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Umwelt

Eine Aufgabe für mehrere Generationen

Hans Heinrich Vangerow war der erste Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald. Er hat gute und schlechte Erinnerungen an die Anfangsjahre.
Von Fritz Winter, MZ

Biologe Otto Lendner zeigt im „Haus zur Wildnis“ auf das Bild einer Buche. Im Nationalpark Bayerischer Wald greift der Mensch nicht mehr in das Ökosystem Wald ein – ein naturnaher Urwald kann sich entwickeln. Das Projekt war in den Anfangsjahren allerdings heftig umstritten. Foto: dpa

Donaustauf. Dr. Hans Heinrich Vangerow kann ein sehr umgänglicher Mensch sein. Zum Beispiel, wenn der Leitende Forstdirektor außer Dienst mit seinen 87 Jahren bei den von ihm gegründeten Waldjugendspielen der Jugend die heimischen Baumarten und die Tiere des Waldes erklärt. Er kann aber auch unangenehm werden. Wenn er – wie in seiner aktiven Dienstzeit an der Oberforstdirektion in Regensburg geschehen – hohe Bundeswehroffiziere in Reih und Glied antreten lässt, auf seinen Forstdienstgrad verweist („Leitender Forstdirektor ist so viel wie Oberst, meine Herren!“) und ihnen eindringlich vor Augen führt, wie nachhaltig die schweren Panzer den Waldboden verdichten und große Umweltschäden anrichten.

„Nicht einmal einen Stuhl“

Geärgert hat sich der Forstwissenschaftler auch im vergangenen Jahr, als in Grafenau das 40-jährige Jubiläum des Nationalparkes Bayerischer Wald gefeiert wurde. „Da haben die für mich und für den Vertreter der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald nicht einmal einen Stuhl übrig gehabt“, zürnt der gebürtige Ostpreuße noch heute. „Dabei war ich von Juli 1973 bis November 1979 immerhin der erste Leiter der Nationalparkverwaltung – und es waren schwierige Jahre, glauben Sie mir das“, sagt er im MZ-Interview.

Herzliche Grüße an den Neuen

Erst vor kurzem gab es im Nationalpark einen Stabwechsel: Der Amtschef im Bayerischen Umweltministerium, Wolfgang Lazik, verabschiedete nach 13 Jahren Nationalpark-Leiter Karl Friedrich Sinner und führte Franz Leibl (54), bislang Leiter des Sachgebietes Naturschutz bei der Regierung von Niederbayern, in sein Amt ein. Die Nachrichtenagenturen berichteten vom dritten Nationalparkchef nach Hans Biebelriether und Karl Friedrich Sinner – die Anfangszeit mit Hans-Heinrich Vangerow ist offenkundig schon in Vergessen geraten. „Ich habe Leibl ganz herzlich zum neuen Amt gratuliert – ich kenne ihn ja aus jungen Jahren“, sagt der leidenschaftliche Forstmann, der seit 1973 in Donaustauf bei Regensburg lebt. „Ein Mann mit Ideen und mit Durchsetzungskraft.“

Diese Ideen und diese Durchsetzungskraft brauchte es auch Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als der Bayerische Landtag beschloss, in Niederbayern zwischen Rachel und Lusen den ersten deutschen Nationalpark zu errichten. Unter Ministerpräsident Alfons Goppel waren Landwirtschafts- und Forstminister Hans Eisenmann und sein Staatssekretär Simon Nüssel – beide kannten sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei der Bayernpartei – die treibenden Kräfte. Ein Nationalpark nach international geltenden Regeln sollte entstehen, um „Verständnis für Wald-, Pflanzen und Tierwelt zu wecken, die ursprüngliche Natur zu erhalten und den Fremdenverkehr im Bayerischen Wald zu fördern“, wie es in einer zeitgenössischen Urkunde heißt.

Kein leichtes Unterfangen, denn in der Mittelgebirgsregion dominierten Hochleistungsbestände – uralte Tannen oder Buchen, auf deren Nutzung die Bayerische Forstverwaltung verzichten sollte. Es brauchte einen durchsetzungsfähigen Verwaltungsmann wie Hans Heinrich Vangerow, der sich gegen die Eitelkeiten der beteiligten Forstämter, gegen die protestierende Holzindustrie, gegen allzu nassforsche Umweltschützer und auch gegen örtliche Politiker stemmen musste, die jede ein eigenes Wildgatter mit Tieren haben wollten. Prof. Bernhard Grzimek, damals hochangesehener Tierforscher, hatte sogar die absurde Idee in die Welt gesetzt, im Bayerischen Wald eine „Tierfreiheit“ zu begründen, mit dort lebenden Schimpansen oder Giraffen.

Manche glaubten an Missgeburt

Auf Forstminister Hans Eisenmann lässt Vangerow heute noch nichts kommen. „Ein Teil der Verwaltung hat den Nationalpark als Missgeburt angesehen – wir aber nicht“, sagt er. Auch wenn der Nationalpark eine Aufgabe von Generationen sei, sei heute schon zu erkennen, dass aus dem Projekt „gewaltig was geworden ist“.

Man habe gelernt, dass man die Wälder nicht nur zur Holzerzeugung braucht und dass die Natur auch mit größeren Schäden, etwa durch den Windwurf oder den Borkenkäfer, selbst fertig wird. Erfahrungen, die man im Nationalpark gemacht hat, können heute in den aus Klimagründen notwendigen Waldumbau mit einfließen. Einschließlich der Tiergehege, des Wildniscamps und des Besucherzentrums im heutigen Hans-Eisenmann-Haus biete der Nationalpark gerade der Jugend große Lernchancen. Bei den Waldjugendspielen habe er selbst gelernt, dass die Jugend „doch sehr weit weg vom Wald und seinen Tieren ist“, beklagt Vangerow. Deshalb wünscht er sich, dass der Nationalpark gerade im Bemühen um die Jugend ungestört arbeiten darf.

Etwas wehmütig ist Vangerow aber doch, seit der Nationalpark nicht mehr zu seiner geliebten Forstverwaltung, sondern zum Umweltministerium gehört. Dort sei der Park „nur ein ganz kleines Steinchen im Mosaik“. „Der Minister Söder ist sehr begabt und kann sehr gut reden, aber trotzdem mache ich hinter ihn immer ein Fragezeichen“, sagt Vangerow, der sich seit seiner Pensionierung 1989 kein Blatt mehr vor den Mund nehmen muss. Trotzdem: Auch mit 87 Jahren bleibt der Nationalpark sein Kind, dessen Entwicklung er mit großem Interesse verfolgt. „Denn es ist noch längst nicht alles in trockenen Tüchern.“

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