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Ein Stadtrat bringt seine Söhne um

Die großen Schlagzeilen Ostbayerns: Hans Schrembs war ein angesehener Mann in Windischeschenbach. Niemand wusste um seine Verzweiflung.
Von Fritz Winter, MZ

  • Hans Schrembs war ein geachteter Mann in Windischeschenbach: CSU-Stadtrat, LBS-Bezirksleiter, Mitglied in vielen Vereinen. Aber innerlich war er völlig verzweifelt. Davon wusste niemand. Fotos: Archiv
  • Das Spielzeug legte er neben seine toten Söhne auf eine Decke.
  • Dominik Schrembs wurde vom Vater mit zwei Jahren getötet.
  • Johannes Schrembs wurde nur vier Jahre alt.

Windischeschenbach.Der Rollnhöfer Weiher liegt idyllisch im Wald bei Windischeschenbach in der nördlichen Oberpfalz. Im April 1987 steht der Weidener Zeitungsredakteur Stefan Zrenner am Waldrand. Bestatter tragen gerade einen Sarg mit zwei Kinderleichen aus dem Unterholz. Wenige Stunden zuvor hatte sich sich hier eine entsetzliche Tragödie abgespielt. Hans Schrembs, CSU-Stadtrat, Bausparkassen-Bezirksleiter und Mitglied in vielen Vereinen, hatte seine Söhne Johannes (4) und Dominik (2) mit einer Axt erschlagen und dann versucht, sich die linke Hand abzuhacken. „Niemand in Windischeschenbach, nicht einmal seine Frau Thea, wussten damals, wie innerlich verzweifelt Schrembs war“, erinnert sich Zrenner heute.

Spielzeug neben den Leichen

„Er war einer von uns“, erzählen ehemalige Freunde von Schrembs, der Vorsitzender der örtlichen DJK und designierter Bürgermeisterkandidat seiner Partei war. „Fast jeden Tag hat er eine Runde durch den Ort gemacht“. Nur nicht an jenem sonnigen Mittwoch, den 29. April vor 26 Jahren. Statt einen morgendlichen Geschäftstermin wahrzunehmen, bei dem er Ärger vermutet, packt er seine Söhne in seinen BMW und fährt zum Rollnhöfer Weiher. Dabei hat er Spielzeug: Einen Radlader, einen Bagger und ein Stofftier – die Kripo wird später daraus das Mord-Motiv der Heimtücke herleiten, weil sie annimmt, dass Schrembs seine Kinder damit zum Spielen in den Wald locken wollte.

Am Weiher angekommen, fackelt Schrembs nicht lange. Er drosselt seinen Sohn Johannes bis zur Bewusstlosigkeit. Als der zweijährige Dominik fragt „Papa, was machst Du da?“, antwortet er: „Wir können nicht mehr heim. Wir müssen eine weite Reise machen“. Als Johannes wieder zu röcheln beginnt, holt Schrembs aus dem Kofferraum eine Axt und schlägt auf die Köpfe seiner Kinder ein. Dann will er sich selbst umbringen. Zunächst fährt er zur nahen Waldnaabtalbrücke, schafft es aber nicht, in die Tiefe zu springen. Zurück bei den Kinderleichen versucht er, sich die linke Hand abzuhacken. Knochen und Sehnen werden verletzt – entgegen seiner Absicht verblutet Schrembs aber nicht.

In „depressivem Wahn“ gehandelt

Inzwischen hatte seine Frau zu Hause einen Abschiedsbrief gefunden. „Wenn Ihr diese Zeilen lest, wird große Trauer bei Euch herrschen. Ich habe mein Gedächtnis verloren. Wo kein Geist ist, sind auch keine Ideen mehr. Der Tod ist der einzige Ausweg ...“, heißt es darin. Gegen 14 Uhr wird die Polizei alarmiert. Eine Großfahndung läuft an. Am Donnerstagvormittag entdeckt die Besatzung eines Polizeihubschraubers den Wagen von Schrembs in einer Waldschneise. Er kommt mit erhobenen Händen aus dem Unterholz und wird festgenommen.

Ganz Windischeschenbach rätselt, was den ehrbaren Bürger Hans Schrembs dazu gebracht haben könnte, seine beiden Söhne abzuschlachten. Vieles wird diskutiert – auch dass er einen Lottogewinn über rund 170 000 Mark gemacht haben soll und eigentlich sorgenfrei in die Zukunft schauen könnte. Antworten sollte es erst im November 1987 geben, als sich Schrembs wegen Totschlags in zwei Fällen vor dem Landgericht Weiden verantworten musste.

Gutachter bescheinigten dem Angeklagten, in einem „depressiven Wahn am Rande der totalen Schuldunfähigkeit“ gehandelt zu haben. Schon von Kindesbeinen an sei Schrembs unfähig gewesen, seine Probleme mit anderen Menschen zu teilen. Nach seinem Lottogewinn habe er sich im Streben nach einem eigenen Häuschen und nach Familienglück hoch verschuldet. Und irgendwann habe er selbst daran geglaubt, ausweglos in der Falle zu sitzen. „Alles was ich im Leben anpackte, war verkehrt“, sagte er selbst vor Gericht und bat für sich um eine „harte Strafe“.

Stefan Zrenner, der auch den Gerichtsprozess verfolgte, erinnert sich besonders an das Gutachten des Würzburger Psychiaters Hans Sattes, der von einem „Fall wie aus dem Lehrbuch“ gesprochen hatte. Zrenner: „Schrembs sah in seinem Verschuldungswahn einen letzten Liebesdienst an seinen Kindern, als er sie umbrachte“. Sattes bestätigte Schrembs, nicht der „Typ des Mörders“ zu sein. Stattdessen sei er vor und während der Tat seelisch schwer krank gewesen. Einen Selbstmordversuch hatte er bereits hinter sich. Er wollte sich an einem Baum erhängen, hantelte sich an einem Ast aber wieder hoch, als sich die Schlinge bereits zugezogen hatte.

Das Landgericht Weiden verurteilte Schrembs schließlich wegen Totschlags in zwei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von 14 Jahren. Das Heimtücke-Merkmal des Mordes sah das Gericht wegen der „krankhaften Verblendung“ des Angeklagten als nicht gegeben an. Schrembs saß seine Freiheitsstrafe im Gefängnis in Straubing ab. Mittlerweile ist er, soweit zu ermitteln war, verstorben.

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