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Lehre

Ein Kraftakt für die Hochschule

Wegen einer Panne ist der Bachelor Soziale Arbeit an der OTH überbelegt. Das Studium läuft – einfach ist die Situation nicht.
Von Louisa Knobloch

461 Studierende haben zum Wintersemester 2017/18 ein Studium der Sozialen Arbeit an der OTH Regensburg aufgenommen. Foto: Knobloch
461 Studierende haben zum Wintersemester 2017/18 ein Studium der Sozialen Arbeit an der OTH Regensburg aufgenommen. Foto: Knobloch

Regensburg.Der Hörsaal S 054 an der OTH Regensburg ist gut gefüllt an diesem Mittwochmorgen, aber er ist bei weitem nicht überfüllt. „Erziehungswissenschaftliche Grundlagen“ stehen heute auf dem Stundenplan, Dozent Prof. Dr. Nicolas Schöpf erläutert den Studierenden gerade verschiedene Theorien zum Lernen. Wäre dies ein normales Semester würde Schöpf den Stoff in drei Gruppen mit jeweils etwa 45 Teilnehmern vermitteln. So steht er im größten Hörsaal der Hochschule vor dem kompletten ersten Semester.

461 Studierende haben in diesem Wintersemester ihr Studium der Sozialen Arbeit an der OTH Regensburg begonnen. Eigentlich sollten nur 137 Studierende zugelassen werden. Nun sind es mehr als dreimal so viele. „Mein erster Gedanke war: Wie sollen wir das bewältigen?“, sagt Dekan Prof. Dr. Wolfram Backert. „Mit dieser Größenordnung fehlte uns jede Erfahrung.“

Ein Tippfehler mit Folgen

Ein Tippfehler im Zulassungsverfahren war die Ursache. Die OTH Regensburg vergibt die Plätze in 17 Bachelorstudiengängen mit örtlicher Zulassungsbeschränkung über das „Dialogorientierte Serviceverfahren“ (DoSV), eine zentrale Datenbank der Stiftung für Hochschulzulassung. Dieses Verfahren ist seit seinem Start immer wieder wegen technischer Probleme in der Kritik. Bei der Zulassungspanne an der OTH Regensburg habe es sich aber nicht um einen Systemfehler des DoSV gehandelt, betont Prof. Dr. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Vielmehr sei das ein Einzelfall, „der auf ein Versehen im Ablauf zurückgeführt werden konnte“, so Hippler.

Konkret hatte ein Mitarbeiter der OTH Regensburg bei der Eingabe der Zulassungszahl in das DoSV-System einen Fehler gemacht, erläutert OTH-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Baier. Dass dies niemandem aufgefallen ist, liegt aber offenbar auch an der technischen Struktur des Programms: „Derzeit besteht keine Möglichkeit, sich die eingegebene Zahl vor der Freigabe noch einmal anzeigen zu lassen, um die eigene Eingabe zu kontrollieren“, kritisiert Baier. Das System besitze zudem keine Plausibilitätsüberprüfung.

Die Stiftung Hochschulzulassung sieht dagegen die Hochschulen in der Pflicht: „Das DoSV weist nicht von sich aus auf vermeintlich ungewöhnliche Zahlenwerte hin, da die Stiftung nicht bewerten will, ob die Eingaben der Hochschule richtig sind. Insoweit achtet die Stiftung die Verantwortlichkeit der Hochschulen als Ausdruck von deren Autonomie.“ Allerdings, so ein Sprecher, werde den Hochschulen empfohlen, die Angaben vor der erforderlichen Freigabe der Ranglisten noch einmal eingehend zu prüfen.

Da eine solche Überprüfung und gegebenenfalls Korrektur laut Baier aber gar nicht möglich ist, hat sich die OTH Regensburg jetzt an das Bayerische Wissenschaftsministerium gewandt – mit der Bitte, „sich dafür einzusetzen, dass die Stiftung für Hochschulzulassung die DoSV-Software verbessert“.

Prof. Dr. Wolfram Backert ist Dekan der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg. Foto: Knobloch
Prof. Dr. Wolfram Backert ist Dekan der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der OTH Regensburg. Foto: Knobloch

Künftig soll sich eine solche Situation also nicht mehr wiederholen. Die einmal verschickten Zulassungen konnte die OTH Regensburg aber nicht mehr zurücknehmen. Und so wurden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um der Studentenflut Herr zu werden. „Das ist aktuell natürlich eine große Belastung, sowohl für die Studierenden als auch für die Lehrenden“, räumt Dekan Backert ein. Die Situation sei ja nicht mit einem Semester abgegolten, sondern werde dreieinhalb Jahre bis zum Abschluss des Bachelorstudiums andauern. „Aber wir ziehen das jetzt durch und wir haben das Ziel, in der Ausbildung dieselbe Qualität zu halten wie im Normalbetrieb.“

Die erste große Herausforderung war es, den Lehrbetrieb für die vielen Studierenden sicherzustellen. „Bei der Stundenplangestaltung hat die Fakultätsverwaltung wahre Wunder vollbracht“, lobt Backert. Zum einen wurden deutlich mehr und größere Räume – auch an anderen Fakultäten – benötigt, zum anderen mehr Personal. Die OTH stellte zwei zusätzliche Lehrkräfte für besondere Aufgaben sowie eine zweite Fakultätsassistentin ein und vergab deutlich mehr Lehraufträge. Wurden von der verpflichtenden Übung „Gesprächsführung“ bislang pro Semester sechs bis sieben Kurse mit jeweils etwa 25 Teilnehmern angeboten, so sind es in diesem Semester ganze 17 Kurse mit jeweils etwa 33 Teilnehmern. Allein die zusätzlichen Personalkosten belaufen sich OTH-Präsident Baier zufolge über die Studienzeit von dreieinhalb Jahren auf 1,2 bis 1,5 Millionen Euro. Noch gar nicht einkalkuliert sind da die gestiegenen Sachkosten, etwa für Kopien und Lehrbücher, oder die Mittel für erforderliche Umbauten. Da der Frauenanteil an der Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften bei über 80 Prozent liegt, wurden Herrentoiletten kurzerhand zu zusätzlichen Damentoiletten umfunktioniert – die Herren müssen nun auf ein anderes Stockwerk ausweichen.

Neben den Lehrveranstaltungen verbringen die Studierenden auch sonst viel Zeit auf dem Campus: Sie essen in der Mensa, lernen in der Bibliothek oder nutzen die Sitzecken für Treffen von Lerngruppen. Von einem „gewissen Härtetest für die Infrastruktur“ spricht Backert. Auch hier will die Hochschule aufrüsten: Im Foyer der Fakultät Maschinenbau sollen bis Ende des Jahres 50 zusätzliche Sitzplätze entstehen, bei der Renovierung der Leseterrasse der Hochschulbibliothek werden im kommenden Frühjahr 30 weitere Arbeitsplätze entstehen. Zudem würden mit dem Studentenwerk Niederbayern/Oberpfalz Gespräche geführt, ob die Kapazitäten in der Mensa und der Cafeteria der Fakultät Maschinenbau erweitert werden können.

Hürde: Praktika und Klausuren

Die Erstsemester nehmen die Situation jedenfalls weitgehend gelassen: „Es ist besser als erwartet“, sagt Max (20). Zwar sei es ungewohnt, mit Hunderten Studenten in einem Hörsaal zu sitzen. „Aber die Dozenten geben sich Mühe, dass jeder mitkommt.“ Auch die 21-jährige Alina sieht wenig Grund zur Klage: „Ich finde, es ist trotz allem voll gut organisiert“, sagt sie. Lediglich in der Bibliothek seien manchmal die benötigten Bücher schon vergriffen, hat Veronika (22) beobachtet.

„Die nächste große Hürde wird die Prüfungszeit im Januar“, sagt Backert. Genügend Räume habe man mittlerweile organisiert, nun brauche man noch ausreichend Klausuraufsichten und Korrektoren. Ein wichtiger Teil des Studiums sind zudem Praktika: Das anstehende Kurzpraktikum mit ergänzendem Seminar sollen zwei Drittel der Studenten wie geplant im Sommersemester 2018 absolvieren, ein Drittel weicht aus auf das Wintersemester 2018/2019. Für das Praxissemester müssen dann ebenfalls ausreichend geeignete Plätze gefunden werden. Da die Studierenden nicht nur aus der Region, sondern zum Teil von weiter her kommen, hofft Backert, dass manche das Praktikum auch an ihrem Heimatort machen werden. „Und zum Schluss wollen noch über 400 Bachelor-Arbeiten betreut werden“, so der Dekan.

„Es werden sicher noch ein paar Überraschungen auf uns zu kommen“, ist Backert überzeugt. Zumindest über einen Punkt muss er sich keine Sorgen machen: Die Absolventen, da ist er sicher, werden alle einen Job finden: „Der Markt ist leer, die Einrichtungen suchen händeringend nach Fachkräften.“

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