können Frauen auch.“

Bayerns Sozialministerin Kerstin Schreyer

Schreyer spannt den Bogen weit: Gewalt habe auch ganz alltägliche Ausprägungen – wie die oft noch unterschätzten emotionalen Formen. „Mobben, Erpressen und unter Druck setzen. Hier dürfen nicht allein Frauen als Opfer betrachtet werden und Männer als Täter. Das können Frauen auch.“ Ein Problem sei der Liebesentzug für Kinder, die nicht die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen. „Was macht es mit einem Kind, wenn es immer funktionieren muss? Was passiert mit seinem Selbstwert?“ Und was bedeute dies am Ende für die Gesellschaft, die erwarte, dass diese Jungen und Mädchen trotzdem zu Leistungsträgern heranwachsen.

Zahlen mit Klärungsbedarf

Schreyer will im Rahmen dieser großen Analyse ebenso ausloten, was hinter auffälligen Zahlen und Entwicklungen steckt. So haben zwei Drittel der Frauen in bayerischen Frauenhäusern einen Migrationshintergrund. Im Bereich sexualisierte Gewalt ist wiederum nach der Kriminalstatistik der Polizei 2017 der Anteil der Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund gestiegen. „Wir müssen uns alle Entwicklung genau anschauen“, sagt Schreyer – und präsentiert mehrere Arbeitsthesen. „Wir wissen, dass es Familienstrukturen gibt, in denen bestimmte Gewaltformen stärker vorhanden sind.“ Nicht nur die Herkunft, auch der Bildungsgrad könne eine Rolle spielen. Oder aber akute Notsituationen der Täter. „Man weiß, dass im Fall von Arbeitslosigkeit Menschen oft verzweifelt sind. Das lässt sie Dinge tun, die sie sonst nicht tun würden.“

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